Nahost-Konflikt Das Gefängnis der Kinder

Unter israelischer Besatzung kommen viele junge Palästinenser in Haft. So auch die zwölfjährge Dima al-Wawi. Nun muss sie auch noch für den Opfermythos ihrer Landsleute herhalten.

Von Peter Münch, Ramallah

Sie ist der Star in diesem Saal. Schon vorn am Eingang hat ihr Mustafa Barghuti die Hand geschüttelt, der bekannte palästinensische Politiker. Die Erwachsenen verfolgen sie mit ihren Blicken, die Kinder zeigen mit dem Finger auf sie und tuscheln: "Das ist Dima."

Dima al-Wawi steht an diesem Tag im Mittelpunkt einer von Barghuti in Ramallah organisierten Konferenz über Kinder. "Killt nicht unsere Kindheit" steht auf den T-Shirts, die draußen im Foyer verkauft werden - und Dima, das hagere Mädchen mit der Jeans und den bunten Turnschuhen, gilt als Beleg dafür, was palästinensische Kindern unter der israelischen Besatzung zu erleiden haben. Denn sie wurde verhaftet, verhört und ins Gefängnis geworfen unter dem Vorwurf der versuchten Tötung - ein Mädchen von gerade einmal zwölf Jahren. Mit einem Messer war sie am Eingang einer Siedlung aufgegriffen worden, und als potenzielle Attentäterin geriet sie dann in die Mühlen der auch international schon oft kritisierten israelischen Militärgerichtsbarkeit. Doch zugleich ist sie auch ein Opfer ganz anderer Umstände geworden.

Die Geschichte von Dima al-Wawi hat ein grelles Licht geworfen auf die Systematik, mit der palästinensische Kinder in Israel ins Gefängnis kommen. Der Fall ist deshalb spektakulär, weil Dima mit zwölf Jahren und zwei Monaten die Jüngste war, die in den fast 50 Jahren der Besatzung verurteilt wurde und hinter Gittern landete - doch sie ist beileibe kein Einzelfall. Vorn am Rednerpult steht nun Mustafa Barghuti und referiert die Zahlen: 12 000 palästinensische Minderjährige im Alter zwischen 12 und 17 Jahren sind seit dem Jahr 2000 von israelischen Sicherheitskräften festgenommen worden, die meisten wegen Steinwürfen. 422 Kinder haben zum Jahresende 2015 im Gefängnis gesessen, meist nach kurzem Prozess.

Sie ist verstört, sie will ihre Ruhe haben - und wird trotzdem ins Rampenlicht geholt.

Bei Dima al-Wawi hat es fünf Tage gedauert von der Verhaftung bis zur Verurteilung. Am 9. Februar war sie der Anklage und auch Recherchen der israelischen Menschenrechtsorganisation Btselem zufolge morgens aus dem Haus gegangen, wie immer um zwanzig vor acht. Doch an diesem Morgen ging sie nicht zur Schule in Halul nördlich von Hebron, wo sie mit ihren Eltern und den sieben Geschwistern lebt. Sie ging zur Siedlung Carmi Tzur. Ein Wachmann entdeckte demnach das Küchenmesser, das sie unter ihrer Schuluniform versteckt hielt. Es folgten Verhöre, bei denen weder die Eltern dabei waren noch ein Anwalt. In einem Verhör soll sie gesagt haben, dass jede Nacht im Traum eine alte Frau zu ihr komme und sage, sie solle zur Siedlung gehen und Juden töten.

Seit Oktober 2015 bereits überzieht eine Gewaltwelle das Land - und viele der Angreifer, die mit dem Messer auf Israelis losgehen, sind noch Kinder. Auch Dima gesteht im Verhör die Absicht zum Attentat. In einem Deal mit der Staatsanwaltschaft wird sie daraufhin vom zuständigen Militärgericht am 14. Februar zu viereinhalb Monaten Haft und einer Geldstrafe von 8000 Schekel verurteilt. Ohne Geständnis und diesen Deal hätte sie im Gefängnis wohl bis zu ein Jahr lang auf ihren Prozess warten müssen, sagen Menschenrechtler. Nach Verbüßung von zweieinhalb Monaten der Strafe wird sie am 24. April vorzeitig entlassen.

Mit Steinen hat sich dieser palästinensische Junge für eine Auseinandersetzung mit israelischen Sicherheitskräften im Westjordanland bewaffnet. Seit Herbst 2015 überzieht eine neue Gewaltwelle das Land.

(Foto: Abbas Monani/AFP)

Die Eltern sind froh, sie wieder bei sich zu haben - und sie erheben schwere Vorwürfe. "Bei den Verhören wurde Dima geschlagen und getreten", sagt die Mutter, "sie wurde angeschrien und bedroht." Die Mutter erinnert sich an den Tag des Urteils, als sie im Gerichtssaal ihre Tochter wiedersah: "Ich durfte nicht mit ihr reden, ich durfte sie nicht umarmen und küssen, ich durfte nicht einmal nah heran an sie." Während der Haftzeit im israelischen HaScharon-Gefängnis wurden ihr zwei Besuche erlaubt. Mutter und Tochter blieben getrennt durch eine Scheibe, gesprochen haben sie per Telefon.

Dima hört den Berichten ihrer Mutter zu, reden will sie selber nicht. Nicht über die Verhöre, nicht über die langen Tage in der Zelle. Ab und zu flüstert sie der Mutter etwas ins Ohr, ab und zu gähnt sie, ständig knetet sie ihre Finger oder zieht das lange Haar noch länger. "Sie ist sehr verändert zu uns zurück gekommen", sagt die Mutter, "sie ist immer angespannt und kann sich nicht mehr konzentrieren." Einmal die Woche, immer dienstags, geht Dima nun zur Therapie.

"Natürlich sind die meisten Kinder, die aus dem Gefängnis kommen, traumatisiert", sagt Iwan Karakaschian von der Kinderschutzorganisation DCIP (Defence for Children International - Palestine). Seine Organisation hat gerade eine Studie veröffentlicht, zu der sie mehr als 400 Kinder-Gefangene aus dem Westjordanland befragt hat. Das Ergebnis: Drei Viertel davon klagen, sie hätten physische Gewalt erlitten bei Festnahme, Verhör oder Haft, bei 97 Prozent seien die Eltern nicht bei den Verhören dabei gewesen, 84 Prozent seien nicht anständig über ihre Rechte aufgeklärt worden.

Das deckt sich weitgehend mit Vorwürfen, die das UN-Kinderhilfswerk Unicef bereits 2013 gegen Israel erhoben hatte. Die "schlechte Behandlung" palästinensischer Minderjähriger im israelischen Justizsystem sei ein "verbreitetes, systematisches und institutionalisiertes" Phänomen", hieß es dort. "In keinem anderen Land der Welt werden Kinder systematisch vor Militärtribunale gestellt." Veränderungen, die Israel daraufhin zusagte, seine "höchstens kosmetisch" gewesen, kritisiert Karakaschian.

Ausgesperrt

Als Reaktion auf den blutigen Anschlag von Mittwochabend in Tel Aviv hat Israel das Westjordanland und den Gazastreifen abgeriegelt. Bis Sonntagnacht können Palästinenser die Gebiete nur in humanitären und medizinischen Notfällen verlassen, sagte eine Sprecherin der israelischen Armee am Freitag. Palästinenser aus dem Westjordanland dürften nach den üblichen Regelungen zum Freitagsgebet auf den Tempelberg gehen. Die Lage im Gazastreifen und dem Westjordanland blieb zunächst ruhig. dpa

Auch die israelische Menschenrechtsorganisation Btselem klagt seit langem über die Prozesse gegen palästinensische Kinder. "Dima hatte keine Chance auf ein faires Verfahren", sagt Sarit Michaeli. "Wenn sie ein israelisches Kind gewesen wäre, hätte sie nie zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden können." Die "Diskriminierung" manifestiert sich demnach dadurch, dass es im besetzten Westjordanland zwei parallele Rechtssystem gibt: Für die dort lebenden Siedler gilt israelisches Zivilrecht, für Palästinenser das Militärrecht. Nach dem israelischen Zivilrecht sind Kinder frühestens mit 14 Jahren strafmündig, im Militärrecht schon mit zwölf. Im Zivilrecht ist eine Gefängnisstrafe für Minderjährige nur das letzte Mittel, in den Urteilen der Militärrichter aber die Regel. "Bei den Militärgerichten geht es nicht um Gerechtigkeit für die Palästinenser", meint Michaeli, "sondern es geht darum, das System der Besatzung aufrecht zu erhalten und alle Formen des Widerstands zu bestrafen."

Dima al-Wawi mit ihren zwölf Jahren ist nun das Vorzeigebeispiel für diese Art der Ungerechtigkeit. Auch damit muss sie nun leben. Am Tag ihrer Entlassung aus dem Gefängnis fing der Zirkus an: Autokorsos fuhren hupend durch ihr Heimatdorf, die regierende Fatah-Partei begrüßte sie mit großen Bannern, und die radikal-islamische Hamas ließ ihr zu Ehren grüne Luftballons aufsteigen. Angereisten Journalisten sagte Dima stolz, sie habe als "Märtyrerin" sterben wollen.

Darin mag sie den Weg zum Heldentum gesehen haben, und die Verherrlichung von Messer-Attentaten kennt sie gewiss aus dem Internet oder dem palästinensischen Fernsehen. Nach Monaten des Schweigens hat allerdings mittlerweile auch Präsident Mahmud Abbas erkannt, dass die eigenen Kinder nicht aufgestachelt, sondern geschützt werden müssen. "Wir wollen nicht, dass ihr tötet und getötet werdet. Wir wollen, dass ihr lebt", verkündete er.

Inzwischen erzählt auch Dimas Mutter eine neue Version des Tathergangs. Kein Messer kommt darin mehr vor und auch keine Tötungsabsicht. "Dima hat sich verlaufen und ist so am Eingang der Siedlung gelandet", sagt sie. Glauben will das auch Sarit Michaeli von Btselem nicht, die den Fall von Beginn an verfolgt hat. "Die Fakten sind wohl unbestreitbar", sagt sie, "aber bei solchen Messerattacken wird vieles geleugnet auf palästinensischer Seite."

Als Postergirl im palästinensischen Opfermythos ist Dima al-Wawi nun auch auf die Konferenz in Ramallah geladen. Zwischen den Reden und den Folklore-Vorführungen bildet ein Film über ihr Schicksal den Höhepunkt des Programms. Eine Leinwand wird heruntergelassen, es wird dunkel im Saal. Man sieht Dima beim Blumenpflücken und zusammen mit ihren Geschwistern, man hört ihren Bericht aus der Haft, und unterlegt wird ihre Leidensgeschichte mit Musik. Hinten in der letzten Reihe außen links, in die sie sich verzogen hat, sitzt Dima al-Wawi bei der Filmvorführung und hält sich erst die Ohren zu und dann die Augen.

Als der Film vorbei ist, da atmet sie auf. Doch dann geht Mustafa Barghuti noch einmal ans Mikrophon. "Dima ist heute bei uns", sagt er und bittet sie auf die Bühne. Da steht sie dann mit ihren Eltern, den Blick verschreckt, die Arme verschränkt. Und alle klatschen Beifall.