Nationalsozialismus:Freiwillig für Hitler in den Krieg

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Und jetzt war er für Hitler in den Krieg gezogen - freiwillig. Zunächst war er dem Aufruf für den Volkssturm gefolgt, der an alle "waffenfähigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren" ging. Dann war er nach einer kurzen Ausbildung von der Waffen-SS kassiert worden, ohne Widerspruch. Nur einer aus dem Heer der mehr als tausend "freiwilligen" 15- und 16-Jährigen hatte Rückgrat bewiesen und "Nein" gesagt: "Waffen-SS? Meine Eltern haben mir das untersagt ..." Und dann geschah das, was wohl keiner der Jugendlichen erwartet hatte: Der Obersturmbannführer, der nach einer markigen Rede die Kindersoldaten übernehmen wollte, goss seine Häme "über den Weichling" aus - aber schickte ihn tatsächlich nach Hause. Warum nur hatte Günter nicht auch so reagiert?

Jetzt, im Schützenloch bei Dürnholz, war es ohnehin zu spät. Der Krieg war verloren, das sahen selbst die naivsten Optimisten ein. Viele der Jugendlichen hatten sich bei den Bauern Zivilkleidung besorgt, kurze Hosen zum Beispiel. Sie hatten sich auf den langen Fußmarsch Richtung Heimat begeben. Und waren doch nur bis zum nächsten Dorf gekommen, wo sie von der Feldgendarmerie, den sogenannten Kettenhunden, umgehend erschossen oder am nächsten Baum aufgeknüpft wurden.

Andere seiner jungen Mitstreiter waren den sowjetischen Granatwerfern, nicht sehr lauten und daher hinterhältigen Waffen, zum Opfer gefallen. Auch jener Cohen, mit dem er lange Zeit im gleichen Schützenloch gehockt und den er nur für einen Augenblick verlassen hatte - den entscheidenden, der ihm das Leben gerettet hatte.

Blasse Kindergesichter unter zu großen Stahlhelmen

Sie waren eine erbarmungswürdige "Armee": "Es waren Buben, blasse Kindergesichter, die Feldblusen viel zu groß. Ihre dünnen Finger verschwanden unter zu langen Ärmeln, die schmalen Gesichter unter zu großen Stahlhelmen", beschrieb ein gewisser Hauptmann Otto Haffner, ein Zeitzeuge, in seinen Aufzeichnungen. Längst hatte es Lucks bereut, sich für den Krieg gemeldet zu haben.

Eigentlich wollte er ja nur dem tristen Leben in einem Hamburger Ruinenkeller entfliehen, in dem er mit seiner Mutter und ihrem neuen Mann sowie zwei Halbgeschwistern ein jämmerliches Dasein fristete. Denn Günter Lucks war schwer traumatisiert, hatte als 14-Jähriger mit knapper Not den Hamburger Feuersturm überlebt, das alliierte Bombeninferno der "Operation Gomorrha" im Juli 1943.

Er war in einem mehrstöckigen Wohnhaus von einer brennenden Holzwand begraben worden und in Ohnmacht gefallen. Als er wieder aufgewacht war, lag er im Treppenhaus und sah seinen ein Jahr älteren Bruder Hermann, der ihn beruhigte: "Bleib liegen, Günter, ich hole Hilfe." Dann rannte Hermann los - und kam nie wieder. Verbrannt, von Trümmern erschlagen, durch Sauerstoffmangel erstickt - was auch immer. Hermann wurde eines der zahllosen Opfer der Bombardements. Allein und in Todespanik wankte Günter Lucks durch die brennenden Straßen des Hamburger Ostens, durch die der berüchtigte Feuersturm fegte.

Nach der politischen Vernichtung des "roten Hamburger Ostens" durch die Nazis wurde er Zeuge der physischen Auslöschung so traditionsreicher Arbeiterbezirke wie Hammerbrook oder Rothenburgsort durch alliierte Bomben. Folgenreich für den Jungen war auch das Scheitern der Ehe seiner Eltern, beide gründeten neue Familien, so dass es nach dem Tod seines Bruders eine Phase gab, in der sich Günter Lucks fühlte wie der einsamste Mensch der Welt.

Ende April 1945 jedenfalls, dieser schreckliche Krieg sollte nur noch wenige Tage dauern, wurde er in Niederösterreich von einer Granate an Arm und Rücken schwer verletzt. Er war gerade mit dem Einsammeln nichtverbrauchter Munition beschäftigt, an allem herrschte bereits Knappheit, da vernahm er dieses leise Flattern in der Luft. Zeit, sich zu verstecken, blieb nicht. "Es traf mich wie der Schlag mit einem armdicken Holzknüppel. Ich fiel um, war bei vollem Bewusstsein und hatte keine Ahnung, wie verletzt ich tatsächlich war."

Verräterische Tätowierung im Oberarm

Als ein Kamerad ihn zum Sanitätsplatz tragen wollte, traf ihn der Schuss eines Maschinengewehrs auch noch ins Gesäß. Lucks überlebte, wurde operiert, ein Sanitätszug sollte ihn in die Heimat bringen. Doch dazu kam es nicht mehr. Der Zug steckte im Niemandsland zwischen amerikanischen und sowjetischen Truppen fest, scheinbar im Jenseits von Zeit und Raum. Der Krieg war zu Ende und niemand kümmerte sich um diese Elendsfuhre - fast vier Wochen lang. Als Mitglied der Waffen-SS war er durch das verräterische Blutgruppenmerkmal im linken Oberarm, das fast alle Mitglieder dieses Verbandes tätowiert bekamen, stigmatisiert. Erneut stand Lucks Höllenängste aus: Geriet er in tschechoslowakische Gefangenschaft kam das einem Todesurteil gleich, auch die Russen kannten mit Hitlers "Elite-Soldaten" keine Gnade, zumeist wurden sie umgehend erschossen. Also hoffte er, in amerikanische Gefangenschaft zu geraten. Vergeblich!

Er blieb am Leben, weil er gegenüber den Russen nie versuchte, seine SS-Mitgliedschaft zu leugnen wie so viele andere. Er log nicht, erklärte offen, wie er in diesen verbrecherischen Kampfverband geraten war und erwarb sich damit offenbar den Respekt seiner Bewacher. Und weil er aussah wie ein Kind. Doch während andere Jugendliche seines Alters, zumal verletzt wie er, umgehend nach Hause geschickt wurden, begann für Günter Lucks eine neue Leidenszeit - eine viereinhalbjährige Odyssee durch zahlreiche Gefangenenlager in der Sowjetunion.

Oft war er dem Tod näher als dem Leben - im Viehwagon ohne Nahrung bei Frost, geplagt durch seine nicht heilen wollenden Verletzungen, immer wieder als SS-Angehöriger Prügel ausgesetzt. Doch Günter Lucks verbitterte nicht, er gab nie auf. Und er sah auch in seinen Bewachern und Peinigern stets die Menschen, Opfer eines schrecklichen Krieges, der von seinem Land ausgegangen war. Eines Krieges, der in den Ländern, die er überzog, noch viel größeres Leid ausgelöst hatte.

Als Lucks im Januar 1950 zurück in seine Heimatstadt Hamburg kam, hatte er sich verändert. Er fand zurück zu seinen kommunistischen Wurzeln, siedelte Mitte der Fünfzigerjahre mit seiner jungen Frau sogar in die DDR über - kehrte aber nach nur eineinhalb Jahren im Braunkohlenrevier zutiefst ernüchtert in seine Heimatstadt zurück.

Günter Lucks  Krieg

Günter Lucks heute.

(Foto: Florian Quandt)

Seine politische Odyssee beendete er, bitter enttäuscht von ideologischer Engstirnigkeit und Dogmatismus, als überzeugter Demokrat und Gewerkschafter. Heute gestaltet Günter Lucks, 88-jährig, als Mahner vor Krieg und Totalitarismus, auch in Hamburger Schulen als Zeitzeuge Geschichtsstunden.

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Lucks war erst im hohen Alter bereit, die Geschichte seiner Jugend zwischen roter und brauner Indoktrination sowie die eines SS-Kindersoldaten niederzuschreiben. Die drei Bücher von Günter Lucks und des Autors Harald Stutte "Der rote Hitlerjunge", "Ich war Hitlers letztes Aufgebot" und "Hitlers vergessene Kinderarmee" sind im Rowohlt-Verlag erschienen.

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