Nationalist Thierry Baudet:Baudets Gedanken - anschlussfähig an die Alt-Right-Bewegung

Einen Ruf als Provokateur hatte er sich schon früher erworben, etwa mit scharfen Zeitungskolumnen, in denen er gegen die EU schoss. Nach dem Studium lehrte der Jurist und Historiker zunächst Rechtsphilosophie in Leiden und promovierte mit einer Hymne auf den Nationalstaat. Demnach kann der demokratische Rechtsstaat nur in einem Nationalstaat mit gesicherten Grenzen existieren; alle Formen von Supranationalität, sei es in Gestalt der EU oder internationaler Gerichte und Organisationen, korrumpieren ihn.

Später versuchte Baudet eine Volksabstimmung gegen die EU zu lancieren, die er ein "kulturmarxistisches Projekt" nennt, "ausgerichtet auf das Führen von Kriegen". Er verfasste ein Buch mit dem linken Schriftsteller Geert Mak, "um die öffentliche Debatte aufzubrechen", schrieb Werke über Architektur, klassische Musik und einen Schlüsselroman über Gigolos und die Kunst, Frauen herumzukriegen.

Lustvoll verteidigte er die These des äußerst umstrittenen US-Verführungscoachs Julien Blanc, das andere Geschlecht müsse zu seinem Glück auch mal härter angefasst und gezwungen werden, von Männern mit "Killerinstinkt". Frauen wollten von ihrem Sexpartner nicht nur mit Respekt behandelt werden, schrieb Baudet in einem Blog, "sie wollen auch keinesfalls, dass man ihr Nein, ihren Widerstand respektiert. Die Realität ist, dass Frauen überrumpelt, beherrscht, ja: übermannt werden wollen." Bei Feministinnen ist er verhasst wegen solcher Macho-Sprüche.

Stark geprägt ist sein Denken durch das "Oikophobie"-Konzept des britischen Philosophen Roger Scruton. Die "Angst vor dem Eigenen" soll eine gegen die eigene Kultur und die eigenen Werte gerichtete Zerstörungswut kennzeichnen, der westliche Eliten unterlägen. Deren "pathologischer Selbsthass" und "Weg-mit-uns-Ideologie" sei die "Krankheit unserer Zeit". Auch den Franzosen Pascal Bruckner und dessen Theorie vom "Schuldkomplex", der Europa plage, zitiert Baudet gern.

Aus der Gegenwart, dieser "Zeit der Dissonanzen", wünscht er sich ins 19. Jahrhundert zurück. Auf einem Parteitag schwärmte er von der Epoche, "als Europa der strahlende Stern der Welt war, mit Klavierkonzerten von Brahms, Opern von Puccini und Wagner, der Poesie von Rilke und Baudelaire", einer Zeit vor dem "Terror der modernen Kunst" und den "unterminierenden Ideen" der Frankfurter Schule, als noch keine "modernistische Architektur die Silhouetten unserer alten Städte verschandelte". Aus Wut über Nietzsches Entdeckung vom Tod Gottes, sagte Baudet bei einer anderen Rede, habe der moderne Mensch alles Wertvolle vernichtet.

Rassismusvorwürfe gegen Mitglieder seiner Partei

Baudets Gedanken sind mehr als konservative Romantik, sondern anschlussfähig an Ideen der Alt-Right-Bewegung in den USA oder der Identitären in Europa. Der Niederländer hat Kontakte zu einschlägigen Figuren aus dieser Szene. Unter anderem traf er den US-Rechtsextremisten Jared Taylor, der für die vermeintliche Überlegenheit der weißen Rasse eintritt.

Zu seinen "guten Freunden" zählt der rechtsextreme Franzose Julien Rochedy. Regelmäßig retweetet er Artikel extrem rechter Autoren, die etwa von einer "Umvolkung" in Europa sprechen. In seinem Bücherregal steht "Die Intelligenz und ihre Feinde" des bei der Neuen Rechten beliebten deutschen Humangenetikers Volkmar Weiss.

Er selbst warnte vor der "homöopathischen Verdünnung" des niederländischen Volkes durch die Einwanderung, vor "fremden, aggressiven Elementen, die in unseren gesellschaftlichen Körper geschleust werden". Die Gesellschaft sei "am Rande des totalen Zusammenbruchs".

Mehrmals wurden Rassismus-Vorwürfe gegen hohe Parteimitglieder erhoben. Laut Baudets engstem Mitstreiter Theo Hiddema ist es "Wissenschaft", dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Intelligenzquotienten und bestimmten Völkern. Baudet hat die Vorwürfe wiederholt bestritten. Das sei "Schwachsinn, bullshit", aufgebauscht von politischen Gegnern und den Medien.

© SZ vom 21.03.2018
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