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Nationalsozialismus:Der Hitler-Gruß pervertiert menschliche Kommunikation

Angehörige des BDM grüßen NS-Prominenz

Angehörige des BDM (Bund Deutscher Mädel) grüßen die vorbeifahrende NS-Prominenz mit dem Hitler-Gruß.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Soziologe Tilman Allert seziert den "Deutschen Gruß" - und analysiert so den Hitler-Staat auf bestürzende Weise.

Rezension von Robert Probst

"Volksgenosse, trittst Du ein, soll Dein Gruß 'Heil Hitler' sein!" Solche Türschilder gab es in NS-Deutschland und nicht nur beim Eintreten in die Privatsphäre war der "Deutsche Gruß" von Partei und Staat dekretiert worden, auch in der Schule, im Schriftverkehr, in der Öffentlichkeit. Und die Deutschen machten mit.

Die Grußgemeinschaft als eine Gesinnungsgemeinschaft - so wird das im Allgemeinen gedeutet, wenn es um das millionenfache, tägliche Emporstrecken des rechten Armes bei flach geöffneter Hand bis in Augenhöhe im NS-Staat geht. Oder als erzwungene Routine, da jede Abweichung vom Sommer 1933 an mit scharfen Sanktionen belegt war.

Dass man es hier jedoch mit sehr viel mehr als mit einem krassen Fall von politischer Sprach- und Gestenlenkung zu tun hat, lehrt die oft gelobte Studie von Tilman Allert über die "Geschichte einer unheilvollen Geste" aus dem Jahr 2005, die nun in einer aktualisierten (und um ein Kapitel des Grußes in der DDR erweiterten) Taschenbuchausgabe vorliegt.

Der Frankfurter Soziologe Allert hat sich in der Tradition von Georg Simmel auf den Weg gemacht, "an jeder Einzelheit des Lebens die Ganzheit seines Sinns zu finden". Sein Ziel war es, den Hitlergruß analytisch zu isolieren und auf diese Weise den Schlüssel zu liefern für den Sinn und das Funktionieren der NS-Diktatur. Das ist Allert auf beeindruckende Weise gelungen.

Die Bedeutung des Grußes als Urform des Sozialen für das Zusammenleben einer Gesellschaft, das Eindringen der Politik ins Private, das Zerlegen der Geste und der Sprachformel "Heil Hitler" in seine Einzelteile, die Einbindung der Grüßenden in die "Volksgemeinschaft" durch einen stets wiederholten Schwur auf einen charismatischen Führer - es lohnt, sich das immer wieder zu vergegenwärtigen, auch wenn das Soziologendeutsch hohe Konzentration verlangt.

Doch die Essenz dieses Essays ist klar verständlich - und verstörend. Hitler habe das Grüßen konfisziert und damit die Grundlagen menschlicher Kommunikation verformt beziehungsweise pervertiert, schreibt Allert. Das geht weit über die Konformitätstheorie hinaus.

"Veralltäglichte Huldigung Hitlers"

Die "veralltäglichte Huldigung Hitlers" habe zur "Gegenwartsblindheit" geführt; erzeugt wurde eine "Kultur der Teilnahmslosigkeit" und das Absinken in die "zivilisatorische Regression", die letztlich - verkürzt gesagt - zu den Massenverbrechen im Dritten Reich geführt habe.

Diese Schlussthese ist gewagt, sie blieb auch schon zur Erstveröffentlichung nicht ohne Widerspruch. Und dem Historiker fehlt natürlich die kaum beizubringende Quellenbasis für Zuspruch und Reichweite des Hitlergrußes. Bestürzend genug bleibt, wie die humanste aller Gesten so kollektiv und gründlich ins Inhumane und Richtung Barbarei gelenkt werden konnte.

Tilman Allert: Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2017, aktualisierte und erweiterte Neuauflage, 160 Seiten, 9,99 Euro.

© SZ vom 22.05.2017/odg

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