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Nationale Wasserstrategie:Zu trocken. Zu nass. Zu teuer?

Dürre/Überflutung

Die Gemeinde Gebroth in Rheinland-Pfalz beklagt im Juni ein Hochwasser (Bild links), 2018 kämpft ein Landwirt im Landkreis Osnabrück gegen die Trockenheit (r.).

(Foto: Sebastian Schmitt/dpa/imago)

Die erste nationale Wasserstrategie offenbart, wie schwierig es wird, im Zuge des Klimawandels überall genügend sauberes Wasser bereitzustellen. Klar ist: Es wird sehr kostspielig.

Von Thomas Hummel

Aus dem ersten Stock filmen Bewohner einen reißenden, rot-braunen Fluss. Eine Frau schreit: "Hier kommt noch ein Auto!" Die Aufnahmen bei Twitter zeigen einen schwarzen Kombi. Die Wassermassen treiben den Wagen durch den kleinen Ort, quer zur Fahrbahn. Eigentlich verläuft hier die Hauptstraße der Gemeinde Mosbach in Thüringen. Die Folgen eines Starkregens setzen am vergangenen Freitag einen ganzen Ort unter Wasser.

Regenfälle mit Überflutungen sind hierzulande nicht ganz neu. Doch sie häufen sich, sie werden intensiver, die Schäden größer. Die Erderwärmung provoziert lokale Wetterextreme, in den vergangenen Jahren erlebte Deutschland auch ungewöhnliche Trockenphasen. Deshalb stellte Bundesumweltministerin Svenja Schulze an diesem Dienstag in Berlin den Entwurf für eine erste nationale Wasserstrategie vor. "Der Klimawandel stellt alte Gewissheiten infrage", sagte die SPD-Politikerin. Neben der Bewältigung von Fluten nannte Schulze als wichtigste Aufgabe, dass auch in 30 Jahren in Deutschland jederzeit ausreichend sauberes und bezahlbares Trinkwasser zur Verfügung stehen müsse.

Mehr als 200 Experten aus Wasserwirtschaft, Landwirtschaft und Forschung sowie aus Ländern und Kommunen haben drei Jahre lang ein Konzept entwickelt und mit Bürgern gesprochen. Auch andere Bundesministerien als das von Svenja Schulze waren beteiligt. Für Dietrich Borchardt war es zwingend, sich mit der Zukunft des Wassers zu beschäftigen. Der Professor für Hydrobiologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig war seit Beginn der Gespräche ihr wissenschaftlicher Leiter. Das war 2018, das Jahr der großen europäischen Dürre. Es folgten zwei weitere Trockenjahre. "In Fachkreisen war schon vorher klar, dass das Thema Wasser auf die Agenda gehört", sagt Borchardt. Die vergangenen drei Jahre hätten auch in Politik und Gesellschaft einigen die Augen geöffnet. Das Trinkwasser wurde in manchen Gegenden knapp, 280 000 Hektar Wald gingen verloren, die Schifffahrt im Rhein musste reduziert, die Leistung von Kraftwerken gedrosselt werden. Dazu gab es eine erhebliche Übersterblichkeit im Sommer durch die Hitze. "Es gibt heute keinen mehr, der sagt: Ach, das müssen wir nicht so ernst nehmen", sagt Borchardt.

Er warnt, dass die allgegenwärtige Verfügbarkeit des Wassers trügerisch sei. Trockenjahre wie 2018 und 2019 könnten mit der Verschärfung des Klimawandels bis etwa 2050 zum Normalzustand werden. Um sich darauf vorzubereiten, müsse man heute damit beginnen, die teilweise veraltete Infrastruktur umzubauen. Das wird aufwendig und teuer. Ministerin Schulze rechnet unter Berufung auf Angaben der Wasserwirtschaft mit mehr als drei Milliarden Euro im Jahr. Der Großteil solle von Wasserversorgern und Kommunen getragen werden. Dazu plädiert Schulze für ein Sofortprogramm des Bundes mit einer Milliarde Euro über die nächsten zehn Jahre.

Neue Wasser-Fernleitungen sind nötig

Um Orte wie Mosbach in Thüringen besser auf Starkregen vorzubereiten, will das Umweltministerium vor allem Innovation und Beratung fördern. Das könnte sich lohnen, denn das Gemisch aus Wasser und Schlamm, das am Freitag den Ort überspülte, richtete einen Schaden in Millionenhöhe an.

Im Kampf gegen Trockenphasen plädiert Schulze für den Wiederaufbau von natürlichen Speichern wie Flussauen und Mooren. Zudem seien laut Umweltministerium neue Fernleitungen nötig, um Wasser von einer Region zur anderen pumpen zu können. Falls ökologisch verträglich seien neue Wasserspeicher wie Talsperren denkbar. Sonst droht einigen Gegenden ein Wettbewerbsnachteil, denn Wasser ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, Industrieanlagen brauchen viel davon. Wenn man die Importe aus dem Ausland hinzurechnet, verursacht die Herstellung von Gütern 70 Prozent des deutschen Wasserverbrauchs. Dazu dürfte in der Landwirtschaft der Bedarf erheblich steigen. Derzeit werden etwa 1,3 Prozent der Flächen bewässert, Schätzungen gehen davon aus, dass es im Jahr 2050 bis zu 30 Prozent sein könnten. Schulze möchte durch Vorsorge "einen Kampf ums Wasser" vermeiden. In ihrer Wasserstrategie steht dennoch die Forderung, Regeln aufzustellen, wer im Fall von Wasserknappheit Vorrang habe. Für das Umweltministerium besonders wichtig: "Die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser und der ökologische Wasserbedarf - das Mindestmaß an Wasser, das Tiere und Pflanzen zum Überleben brauchen." Doch über eine "Wasserhierarchie" sollte lokal entschieden werden.

Weitere Kosten entstehen durch den Anstieg des Meeresspiegels an Nord- und Ostsee. Im Kampf gegen Dürren sollen "wassersensible Städte" gebaut werden, in denen Regen nicht mehr auf versiegelten Flächen abfließt, sondern möglichst gespeichert wird. Das Schlagwort lautet "Schwammstadt", dazu brauchen Ortschaften viel mehr Grün als heute. Dies wäre auch ein entscheidender Beitrag zur Kühlung der Innenstädte bei Hitzewellen.

Verschmutzer sollen zahlen

Um das Wasser sauberer zu machen, schlägt das Ministerium die Einführung des Verursacherprinzips vor. Verschmutzer sollen zumindest teilweise für die Wasseraufbereitung zahlen. Neben einer Erhöhung der Abwassergebühren rückt vor allem die Landwirtschaft in den Fokus. Die Wasserversorger beklagen seit Jahren zu viel Gülle und Pflanzenschutzmittel auf den Äckern, die sich dann in Oberflächen- und Grundwasser finden. Die Nitratkonzentrationen durch Düngung übersteigen vielerorts den Grenzwert, die Anreicherung von Pestiziden im Boden und im Wasser sei ein weiteres Problem. So richtete die Internationale Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke im Rheineinzugsgebiet (IAWR) einen eindringlichen Appell an die Europäische Union für ein Umsteuern in der Agrarpolitik. "Es ist uns nicht erlaubt, der Nachwelt intakte Trinkwasser-Ressourcen vorzuenthalten", erklärte die IAWR. Hydrobiologe Borchardt hält einen Umbau der Landwirtschaft hin zu mehr Ökologie für notwendig. Der Wasserdialog, an dem auch Bauernverbände beteiligt waren, habe seine Hoffnung gestärkt, dass die Konflikte künftig lösbar sind.

Bei all den Aufgaben sieht Borchardt für Deutschland zumindest als Forschungs- und Wirtschaftsstandort auch Chancen. Denn andere Regionen der Welt würden im Zuge der Erderwärmung weitaus größere Probleme rund ums Wasser bekommen. Deshalb bestehe ein riesiger Bedarf an Innovation und Wissen. "Das wird weltweit in einer Dimension gebraucht, die wir nur erahnen können", sagt Borchardt.

© SZ/mhei
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