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Nationalfeiertag in Frankreich:Der Marschall Napoleons, der zweimal die Seiten wechselte

Ein Fest der Farben: Jährlich am 14. Juli gedenkt Frankreich des Sturms auf die Bastille 1789. Gemälde von Jacques L. David (1748 - 1825).

(Foto: action press)

Bei Waterloo versagte 1815 Napoleons militärischer Genius. In blutigen Frontalangriffen blieben seine Grenadiere vor den britischen Linien liegen. Der Feldherr entkam mit knapper Not. Immerhin aber besaß er im Gegensatz zu Deutschlands Hitler 1945 so viel Charakter, sein Volk nicht zum letzten sinnlosen Widerstand für sich aufzustacheln. Er dankte ab und ließ sich friedlich internieren, aber Frankreich schrumpfte auf den Besitzstand von 1792.

Der große Krieger hinterließ seinem Land eine schwärende Wunde: den politischen Bonapartismus, das heißt die unstillbare Sehnsucht nach einem charismatischen Führer, der das Land à la Bonaparte mit harter Hand einigen, zu neuer Größe führen und das Ausland fürchten lehren würde.

Die quälende Frage, ob der Korse im Endeffekt überhaupt den Interessen Frankreichs gedient hat, beantwortet der sozialistische Expremier Lionel Jospin mit einem klaren "Non". Eines seiner Bücher trägt den Titel "Das napoleonische Übel".

Etlichen seiner höchsten und treuesten Anhänger bescherte Napoleon zunächst Ehren, Orden und Geld, dann aber auch Schande.

Berühmtester Fall: Marschall Michel Ney, der den Rückzug aus Moskau erfolgreich gedeckt hatte; er verließ den Korsen 1814 und schwor dem Monarchen Ludwig XVIII., den aus der Verbannung entwichenen Napoleon einzufangen und in einem eisernen Käfig nach Paris zu schaffen - von wegen: Bei der ersten Begegnung fiel der Marschall seinem charismatischen Helden erneut zum Opfer, lief wieder zu ihm über und wurde dafür nach Waterloo zum Tode verurteilt und erschossen.

Ähnlich schmählich endete der Mar-schall-Kollege Joachim Murat, flamboyanter Kavallerist mit Vorliebe für besonders fantasievolle Uniformen, den Napoleon zum Gatten seiner Schwester Caroline und zum König von Neapel gemacht hatte. Schnell fiel er von seinem Gönner ab, als den sein Glück verließ, bot sich ihm aber - vergebens - wiederum an und wurde schließlich 1815 gefangen und erschossen.

Überlegene Waffen, miserable Führung

Begeistert drängte die französische Militärkaste 1870 ihr Land in den Krieg gegen Preußen. Man war ganz siegessicher, schoss doch das französische Chassepotgewehr doppelt so weit wie die preußische Dreyseflinte. Doch was nützt die beste Waffe, wenn die Soldaten miserabel geführt werden?

Gleich zwei Marschälle von Frankreich bedeckten sich 1870/71 mit Schande. Der eine, Patrice de Mac Mahon, ließ sich mit samt dem Kaiser Napoleon III. und 100 000 Mann bei Sedan fangen, wurde freilich später noch Präsident der Dritten Republik. Der andere, Achille Bazaine, ließ sich in der Festung Metz, der stärksten Frankreichs, einschließen, wagte keinen energischen Ausfall und kapitulierte schließlich.

Drei Marschälle, 60 Generäle, 6000 Offiziere und 130 000 Mann waren gefangen - eine der größten Kapitulationen der gesamten Kriegsgeschichte. So viel Schande verdiente natürlich gehörige Strafe. Ein Militärgericht verurteilte den unglücklichen Bazaine zum Tode, aus der dann gnadenhalber verhängten Festungshaft entfloh er und fristete bis zu seinem Tod ein von Bismarck mitfinanziertes Rentnerdasein in Spanien.

Die eingeschlossene Riesenfestung Paris ergab sich den Deutschen nach viermonatiger Belagerung. Lediglich nach innen siegte Frankreichs Militär: In der "Blutigen Woche", als es den Aufstand der "Pariser Kommune" niederschlug, erschossen Regierungssoldaten jeden Gefangenen, der von Pulver geschwärzte Hände hatte. Fast 30 000 Pariser kamen dabei ums Leben.

Die junge sozialrevolutionäre Lehrerin Louise Michel lieferte der Nation damals ein neues Heldenepos: Die "Rote Jungfrau" kämpfte mit dem Gewehr in der Hand auf der Barrikade am Montmartre. Sie büßte, ohne je zu bereuen, mit sechs Jahren Deportation in der pazifischen Strafkolonie Neukaledonien.

Dass die Deutschen den Sieg über Frankreich mit der Gründung ihres wilhelminischen Kaiserreichs im Schloss von Versailles zelebrierten, das laut Frontinschrift "Toutes les Gloires de la France" gewidmet war, blieb als ausgesuchte Demütigung im kollektiven Gedächtnis der Franzosen haften - dass die Katastrophe der eigenen Militärführung geschuldet war, weniger.

Natürlich wurde ein General, Georges Boulanger, im späten 19. Jahrhundert fanatischer Bannerträger der nach Revanche dürstenden französischen Rechten. Boulanger, auch "General Revanche" genannt, stieg zum Kriegsminister auf - und endete kläglich: Ein schier unstillbarer Drang zur politischen Intrige veranlasste ihn, sich nach Belgien abzusetzen. Auf dem Grab seiner Geliebten, Marguerite de Bonnemains, erschoss sich der Marschall.

Schmerzlicher traf die Franzosen die Affäre Dreyfus. Zehn Jahre lang vergiftete sie die Innenpolitik der Dritten Republik. Verblendete Militärrichter hatten den Hauptmann Alfred Dreyfus wegen angeblicher Spionage für Deutschland zu lebenslanger Deportation verurteilt, auf Grund gefälschter Indizien und verlogener Zeugen.

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