Nationalist Thierry Baudet:Der Mann, der Geert Wilders den Rang abläuft

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Der kultivierte Provokateur: Thierry Baudet.

(Foto: Richard Wareham/imago)
  • Kurz vor den Kommunalwahlen in den Niederlanden interessiert sich kaum noch jemand für Geert Wilders.
  • Denn der 35 Jahre alte Thierry Baudet hat ihm rechtsaußen den Rang abgelaufen.
  • Politisch unterscheiden sich die beiden kaum. Doch Baudet ist für viele der nettere, kultiviertere, der wählbare Rechte.

Von Thomas Kirchner, Brüssel

Ein Filmchen, es läuft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dramatische Musik, große, rote Schrift. "Der Islam ist Gewalt", steht da, "der Islam ist Terror". "Ist Krieg", "ist Judenhass", immer weiter. Am Ende - "der Islam ist tödlich" - tropft sogar Blut aus den Buchstaben. Geert Wilders greift nicht zum ersten Mal zu dieser Art von Propaganda. Aber so extrem war der Rechtspopulist noch nie. An diesem Mittwoch sind Kommunalwahlen in den Niederlanden, er braucht Aufmerksamkeit um jeden Preis. Es funktioniert: Empörung allerorten, Strafanzeigen.

In Wahrheit trieft auch Verzweiflung aus dem Werbespot. Denn für Wilders interessiert sich kaum noch jemand. Rechtsaußen hat ihm ein anderer den Rang abgelaufen. Der Schrecken der Liberalen ist nicht mehr Wilders, sondern Thierry Baudet, 35. Kein Tag, an dem sein Name nicht in der Zeitung steht. Es gibt wilde Angriffe gegen ihn, vehemente Verteidigungen, Porträts, Interviews, Homestorys, Klatschgeschichten, die Medien arbeiten sich ab an dem telegenen Politiker. Baudet sells. Auch bei den Wählern.

Wenn jetzt Parlamentswahl wäre, würde Baudets Forum für Demokratie laut einer Umfrage mit 16 Mandaten Platz zwei erreichen, hinter den Rechtsliberalen von Ministerpräsident Mark Rutte; Wilders wäre Siebter. Bei der Wahl vor einem Jahr hatte das erst kurz zuvor gegründete Forum zwei Sitze errungen. In Amsterdam, der einzigen Stadt, in der die Partei nun antritt, könnte sie die Sozialdemokraten überholen.

Die Konkurrenz sieht in Baudet, der 2017 von der Nachrichtensendung "EenVandaag" zum "Politiker des Jahres" ernannt wurde, einen neuen Gegner. "Baudet ist gefährlicher als Wilders", warnt Alexander Pechtold, Chef der linksliberalen Regierungspartei D66, "bei Wilders waren wir zu spät dran, deshalb muss Baudet jetzt gestoppt werden." Auch Wilders selbst wittert den Rivalen. Im Parlament belehrte er Baudet neulich barsch, er verhalte sich schon wie die von ihm kritisierten "Kartellparteien".

Politisch unterscheiden sich die beiden kaum. Auch Baudet ist ein erklärter Nationalist und will die "Masseneinwanderung" stoppen. Er wettert gegen die Europäische Union, gegen die "Mainstream-Medien" und "politische Korrektheit", gegen die "Übermacht linksliberaler Eliten" in allen Bereichen der Gesellschaft.

Aber während Wilders über die Jahre verbissener geworden ist und mit seinem Hass auf den Islam gemäßigtere Rechte verschreckt, wirkt Baudet verbindlicher, weniger radikal. Er zeigt sich viel öfter, geht in die Talkshows, die Wilders meidet. Dort kommen Baudets Aussehen und seine Eloquenz zur Geltung, sein filouartiger Charme, der unschuldige Augenaufschlag. Sein Auftreten signalisiert Harmlosigkeit.

Baudet steht für eine andere Generation von Populisten

Wie viele neurechte Bewegungen hat das Forum Strategien der anderen Seite gekapert: Um Gegendemonstranten auszutricksen, schipperte die Parteispitze am Wochenende auf einem "Loveboat" durch Amsterdams Grachten. Augenzwinkernd.

Gerne kokettiert Baudet auch mit seiner Intellektualität, seiner Kultiviertheit. Ein oft gedrucktes Bild zeigt ihn räkelnd auf einem Piano; zur Freude der Medien hievte er sein privates Klavier ins Abgeordnetenbüro im Haager Parlament. Einem Fernsehteam erzählte er, was er zu Hause kocht und wie gern er an dem Lavendelsäckchen schnuppert, das im Wohnzimmer hängt. Seine erste Parlamentsrede begann er auf Lateinisch.

Er ist für viele Niederländer der nettere, der wählbare Rechte, vor allem bei Jüngeren, die er gezielt über Facebook anspricht. Chic, smart, sexy: Dieser Mann steht für eine andere Generation europäischer Populisten, die noch erheblich höhere Stimmenzahlen erzielen könnten, als es etwa Marine Le Pen oder Alexander Gauland bisher schafften.

Zusätzliche Wählerschichten zieht Baudet mit seinem Einsatz für mehr direkte Demokratie an. Er war einer der Initiatoren des Referendums gegen das EU-Abkommen mit der Ukraine im Jahr 2016. Mit einem klaren Sieg brachten sie die Regierung in eine missliche Lage. Dass Rutte das Nein der Bürger ignorierte, machte Baudet noch populärer. Bald darauf beschloss er, Politiker zu werden und seinen Thinktank, das Forum, in eine Partei umzuwandeln.

Baudets Gedanken - anschlussfähig an die Alt-Right-Bewegung

Einen Ruf als Provokateur hatte er sich schon früher erworben, etwa mit scharfen Zeitungskolumnen, in denen er gegen die EU schoss. Nach dem Studium lehrte der Jurist und Historiker zunächst Rechtsphilosophie in Leiden und promovierte mit einer Hymne auf den Nationalstaat. Demnach kann der demokratische Rechtsstaat nur in einem Nationalstaat mit gesicherten Grenzen existieren; alle Formen von Supranationalität, sei es in Gestalt der EU oder internationaler Gerichte und Organisationen, korrumpieren ihn.

Später versuchte Baudet eine Volksabstimmung gegen die EU zu lancieren, die er ein "kulturmarxistisches Projekt" nennt, "ausgerichtet auf das Führen von Kriegen". Er verfasste ein Buch mit dem linken Schriftsteller Geert Mak, "um die öffentliche Debatte aufzubrechen", schrieb Werke über Architektur, klassische Musik und einen Schlüsselroman über Gigolos und die Kunst, Frauen herumzukriegen.

Lustvoll verteidigte er die These des äußerst umstrittenen US-Verführungscoachs Julien Blanc, das andere Geschlecht müsse zu seinem Glück auch mal härter angefasst und gezwungen werden, von Männern mit "Killerinstinkt". Frauen wollten von ihrem Sexpartner nicht nur mit Respekt behandelt werden, schrieb Baudet in einem Blog, "sie wollen auch keinesfalls, dass man ihr Nein, ihren Widerstand respektiert. Die Realität ist, dass Frauen überrumpelt, beherrscht, ja: übermannt werden wollen." Bei Feministinnen ist er verhasst wegen solcher Macho-Sprüche.

Stark geprägt ist sein Denken durch das "Oikophobie"-Konzept des britischen Philosophen Roger Scruton. Die "Angst vor dem Eigenen" soll eine gegen die eigene Kultur und die eigenen Werte gerichtete Zerstörungswut kennzeichnen, der westliche Eliten unterlägen. Deren "pathologischer Selbsthass" und "Weg-mit-uns-Ideologie" sei die "Krankheit unserer Zeit". Auch den Franzosen Pascal Bruckner und dessen Theorie vom "Schuldkomplex", der Europa plage, zitiert Baudet gern.

Aus der Gegenwart, dieser "Zeit der Dissonanzen", wünscht er sich ins 19. Jahrhundert zurück. Auf einem Parteitag schwärmte er von der Epoche, "als Europa der strahlende Stern der Welt war, mit Klavierkonzerten von Brahms, Opern von Puccini und Wagner, der Poesie von Rilke und Baudelaire", einer Zeit vor dem "Terror der modernen Kunst" und den "unterminierenden Ideen" der Frankfurter Schule, als noch keine "modernistische Architektur die Silhouetten unserer alten Städte verschandelte". Aus Wut über Nietzsches Entdeckung vom Tod Gottes, sagte Baudet bei einer anderen Rede, habe der moderne Mensch alles Wertvolle vernichtet.

Rassismusvorwürfe gegen Mitglieder seiner Partei

Baudets Gedanken sind mehr als konservative Romantik, sondern anschlussfähig an Ideen der Alt-Right-Bewegung in den USA oder der Identitären in Europa. Der Niederländer hat Kontakte zu einschlägigen Figuren aus dieser Szene. Unter anderem traf er den US-Rechtsextremisten Jared Taylor, der für die vermeintliche Überlegenheit der weißen Rasse eintritt.

Zu seinen "guten Freunden" zählt der rechtsextreme Franzose Julien Rochedy. Regelmäßig retweetet er Artikel extrem rechter Autoren, die etwa von einer "Umvolkung" in Europa sprechen. In seinem Bücherregal steht "Die Intelligenz und ihre Feinde" des bei der Neuen Rechten beliebten deutschen Humangenetikers Volkmar Weiss.

Er selbst warnte vor der "homöopathischen Verdünnung" des niederländischen Volkes durch die Einwanderung, vor "fremden, aggressiven Elementen, die in unseren gesellschaftlichen Körper geschleust werden". Die Gesellschaft sei "am Rande des totalen Zusammenbruchs".

Mehrmals wurden Rassismus-Vorwürfe gegen hohe Parteimitglieder erhoben. Laut Baudets engstem Mitstreiter Theo Hiddema ist es "Wissenschaft", dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Intelligenzquotienten und bestimmten Völkern. Baudet hat die Vorwürfe wiederholt bestritten. Das sei "Schwachsinn, bullshit", aufgebauscht von politischen Gegnern und den Medien.

© SZ vom 21.03.2018
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