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Nahostkonflikt:Keine Entspannung in Sicht

Israeli-Palestinian violence flares up

Israelische Kampfflugzeuge zerstören ein von Militanten genutztes Hochhaus in Gaza.

(Foto: REUTERS)

Israels Luftwaffe tötet hochrangige Vertreter der Hamas - und kündigt weitere Angriffe auf Gaza an. Die USA wollen Vermittler senden.

Israel und die militanten Islamisten im Gazastreifen haben ihren blutigen Schlagabtausch auch am Mittwoch fortgesetzt. Bei erneut intensivem Raketenbeschuss durch Militante aus Gaza wurden am Abend in Israel mehrere Menschen verletzt. Israel spricht von mehr als 1600 Raketen, die bislang auf das Land abgefeuert worden seien. Die Erfolgsquote des Abfangsystems Eisenkuppel ("Iron Dome") betrage weiterhin im Schnitt etwa 90 Prozent.

Auch im Großraum Tel Aviv war erneut Raketenalarm ausgelöst worden. Heulende Warnsirenen waren am Abend zu hören. Es war die dritte Angriffswelle seit Dienstagabend. Die Küstenmetropole - Israels Wirtschaftszentrum - war in der Nacht zum Mittwoch so heftig mit Raketen beschossen wie nie zuvor.

Israels Sicherheitskabinett kündigte Medienberichten zufolge eine Ausweitung des Militäreinsatzes gegen die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas an. Die Armee solle ab sofort gezielt "Symbole der Hamas-Herrschaft" in dem Palästinensergebiet angreifen, berichtete der Sender Kanal 12. Es sei bereits die Zerstörung des Finanzministeriums im Herzen der Stadt Gaza angekündigt worden. Dies solle der Hamas die finanzielle Kontrolle im Gazastreifen erschweren.

Zuvor hatten israelische Kampfflugzeuge ein weiteres Hochhaus in Gaza zerstört. In dem 14-stöckigen Gebäude hatten sowohl die islamistische Hamas als auch der militante Islamische Dschihad Büros. Allerdings gab es auch Cafés und Geschäfte in dem Haus. Videos zeigten, wie es nach dem Angriff einstürzte. Die Hamas teilte mit, als Reaktion 130 Raketen auf die israelischen Orte Aschkelon, Sderot und Netivot abzufeuern.

Israels Luftwaffe hatte zuvor auch das Haus eines ranghohen Mitglieds der islamistischen Hamas zerstört. Das Gebäude diente demnach als Waffenlager. Außerdem tötete Israel bei Angriffen mehrere hochrangige Vertreter der Hamas. "Das ist erst der Anfang - Wir werden ihnen Schläge versetzen, die sie sich niemals erträumt haben", sagte Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu dazu in einem Krankenhaus in Cholon.

Beobachter vermuten, dass die Tötung der Hamas-Vertreter die Raketenangriffe verschärfen könnten. Der militärische Arm der islamistischen Hamas-Organisation feuerte nach eigenen Angaben am Mittwoch zudem 15 Raketen in Richtung der israelischen Wüstenstadt Dimona. Dort befindet sich ein israelischer Atomreaktor, der allerdings als extrem gut geschützt gilt.

Nach Angaben des Militärs starben in Israel mindestens fünf Menschen durch Raketenbeschuss. Zudem wurde ein israelischer Soldat von einer Panzerabwehrrakete getroffen und getötet. Für den Angriff, bei dem weitere Soldaten verletzt wurden, machte die israelische Armee die Hamas verantwortlich.

Das Gesundheitsministerium in Gaza bezifferte die Zahl der Toten auf 56. International wuchs die Besorgnis über die Eskalation des Konflikts. Israels Verteidigungsminister Benny Gantz stimmte die Bürger auf einen längeren Militäreinsatz ein. Die Vereinten Nationen warnten den UN-Sicherheitsrat laut Diplomaten vor einem großen Krieg. Die USA haben eine gemeinsame Stellungnahme des mächtigsten UN-Gremiums zur eskalierenden Gewalt in Nahost Kreisen zufolge am Mittwoch zunächst blockiert.

Dafür forderten europäische Länder des UN-Sicherheitsrats ein Ende der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern. "Wir fordern alle Akteure dringend auf, Spannungen abzubauen, Gewalt zu beenden und äußerste Zurückhaltung zu zeigen", sagte der estnische UN-Botschafter Sven Jürgenson in einer Stellungnahme Estlands, Frankreichs, Irlands und Norwegens nach der Dringlichkeitssitzung des mächtigsten UN-Gremiums in New York.

Die US-Regierung zeigt sich besorgt über die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern und ruft zur Deeskalation auf. US-Präsident Joe Biden telefonierte mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu. Biden äußerte seine Hoffnung, dass die Gewalt bald gestoppt werden könne.

US-Außenminister Antony Blinken sagte am Mittwoch in Washington, er habe den zuständigen Spitzendiplomaten Hady Amr darum gebeten, umgehend in die Region zu reisen und sich mit führenden Vertretern beider Seiten zu treffen. Blinken verurteilte die Raketenangriffe der "Terrororganisation Hamas" aus dem Gazastreifen auf israelische Zivilisten auf das Schärfste. "Israel hat das Recht, sich zu verteidigen", sagte er. "Die Palästinenser haben ein Recht darauf, in Sicherheit zu leben. Und das Wichtigste ist jetzt, die Gewalt einzudämmen."

Bundesaußenminister Heiko Maas warnte vor einer Ausweitung des Konflikts auf weitere Teile der Region. Er bezeichnete den Abschuss von mehr als 1000 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel am Mittwochabend in einem ZDF-"Spezial" als absolut inakzeptabel und als Grundlage dafür, dass Israel von seinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch mache. "All das wird, wenn es keine Deeskalation gibt, dazu führen, dass wir hier mit einer Gewaltspirale konfrontiert werden, die die ganze Region in einen tiefen Konflikt mit viel Gewalt stürzen kann."

In den vergangenen Tagen hatte es zunächst vor allem in Jerusalem heftige Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gegeben. Auslöser waren unter anderem Proteste gegen Polizei-Absperrungen in der Altstadt sowie drohende Zwangsräumungen palästinensischer Familien im Viertel Scheich Dscharrah.

Zu Gewalt kam es zuletzt auch in arabischen Ortschaften im israelischen Kernland. Die Hamas baut sich ihre Waffen entweder selbst oder schmuggelt sie in das Küstengebiet, über Ägypten oder den Seeweg. Zahlen zu ihrem Raketenarsenal nannte die Gruppe, die von Israel und der EU als Terrororganisation eingestuft wird, bislang noch nie. Das Thema gilt als streng geheim. Israel geht davon aus, dass militante Gruppen im Gazastreifen dazu in der Lage sind, täglich Hunderte Raketen auf Israel abzufeuern.

© SZ/dpa/jael
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