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Alltag im Nahostkonflikt:Überleben hinter der Eisenplatte

Nahostkonflikt: Ein Israeli trägt sein Kind in einen Luftschutzbunker in Tel Aviv.

(Foto: AFP)

Die Raketen der Hamas fliegen so weit ins israelische Gebiet wie noch nie. In Tel Aviv versuchen die Menschen, normal weiterzuleben. Sie denken: Ein Krieg ist schlimm, eine Kapitulation im Alltag wäre schlimmer.

Einen Wecker hat man nicht gebraucht an diesem Morgen in Tel Aviv, in der Früh schon heulen die Sirenen. Ein lang gezogener, Unheil verkündender Ton, der den Krieg gleich zum ersten Gedanken des Tages macht. Vom Schlaf ist die Stadt direkt in den Schock gewankt, und Sara Ruhalter ist ins Kinderzimmer gegangen und hat ihren beiden achtjährigen Zwillingssöhnen Danny und Uri erklärt, dass im ganzen Land gerade mal wieder so eine Übung gemacht und getestet wird, ob die Alarmeinrichtungen noch funktionieren. "Panik hilft mir auch nicht", sagt sie, "und die Kinder sind sowieso noch nicht alt genug, um zu verstehen, was hier passiert."

Tel Aviv liegt nicht nur am Strand, sondern geografisch auch mitten im nahöstlichen Konfliktchaos. Doch die meist jungen Bewohner pflegen mit einigem Stolz die mentale Abgrenzung vom Rest des Landes. Israels Kriege waren immer schon nicht unbedingt die Kriege der Tel Aviver - bis zum November 2012 zumindest, als der Hamas der Überraschungscoup gelang, ihre zuvor meist in der Negev-Wüste versenkten Raketen bis in die 60 Kilometer entfernte Metropole zu feuern. Mit der Sicherheit und auch mit einigen Selbstgewissheiten war es damals vorbei. Doch nicht unbedingt mit dem Trotz, mit dem hier allen Unbilden des Lebens begegnet wird.

"Ich hasse es, was die Hamas tut, und ich hasse es, was wir Israelis tun."

"Ich gehe mit den Kindern raus, ich setzte mich ins Café, ich versuche normal weiterzumachen", sagt Sara Ruhalter. Für sie ist das auch eine Art des Protests gegen "die Verrückten", die sie auf beiden Seiten sieht. "Ich hasse es, was die Hamas tut, und ich hasse es, was wir Israelis tun", sagt sie, "aber ich will nicht, dass meine Kinder mit Hass im Herzen leben."

Im Land ist das gewiss keine Mehrheitsmeinung, zumal in diesen Tagen der Angst und der Wut und der von der Politik geschürten Aufwallung. Doch so tickt das linke Tel Aviv. Gewiss, auch hier ist die Unsicherheit spürbar. Am Abend sind die Straßen sehr viel ruhiger als sonst, und wenn es keine Fußballübertragungen gäbe, dann wären wohl auch die Kneipen leerer. Doch wer eine Karte ergattert hat, der geht zur "Fledermaus"-Aufführung der Philharmoniker ins Bronfman-Auditorium oder zum Israel Chamber Orchestra ins Museum, wo Orffs "Carmina Burana" gespielt wird. Ein Krieg ist schlimm, eine Kapitulation im Alltag wäre schlimmer.

Wie lange allerdings der Schein der Normalität aufrechtzuerhalten ist, weiß keiner zu sagen. In Jerusalem haben sie schon die Zuschauer eines Rockkonzerts in Sicherheit bringen müssen nach dem Einschlag einer Rakete in der Stadt. Sogar über Zichron Yakov hoch im Norden ist ein Geschoss explodiert, und die Hamas kann einen Raketen-Rekord vermelden mit einer Flugweite von 125 Kilometern.

Die bange Frage ist: Was kommt als nächstes?

Die neue Reichweite gehört zu den "Überraschungen", die ein Sprecher der Islamisten zu Kriegsbeginn in Gaza angekündigt hatte - ebenso wie der Einsatz von fünf Froschmännern, die in der Nacht zum Mittwoch am Zikim-Strand ein paar Kilometer nördlich des Gazastreifens an Land gegangen waren. Ihr Ziel war offenbar ein Anschlag auf den nahegelegenen Kibbuz oder den dortigen Armeestützpunkt. Nach heftigen Feuergefechten wurden die Angreifer getötet. Die bange Frage aber ist: Was kommt als nächstes?

Im Süden Israels ist ohnehin schon längst kein normales Leben mehr möglich. Die Ferienprogramme für die Kinder wurden ausgesetzt, alle größeren Versammlungen sind abgesagt und die Bewohner müssen darauf achten, sich immer in der Nähe eines Schutzbunkers aufzuhalten. Exakt 15 Sekunden bleiben den Menschen in der grenznahen Stadt Sderot, um sich nach dem Sirenenalarm in Sicherheit zu bringen. Im Radio wird dazu aufgefordert, in ruhigeren Regionen ein Zimmer frei zu räumen für die bedrängten Landsleute aus dem Süden. Eine Welle des Wir-Gefühls schwappt durchs Land, die unbedingte Solidarität gehört zu den israelischen Grundtugenden, aus der die Nation stets Kraft schöpft in Zeiten der Bedrohung. Chaim Katz hat das schon oft erlebt in seinem 77 Jahre langen Leben. Doch auch heute noch sitzt er an solchen Tagen die meiste Zeit in seinem Tel Aviver Wohnzimmer und verfolgt die Live-Schaltungen der Nachrichten. Oder er schaut auf eine Landkarte und sieht, dass es "fast überall im Land Raketen regnet".

Beim Sirenenalarm geht er in den kleinen Schutzraum seiner Wohnung. Das Fenster ist hier von einer Eisenplatte verschlossen, jede Tel Aviver Neubauwohnung verfügt über ein solches Bunkerzimmer. "Hier ist man sicher - in gewisser Weise", sagt er. Wenn die Sirenen verklungen und ein dumpfer Schlag den Einschlag der Rakete signalisiert oder ihren Abschuss durch das Abwehrsystem, dann geht er raus auf den Balkon, um zu schauen, ob etwas passiert ist. "Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas erlebe", sagt er, "aber du gewöhnst dich nie daran."

Wie soll man sich auch daran gewöhnen, dass unzählige Menschen davon bedroht sind, dass ihnen plötzlich der Himmel auf den Kopf fällt. Am zweiten Tag des Krieges ruft Nor Abu Khater aus dem Gazastreifen an. Die SZ hat früher einmal über sie berichtet, nun will sie sagen, dass sie noch am Leben ist, "aber wer weiß, wie lange noch". Mit drei kleinen Kindern hat sie sich zu ihren Eltern nach Khan Junis geflüchtet im südlichen Gazastreifen. "Wir machen die ganze Nacht kein Auge zu", sagt sie, "die Kinder rennen herum und schreien." Gerade erst sei eine Rakete direkt in der Nachbarschaft eingeschlagen. Sie weiß, dass die Israelis über präzise Waffen verfügen, sie weiß, dass gezielt nur die Häuser von Hamas-Leuten ins Visier genommen werden. "Aber manchmal", sagt sie, "geht es auch daneben."