Nahostkonflikt Wettlauf der Radikalen

Nach dem Tod eines palästinensischen Jugendlichen kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und der israelischen Polizei

(Foto: AP)

Auf Rache folgt Vergeltung - das ist das eiserne Gesetz im Nahen Osten, wie der Tod eines jungen Palästinensers nahe Jerusalem zeigt. Höchste Zeit für die Vernünftigen, aus diesem Kreislauf auszubrechen.

Ein Kommentar von Peter Münch

Auf jeden Angriff folgt die Rache, und auf Rache folgt Vergeltung - das ist seit Ewigkeiten die eiserne Regel des Nahen Ostens. Das tödliche Entführungsdrama um drei israelische Jugendliche hat nun erneut diese verhängnisvolle Dynamik des Konflikts befeuert und droht die Region in einen Strudel der Gewalt zu reißen.

Im Westjordanland tobt sich Israels Armee aus, vom Gazastreifen aus feuern radikale Palästinenser wieder Raketensalven auf Israel, und in Jerusalem wird - mutmaßlich nach dem Muster der ersten Entführung - ein junger Palästinenser verschleppt und ermordet. Es wird höchste Zeit, dem irren Treiben Einhalt zu gebieten. Doch offenbar fühlt sich dafür außer den notorischen Friedensmahnern im Ausland niemand zuständig.

Alle Zeichen auf Sturm gestellt

Die Rhetorik der Protagonisten lässt Schlimmstes befürchten: Die Hamas droht, die "Tore der Hölle zu öffnen", und auch in Jerusalem geben die Radikalen den Ton an. Verteidigungsminister Mosche Jaalon will den Tod der drei Talmudschüler mit der Gründung einer neuen Siedlung beantworten. Wirtschaftsminister Naftali Bennett hält einen Krieg in Gaza und eine Annexion weiter Teile des Westjordanlands für die richtige Antwort auf die mörderische Entführung. So werden alle Zeichen auf Sturm gestellt - obwohl daran niemand ein Interesse haben kann.

Denn bei einer weiteren Eskalation der Gewalt gäbe es für Israelis wie für Palästinenser wenig zu gewinnen und viel zu verlieren. Israel mag der Hamas eine Lektion erteilen können wie schon 2008 und 2012. Militärisch sind die Kassam-Krieger kein ernst zu nehmender Gegner für eine Atommacht. Doch unter dem Strich würde eine bewaffnete Auseinandersetzung die Islamisten und ihre Truppen nicht schwächen, sondern stärken. Schließlich gäbe dies der derzeit arg zerzausten Hamas die Chance, sich dem palästinensischen Volk wieder als Kraft des Widerstands zu präsentieren.

Netanjahu ist am Zug

Den Preis dafür hätte dann der moderate Palästinenserpräsident Mahmud Abbas zu zahlen, und auch das kann nicht im israelischen Interesse sein. Während des Entführungsfalls hat er die Tat nicht nur scharf verurteilt, sondern allen bitterbösen Anfeindungen aus dem eigenen Lager zum Trotz auch die Kooperation seiner Sicherheitskräfte mit den israelischen Besatzern fortgeführt. Er hat so bewiesen, dass er es selbst unter großem Druck ernst meint mit seiner Verhandlungsbereitschaft gegenüber Israel. Einen besseren Partner als ihn bekommt die Regierung in Jerusalem so schnell nicht wieder.

Es liegt also an Premierminister Benjamin Netanjahu, nun schleunigst die Reißleine zu ziehen und nicht nur militärische Zurückhaltung zu üben, sondern auch rhetorische. Die Zeit der blinden Racheschwüre ist vorbei, nun muss es darum gehen, wieder die eigenen Interessen in den Blick zu nehmen. Denn sonst droht nach Wochen der aufpeitschenden Volksreden die Gefahr, dass der Konflikt eine Eigendynamik entwickelt, die von der Politik nicht mehr gesteuert werden kann.