Nationalismus Die schwarze Kunst der Populisten

Egal ob Trump, Orbán oder Le Pen: Die neuen Nationalisten ähneln sich in ihrer Verachtung überstaatlicher Institutionen. Das Gefährlichste an Trump ist allerdings etwas anderes.

Kommentar von Kurt Kister

Von all den Großmächten und Imperien, die mehr oder weniger lange den Gang der Weltgeschichte bestimmt hatten, gab es am Ende des 20. Jahrhunderts noch zwei: die USA und China. Das Empire der Briten war ebenso im Sand der Geschichte verschwunden wie die Gloire Frankreichs; Osmanen und Habsburger hatten ihre Reiche verspielt; Russland war als Zarenherrschaft und als Sowjetunion im 20. Jahrhundert gleich zweimal untergegangen - so wie auch das deutsche Kaiserreich und der Nazi-Staat. Auch weil Chinas Aufstieg zur ökonomischen und politischen Weltmacht nach Mao erst spät begann, sprechen viele vom 20. Jahrhundert als dem "amerikanischen Jahrhundert".

Der Begriff stammt von dem US-Verleger Henry Luce, er stand 1941 als Überschrift über einem Artikel im Magazin Life. Ohne das zunächst zögerliche Engagement der USA wären der Erste und der Zweite Weltkrieg vermutlich anders ausgegangen; kein anderes Land hat die internationale Politik im vergangenen Jahrhundert so bestimmt und geprägt wie die Vereinigten Staaten - im Guten wie durchaus auch im Schlechten. Wer heute vom "Westen", der Nachkriegsordnung oder der jüngeren deutschen Geschichte spricht, der redet immer auch von Amerika.

Auch im 21. Jahrhundert wird Amerika nicht aufhören, Weltpolitik zu machen. Die Wahl von Donald Trump aber kann man als Symbol dafür verstehen, dass das amerikanische Jahrhundert keine Fortsetzung mehr finden wird. Trump ist ein protektionistischer Nationalist, der kaum etwas von der internationalen Politik versteht, der zwischenstaatliche Institutionen für überflüssig oder schädlich hält, und im Engagement Amerikas für die UN, die einst von Franklin D. Roosevelt erfunden wurden, eine Verschwörung des Establishments sieht.

Übrigens: Dass ausgerechnet ein seit Jahrzehnten der New Yorker Talmi-Society angehörender Milliardär von seinen Wählern nicht als Teil des Establishments angesehen wird, hängt damit zusammen, dass der Showman Trump den Leuten so erfolgreich aufs Maul schaut und dann danach redet. Die schwarze Kunst des Populisten besteht darin, Stimmungen aufzufangen und die dann in aggressive Reden umzusetzen. So ist Trump Trump geworden, und letztlich Präsident.

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Nach der US-Wahl

Den USA droht eine neue Welle des Rassismus

Zahlreiche Vorfälle seit der Wahl wecken die Befürchtung, dass die Wahl von Donald Trump offenen Rassismus salonfähig gemacht hat.   Von Johannes Kuhn, New Orleans

Er schaut den Leuten aufs Maul und redet nach ihrem Mund

Es ist kein Wunder, dass man nicht weiß, was Trump als Präsident eigentlich will und was er tun wird. Er verfertigt seine Weltanschauung danach, wie gut das angekommen ist, was er gestern gesagt hat. Und wenn morgen etwas anderes besser ankommt, dann wird er mühelos auch das vertreten. Trumps Wähler halten die Ablehnung von Buchstabensalat-Organisationen wie UN, WTO, Nafta oder Nato für gut und richtig. Sie wollen, dass die Welt durch Mauern, Zölle und Reiseverbote von den USA ferngehalten wird. Trump will das auch.

Kollektive Sicherheitssysteme, Bündnisse, ja der Traum von einer vereinten Welt (United Nations) waren die Antworten auf die vielfältigen Katastrophen, die ideologisch unterfütterter Nationalismus im 20. Jahrhundert angerichtet hat. Schon der Versuch des US-Präsidenten Woodrow Wilson, als Konsequenz aus dem Grauen des Ersten Weltkriegs zwischenstaatliche Gewalt durch den Völkerbund einzuhegen und zu regulieren, war ein solcher, von Washington inspirierter Versuch, dem Nationalen das Übernationale entgegenzustellen. Trotz aller Defizite erfolgreicher waren dann Gründung und Arbeit der UN einen Weltkrieg später, wiederum geprägt von Washington.