Nahost Streit um die Friedensinsel

Nach dem Friedensvertrag von 1994 wurde Israel die Halbinsel Naharayim überlassen. Nun könnte Jordanien die Nutzungsrechte kündigen.

(Foto: Menahem Kahana/afp)

Seit wenigen Wochen zanken sich Israel und Jordanien erneut um 80 Hektar Land am Jordan. Eigentlich sollte dort ein Versöhnungsprojekt entstehen.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Naharayim

Den Weg zur "Friedensinsel" versperrt ein zwei Meter hoher Zaun mit zwei riesigen Toren. Besucher müssen in einem Kiosk bei Schaul zehn Schekel (2,36 Euro) Eintrittsgebühr zahlen. Und erst wenn eine größere Gruppe versammelt ist, wird Einlass gewährt. Begleiter sind dann zwei bewaffnete israelische Soldaten und ein Führer. Das Tor wird hinter den Besuchern versperrt.

Es sind nur wenige Meter bis zu jener Stelle, an welcher der Yarmuk-Fluss in den Jordan fließt. Vor etwa einem Jahr, so erzählt Schaul, habe man diese Aussichtsplattform am Flussufer gebaut. Von hier bietet sich ein wunderbarer Ausblick über die Halbinsel: auf Palmen, sattgrüne Felder, einige Ruinen, ein imposantes Tor mitten in der Landschaft und zwei Fahnen: Auf der Mitte der Brücke über den Jordan flattert die israelische Flagge im Wind, auf einem Hügel nebenan die jordanische.

Um dieses 80 Hektar große Gebiet ist im vergangenen Jahrhundert immer wieder heftig gekämpft worden, seit wenigen Wochen ist es erneut Gegenstand von Verhandlungen zwischen Israel und Jordanien. König Abdullah II. hat jenen Passus des Friedensvertrags von 1994 aufgekündigt, der Israelis die Nutzung dieser Halbinsel und eines weiteren Landstücks in der Arava-Wüste weiter südlich erlaubt. Festgehalten wurde, dass dieser Landstrich, den die Israelis Naharayim nennen (Zwei Flüsse) und die Jordanier Baqura, jordanisches Staatsgebiet ist. Die Nutzungsrechte können erstmals nach 24 Jahren gekündigt werden - was Jordaniens König nach massivem internen Druck nun tat.

Müssen die Felder im nächsten Oktober geräumt werden? "Na ja, es gehört den Jordaniern. Man sieht die jordanische Flagge und dort sind die jordanischen Soldaten. Aber wir machen etwas aus dem Land", sagt Schaul und zählt auf, was angebaut wird: Weizen, Zwiebeln und Knoblauch. Bewohner des nahen Kibbuz Ashdot Yakoov bestellen das Land. Mit einem Passierschein dürfen sie über die Grenze. Zu ihren Feldern gelangen sie durch das vor drei Jahren errichtete Tor im arabischen Stil, das Bilder der jordanischen Könige Hussein und Abdullah ziert.

Auf dem Gelände befinden sich noch Dämme und Ruinen eines Wasserkraftwerks, das der aus Russland stammende Zionist Pinhas Rutenberg errichtet hat. Von 1932 an wurde von hier aus der nördliche Teil Palästinas mit Elektrizität versorgt. Neben der Aussichtsplattform sind Reste von Schienen und einer alten Brücke über den Jordan sichtbar. "Das war der Weg von Haifa bis Damaskus. Wir haben die Brücke 1948 gesprengt, denn wir wollten nicht, dass die Jordanier und Iraker die Möglichkeit haben, auf israelisches Territorium zu gelangen", erklärt Schaul. 1948 war die Staatsgründung Israels, danach erklärten arabische Staaten dem Land den Krieg, der auch in dieser Gegend besonders wütete.

"Ich bin früher hier geschwommen", mischt sich Rafi Burg ins Gespräch ein. "Ich kann mich erinnern, was das für eine prosperierende Gegend war." Burg, dessen Vater aus Österreich emigrieren musste, ist trotz seines hohen Alters heute Reiseleiter, er will mit einem Freund erkunden, ob er nicht einen Besuch dieser "Friedensinsel" ins Programm aufnehmen soll. "Solange es noch geht", fügt er hinzu. "Aber gerade jetzt besteht Interesse, weil man darüber spricht."

Einige Tausend Besucher gelangen jedes Jahr von Israel kommend hierher. Früher war es möglich, ohne Ausweis die Grenze zu passieren und zum Hügel mit der jordanischen Flagge zu wandern. Das wurde zunehmend schwieriger, die Kontrollen wurden verschärft. Dazu beigetragen hat ein Amoklauf eines jordanischen Soldaten 1997, der sieben israelische Schulmädchen im Alter von 13 und 14 Jahren erschoss.

Die Hoffnung ist, dass der Deal klappt: Land gegen Wasser

Die 77-jährige Orna Schimoni vom Kibbuz Ashdot Yaakov hat das Attentat miterlebt, sie errichtete neben dem Kiosk ein florales Denkmal, das sich einen Hügel hinaufzieht. Es sind sieben Blumenbeete, versehen mit den Namen der getöteten Mädchen. Schimoni bedauert, dass sich das Verhältnis zwischen Jordanien und Israel verschlechtert hat: Benjamin Netanjahu und König Abdallah hätten längst nicht so eine enge Verbindung wie einst Jitzhak Rabin und König Hussein.

Dabei verkünden noch mehrere große Tafeln entlang des Zaunes von den Plänen des "zukünftigen Friedensparks am Jordan". Es ist ein Projekt von Eco Peace Middle East, dem Israelis, Palästinenser und Jordanier angehören. Warum das Projekt bislang nicht realisiert worden ist, erklärt der Jordanier Yana Abu Taleb damit, dass bisher nur Israel vom Tourismus profitiert habe. Dem hält Schaul entgegen, auf jordanischer Seite gebe es nichts, nicht einmal Strom oder Wasser für die Soldaten. "Wir werden sehen, was geschieht. Es wäre auf jeden Fall sehr schade, wenn dieser wunderschöne Platz nicht weiter genutzt und wieder sich selbst überlassen würde."

Aber beide haben noch ein bisschen Hoffnung, dass sich Israel und Jordanien bei den bereits begonnenen Gesprächen auf einen Deal einigen könnten - Land gegen Wasser: Israel stellt mehr Wasserressourcen zur Verfügung, und Jordanien hält dafür den Zugang zur "Friedensinsel" offen.