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Nahost:Unter Grenzen hinweg

Israel hat damit begonnen, Tunnel der Hisbollah zu zerstören, durch die die Organisation von Libanon aus Waffen ins Nachbarland bringen wollte. Premier Netanjahu nennt die Tunnel einen "Kriegsakt".

Von Alexandra Föderl-Schmid, Metula

Der Lärm der Baumaschinen wird zeitweise von den Rufen des Muezzin übertönt, die auch diesseits der drei Meter hohen Mauer zwischen Israel und Libanon zu hören sind. Nur wenige Schritte von dem Betonwall entfernt beugen sich auf der israelischen Seite Kameraleute und Fotografen über ein mit einem Deckel gesichertes Loch in der schlammigen Erde, das in 18 Meter Tiefe führt. Es ist gerade groß genug, dass sich ein Mensch hineinzwängen kann. Hier, am Rande des Ortes Metula, ist in einer Apfelplantage der Eingang zu einem Tunnel, den die israelische Armee vor drei Wochen entdeckt hat. Er reicht laut Angaben des Militärs 36 Meter auf israelisches Gebiet. Insgesamt vier grenzüberschreitende Verbindungen hat die israelische Armee bisher entdeckt.

Zum ersten Mal haben Journalisten Zugang zu dieser Stelle. Ein gepanzerter Bus mit blickdichten Milchglasscheiben, in dem normalerweise Soldaten transportiert werden, ist das Gefährt für das letzte Stück bis zur Grenze. Die Soldaten, die zusammen mit Ingenieuren und Bauarbeitern ihren Einsatz verrichten, sind vermummt und sichern die Stelle ab. Kameras sind erlaubt, aber Smartphones nicht. Warum, wird nicht erklärt: Sicherheitsgründe, heißt es.

Über der Einstiegsstelle ist ein riesiges weißes Zelt zur Abschirmung aufgebaut. Denn die Häuser auf der libanesischen Seite sind nur wenige Meter entfernt und ziehen sich einen Hügel hoch. Von dieser erhöhten Position aus lässt sich das Geschehen auf der tiefer liegenden israelischen Seite gut überblicken.

Von einem dieser Häuser im Ort Kfar Kila aus sei der Tunnel gegraben worden, sagt ein ranghoher Militärvertreter. Es soll sich um eine Fabrik in unmittelbarer Nähe der Grenze handeln. Weitere Freilegungen seien zu erwarten. Wie viele, das will er nicht sagen - auch nicht, wie lange die Operation "Nördlicher Schutzschild" noch dauern wird.

Auch nachts und bei Regen arbeiten die israelischen Baumaschinen an der Grenze

Mit Dutzenden Baumaschinen, die einen beträchtlichen Lärm erzeugen, wird die Erde durchlöchert, sie rammen Metallstäbe in den Boden. Ob sie mit Sensoren ausgestattet sind, will die Armee nicht mitteilen. Auch in den Nachtstunden, als die Rufe des Muezzin in Libanon wieder verklungen sind, wird weiter gearbeitet - bei Flutlicht. Vom strömenden Regen lässt man sich nicht abhalten. Das ganze Gelände ist nicht nur wie ein Schweizer Käse durchlöchert, sondern ein einziges Schlammfeld. Schutt und Geröll wird in riesigen Mengen abtransportiert.

Wenn nötig, werde man dies entlang der ganzen Grenze machen, erklärt ein Militärvertreter. 134 Kilometer ist die gemeinsame Grenze zwischen Libanon und Syrien lang. Ob die Arbeit tatsächlich Meter für Meter in einem breiten Streifen durchgeführt werde? "Wenn nötig, ja", lautet die knappe Antwort. Ein anderer Soldat sagt, das könne Monate dauern. Armeesprecher Jonathan Conricus ergänzt, dass die israelischen Streitkräfte an mehreren Stellen arbeiteten.

Keiner der Tunnel wurde nach Einschätzung der israelischen Experten bereits für Operationen genutzt. Der Plan der schiitischen Hisbollah-Miliz soll laut der israelischen Armee gewesen sein, "Galiläa zu erobern", also auf israelisches Gebiet vorzudringen, Waffen ins Nachbarland zu bringen und Israelis im Grenzgebiet zu entführen. Deshalb wird von Militärvertretern und israelischen Politikern der Begriff "Angriffstunnel" verwendet.

Dass zumindest zwei der Tunnel über die Grenze führen und einen Verstoß gegen Resolutionen der Vereinten Nationen darstellen, räumte die UN-Beobachtermission Unifil ein. 10 500 Soldaten sollen Konfrontationen verhindern. Den letzten Krieg, in dem 1200 Menschen starben, gab es 2006, offiziell haben Israel und Libanon lediglich einen Waffenstillstand geschlossen. Wie schnell die Situation gefährlich werden kann, zeigte sich vor einigen Tagen an einer anderen Stelle an der Grenze. In der Nähe der Stadt Mays al-Dschabal kam es zu Auseinandersetzungen zwischen libanesischen und israelischen Soldaten, als diese Stacheldraht an der Grenze zu verlegen begannen. Blauhelme gingen dazwischen und verhinderten eine Eskalation.

Die Militärvertreter betonen, sie seien nur auf israelischer Seite aktiv und verletzten nicht die Grenze. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, der seit kurzem auch als Verteidigungsminister agiert, erklärte am Mittwoch jedoch, dass es sich bei den Tunneln "um einen Kriegsakt" handle. Allerdings hat selbst nach Netanjahus Einschätzung die libanesische Armee nichts von den Aktivitäten der schiitischen Miliz Hisbollah gewusst, die Bevölkerung im Grenzgebiet indes sehr wohl. "Jedes dritte Haus in Südlibanon wird auf die eine oder andere Weise von der Hisbollah benutzt", sagte Netanjahu.

Kurz nach der Besichtigung fing die israelische Armee damit an, die Tunnel zu zerstören. Sie hatte bereits davor damit begonnen, Sprengstoff im Erdreich zu platzieren. Tunnel in diesem steinigen Untergrund zu bauen, ist jedenfalls schwieriger als in der Wüstengegend rund um den Gazastreifen. "Die Hisbollah hat auf den Überraschungsmoment gesetzt. Jetzt sind ihre Pläne ruiniert und ihre jahrelange Arbeit zerstört", meint ein Militärvertreter.

© SZ vom 24.12.2018
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