Nahost-Konflikt Israel rüstet sich für einen Kampf an allen Fronten

Israels Premierminister bei einer Rede wehrpflichtigen Jugendlichen.

(Foto: AFP)
  • Israel hat seine Raketenabwehrsysteme rund um den Gazastreifen und Tel Aviv aktiviert. Beobachtern zufolge könnte jederzeit ein Krieg ausbrechen.
  • Israel fühlt sich von zwei Seiten bedroht. Auf der einen Seite gibt es im Gazastreifen die heftigsten Auseinandersetzungen seit Jahren. Auf der anderen Seite droht Gefahr durch den syrischen Bürgerkrieg, der über die Grenze schwappt.
  • Mit verstärkten Militärausgaben will Israel sich für die Probleme wappnen.
Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Es fehlt nur ein Funke", sagt ein hochrangiger Militärexperte. Israel befindet sich derzeit in einem Zwei-Fronten-Konflikt, der sich jederzeit zu einem Krieg auswachsen könnte. Zum einen gibt es im und um den Gazastreifen die heftigsten Auseinandersetzungen seit dem Ende des Gazakriegs 2014. Am vergangenen Wochenende gab es Bombardierungen und am Grenzzaun drei Tote - darunter ein erst zwölfjähriger Palästinenser. Zum anderen schwappt der Bürgerkrieg in Syrien auf die israelische Seite hinüber. Hier könnte Israel in eine größere militärische Auseinandersetzung hineingezogen werden, denn die Regierung will mit allen Mitteln verhindern, dass sich Iran in der Region breitmacht.

Seit vergangener Woche sind die Raketenabwehrsysteme sowohl rund um den Gazastreifen als auch im Norden des Landes aktiviert. Auch über Tel Aviv wurde der Iron Dome ("Eisenkuppel") aufgespannt.

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Vergangenen Mittwoch waren die israelischen Streitkräfte erstmals an beiden Fronten aktiv. Fast gleichzeitig bombardierte die Luftwaffe Ziele der im Gazastreifen regierenden radikalislamischen Hamas und Positionen des sogenannten Islamischen Staates (IS) in Syrien, wo Raketenwerfer zerstört wurden. Von dieser noch verbliebenen IS-Enklave waren zuvor zwei Raketen abgefeuert worden, die im See Genezareth und damit auf israelischem Gebiet niedergingen. Die Geschosse wurden in der Nähe des von Touristen gut besuchten Gofra Beach aus dem See gefischt. Und Anfang vergangener Woche hatte das israelische Militär bereits einen syrischen Kampfjet abgeschossen, der laut Armee in den Luftraum Israels eingedrungen war - es war der erste Abschuss seit 30 Jahren.

Verteidigungsminister Lieberman soll sich für einen neuen Militäreinsatz aussprechen

Diese Angriffe richten sich zwar nicht gegen Israel direkt. Die Kämpfe sind die Folgen der Mitte Juni gestarteten Offensive der Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad gegen die Rebellen und den IS, der noch zwei Hochburgen in der Nähe zu Israel und Jordanien verteidigt. Damit ist der Krieg aber an den israelisch besetzten Golanhöhen angekommen. Auf der anderen Seite sind Schüsse zu hören. Jerusalem dringt auf eine Einhaltung der 1974 eingerichteten Pufferzone zwischen Syrien und den von Israel annektierten Golanhöhen, die UN-Blauhelme überwachen sollen. Vergangenen Donnerstag haben erstmals nach vier Jahren Assads Truppen, die von russischen Einheiten und Kämpfern aus Iran und der libanesischen Hisbollah unterstützt werden, die Stadt Quneitra unter ihre Kontrolle gebracht.

Auf syrischer Seite hatten sich immer mehr Menschen hierher geflüchtet in der Annahme, dass sie nahe der Grenze zu Israel und auf der östlichen Seite der Golanhöhen am besten geschützt seien. Israelis haben ihnen über die Armee Lebensmittelhilfen zukommen lassen. Israel, Jordanien und mehrere westliche Staaten waren zudem an der Rettung sogenannter Weißhelme beteiligt.

Damit aber hat sich Israel nach Ansicht Assads in interne Angelegenheiten eingemischt, auch die Russen waren nicht erfreut über die Rettungsaktion - sehr wohl aber über den Beschuss der feindlichen IS-Raketenwerfer. Russland ließ Israel bisher gewähren, das in den vergangenen Jahren mehr als hundert Luftschläge gegen iranische Stellungen in Syrien platziert hat. Israel befürchtet, dass sich nach Ende des Kriegs Iran in Syrien festsetzt und seine Verbindungen zur Hisbollah in Libanon ausbaut. Das von Russlands Präsident Wladimir Putin unterbreitete Angebot, dass iranische Truppen hundert Kilometer Abstand zur israelischen Grenze einhalten müssten, lehnte Israels Premier Benjamin Netanjahu ab. Er verlangt ihren vollständigen Abzug. Der Konflikt schwelt weiter.

Die Lage ist vergleichbar mit der vor dem Gazakrieg im Jahr 2014

Auf Netanjahu steigt zudem der Druck, stärker im Gazastreifen einzugreifen. Laut einem israelischen TV-Bericht soll sich Verteidigungsminister Avigdor Lieberman für eine neue militärische Operation aussprechen. Der bisher letzte Gazakrieg, von den Israelis "Operation Protective Edge" genannt, hatte als Reaktion auf anhaltenden Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen am 8. Juli 2014 begonnen, erst nach etwa sieben Wochen kam es zu einem Waffenstillstand.

Die damalige Lage ist mit der heutigen vergleichbar: In den vergangenen Wochen wurden mehr als dreihundert Geschosse Richtung Israel abgefeuert, die Bewohner in den Orten rund um den Gazastreifen verbrachten viele Stunden in Bunkern. Die israelische Armee greift nun häufiger Palästinenser direkt an, die mit brennbarer Flüssigkeit versehene Drachen und Ballone Richtung Israel losschicken, wo sie Felder entflammen und erheblichen Schaden anrichten. Seit 30. März dauern die Auseinandersetzungen am Grenzzaun bereits an, etwa 160 Palästinenser wurden erschossen.

Die Proteste werden wieder großteils von der Hamas gesteuert, die Verzweiflung in der Bevölkerung wächst. Die Lage wird noch prekärer, weil dem UN-Hilfswerk UNRWA nach Mittelkürzungen der USA 217 Millionen Dollar fehlen. Das UN-Hilfswerk versorgt 1,2 der etwa zwei Millionen Menschen im Gazastreifen mit Nahrungsmitteln und anderen grundlegenden Diensten. Um nicht beim Essen kürzen zu müssen, wird nun an anderen Stellen gespart. Vergangenen Mittwoch entließ die UNRWA 154 Angestellte, davon 124 in Gaza, und degradierte 580 weitere.

An diesem Dienstag muss das Cash-for-Work-Programm eingestellt werden, das 8000 Palästinensern geringe Verdienstmöglichkeiten wenigstens für begrenzte Zeit geboten hat. Zum 31. August läuft zudem ein Programm aus, das insbesondere jungen Menschen mit psychischen Problemen Unterstützung bietet. Ende Oktober werden auch mobile Kliniken geschlossen. Ob nach den Ferien für die 271 000 Schüler in den 275 UNRWA-Schulen im Gazastreifen wieder der Unterricht beginnt, ist wegen des Geldmangels auch nicht gesichert.

Mit der Not steigen die Verzweiflung und das Gewaltpotenzial im Gazastreifen - und damit die Gefahr einer Eskalation. Derzeit wird im israelischen Sicherheitskabinett über zusätzliche Ausgaben von 18,3 Milliarden Dollar für die Luftwaffe und die Raketenabwehr in den nächsten Jahren diskutiert. Damit will Israel für alle möglichen militärischen Auseinandersetzungen an allen Fronten gerüstet sein.

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