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Mecklenburg-Vorpommern:Nandus unter Beschuss

Nandu

Flink zu Fuß und gute Schwimmer: Die Nandus haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund um den Schaalsee ausgebreitet.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Die Population der eigentlich in Südamerika beheimateten Laufvögel ist in Mecklenburg-Vorpommern stark angestiegen. Die Jagd hat begonnen - und auch die Wölfe sollen helfen.

Von Peter Burghardt

Wer ins westliche Mecklenburg-Vorpommern fährt, dem begegnen manchmal Tiere, die man in Mecklenburg-Vorpommern nicht zwingend erwarten würde. Es sind Vögel, die nicht fliegen können, aber bis zu 60 Kilometer pro Stunde schnell laufen und bis zu 1,40 Meter groß werden. Sie haben einen langen Hals, lange Beine und zerzauste Federn. Normalerweise müsste man nach Südamerika reisen, um wilde Nandus zu sehen. Aber am schönen Schaalsee kommen sie gelegentlich des Weges. Wobei sich der eine oder andere Nandu inzwischen lieber im Wald versteckt. Auf die Nandus wird geschossen.

Das ganze Abenteuer begann zur Jahrtausendwende. Damals büxten ein paar Exemplare aus einem Gehege nebenan in Schleswig-Holstein aus. Es ist so ähnlich wie bei den Nilpferden aus dem einstigen Privatzoo des Drogenbarons Pablo Escobar, die sich auf seiner Ranch in Kolumbien selbständig machten und die Umgebung aufmischten. Die geflüchteten nordostdeutschen Nandus, Fachname Rhea americana, vermehrten sich prächtig und fraßen sich beherzt durch mecklenburgischen Raps.

Man begann, sie nach Kräften zu zählen, es wurden immer mehr. Fast 600 Nandus fanden 2018 Eingang in die Statistik, ihr neues Revier gefiel ihnen offenbar. Gut für das Image der Region, die Nandus sind mittlerweile Wahrzeichen des Biosphärenreservats Schaalsee. Schlecht für die Landwirte, die über verwüstete Felder klagten. Was tun? Die Nandus sind geschützt.

Also wurden Sonderregelungen erlassen, Notstandsgesetze gewissermaßen, um die Reproduktionsrate zu bremsen. Flatten the curve, würde man heutzutage sagen. Erst durften frisch gelegte Nandu-Eier aufgebohrt oder mit Paraffin überzogen werden. Dann erließ die Landesregierung 2020 eine Jagdgenehmigung. Nandu-Jagdfieber in Mecklenburg-Vorpommern brach aus.

Manche Jäger kamen von weit her, um einen Nandu zur Strecke zu bringen, als Trophäe wie Großwild in Afrika. Obwohl einheimische Jäger mahnen, es nicht zu übertreiben. "Wir erlegen nicht auf Teufel komm' raus", sagt Heiko Funk, der stellvertretende Vorsitzende des Kreisjagdverbands Nordwestmecklenburg. Man wolle die Nandus ja nicht ausrotten, sondern nur den Raps schützen. Außerdem schmecke das Fleisch der Nandus nicht besonders, sagt Funk, "nicht so gut wie Strauß".

Nur noch 157 Nandus wurden nun bei der Frühjahrszählung 2021 entdeckt, bei der Nandu-Herbstzählung 2020 waren es noch 247 Nandus gewesen. Das könnte außer an den abgeschossenen Nandus auch daran liegen, dass sie sich wegen der Schüsse seltener zeigen. Es sei auffällig, "dass sie weniger vor die Nase laufen oder vors Fernglas", sagt Ulrike Müller vom Biosphärenreservat Schaalsee. Experten werden die Entwicklung beobachten, eventuell wird die Jagderlaubnis wieder kassiert.

Für Mensch oder Tier sind die Nandus keine Gefahr. Dokumentiert ist nur, dass ein brütender Nandu-Hahn einen Hund in die Flucht schlug. Natürliche Feinde haben die Nandus im Prinzip keine, sie sind flink zu Fuß und können auch gut schwimmen. Die Laufvögel rennen oft sogar den Wölfen davon. Die Raubtiere stellen sich allerdings immer besser darauf ein. Setzt sich das fort, bräuchte man die Nandus bald nicht mehr zu bejagen, sagt der Jäger Funk, "dann machen das die Wölfe".

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