Nahost-Konflikt Neue Welle von Raketenangriffen auf Israel

Ein Raketeneinschlag, mitten in Israel: Ein Polizist inspiziert ein beschädigtes Haus in Mishmeret, nördlich der Küstenmetropole Tel Aviv.

(Foto: Ariel Schalit/dpa)
  • Womöglich autonom agierende Hamas-Kämpfer haben Raketen auf Israel abgefeuert.
  • Das israelische Militär reagierte mit Gegenschlägen.
  • Premierminister Netanjahu ist auf dem Weg zurück aus den USA.
Von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Das Gitterbett ragt noch aus den Trümmern im Kinderzimmer, das Dach ist eingestürzt, der wolkenverhangene Himmel ist zu sehen. Die zerfetzten Ziegel und Dämmstoffe bedecken den Boden, da und dort sind noch Spielsachen zu erkennen. Einzig ein hellbrauner Schrank in der Ecke ist heil geblieben.

Hier in Mishmeret, etwa dreißig Kilometer nördlich von Tel Aviv, lebte Familie Wolf. Die Großeltern Robert und Susan Wolf, die aus Großbritannien nach Israel eingewandert sind, ihre Tochter, ihr Sohn mit seiner Frau, dem sechs Monate alten Baby und einem dreijährigen Kind. Sohn Daniel hatte am Montag gegen 5:20 Uhr die Sirenen gehört, seine Eltern und den Rest der Familie geweckt. Bis auf die Großmutter waren alle schon im Schutzraum, als die Rakete einschlug. "Wenn wir es nicht rechtzeitig dorthin geschafft hätten, wäre unsere Familie ausgelöscht worden", sagt Wolf. Auch Bar Fucher, eine Zwölfjährige aus der Nachbarschaft, wurde durch Trümmer verletzt.

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Der US-Präsident hat ein entsprechendes Dekret beim Besuch von Israels Premier Netanjahu in Washington unterzeichnet.

Ziemlich genau zwölf Stunden später begann die israelische Armee dann mit Vergeltungsschlägen im Gazastreifen. Die israelische Armee griff in der Nacht 15 Ziele im Gazastreifen an. Ihren Angaben zufolge wurden neben Gebäuden der Hamas auch deren Militäreinrichtungen in Beit Hanoun und des Islamischen Dschihad in Beit Lahia getroffen. Die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen gingen trotz einer von der Hamas behaupteten Waffenruhe unvermindert weiter. Bis zu den frühen Morgenstunden wurden rund 60 Raketen auf Israel abgefeuert.

Zunächst hatte es am Montag jedenfalls so ausgesehen, dass diesmal die Angriffe nicht nur eine Nacht, sondern länger dauern könnten. Darauf deuten Vorbereitungen auf israelischer Seite hin. Die Armee gab bekannt, dass zwei zusätzliche Brigaden - Infanterie und Panzer - mit etwa tausend Soldaten an die Grenze zum Gazastreifen verlegt würden. Außerdem wurden Reservisten über eine mögliche Mobilisierung informiert. Sie sollen vor allem beim Raketenabwehrsystem Iron Dome (Eisenkuppel) eingesetzt werden. Straßen und Aussichtspunkte entlang des Gazastreifens wurden gesperrt, Grenzübergänge geschlossen.

Es war das zweite Mal binnen zehn Tagen, dass Raketen auf zentrale Gebiete in Israel abgefeuert wurden. So weit war eine Rakete seit Ende des Gazakriegs 2014 nicht mehr über israelisches Gebiet geflogen.

Mishmeret liegt rund 80 Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Wie nach dem vorigen Raketenbeschuss von Tel Aviv behauptete die Hamas, die Rakete sei irrtümlich losgegangen - wegen schlechten Wetters. Die auf Tel Aviv gerichtete Rakete war eine Fadschr-5, die aus iranischer Produktion stammt und in einem Feld im benachbarten Holon einschlug. Die andere landete im Meer.

Diesmal soll es eine von der Hamas hergestellte Rakete Typ J80 gewesen sein. Nach Angaben des israelischen Militärs wurde die Rakete im Süden des Gazastreifens bei Rafah von einem Posten der Hamas abgeschossen und legte bis zum Einschlag rund 120 Kilometer zurück.

Hamas-Funktionäre beteuerten, sie hätten kein Interesse an einer Eskalation. Gleichzeitig drohten sie bei heftigen Attacken mit Gegenangriffen "auf ganz Israel". Ihre Anführer zogen sich am Montag in Verstecke zurück. Nach Einschätzung israelischer Sicherheitsexperten könnte eine Gruppe in der Hamas dafür verantwortlich sein, die ohne Wissen der Führung agiert. Das hieße, dass die seit 2007 im Gazastreifen regierende Hamas, die von der EU als Terrororganisation eingestuft wird, die Lage nicht mehr unter Kontrolle hat.

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Die Hamas sieht sich mit breiten Protesten der Bevölkerung konfrontiert. Möglicherweise will sie mit einem Beschuss von ihren Problemen ablenken. Die Schäden in Mishmeret sind beträchtlich. Der Raketeneinschlag beschädigte rund 30 Häuser und Dutzende Fahrzeuge. Nicht nur die Bevölkerung wurde von den Raketen überrascht, sondern auch Israels Militär.

Für diese Woche war eine Intensivierung der Auseinandersetzungen erwartet worden - aber direkt an der Grenze zum Gazastreifen. Vor einem Jahr, am 30. März 2018, begannen die Proteste gegen die Grenzblockaden, bei denen laut Gesundheitsministerium in Gaza mehr als 260 Palästinenser von israelischen Soldaten getötet und Tausende verletzt worden waren.

Premier Benjamin Netanjahu ereilte die Nachricht vom Raketeneinschlag am späten Abend in Washington. "Wir werden mit Nachdruck reagieren", kündigte er per Video an. Sein Treffen mit US-Präsident Donald Trump fand fast zur gleichen Zeit statt, als die ersten Luftangriffe auf den Gazastreifen geflogen wurden. Trump verteidigte mit Verweis auf den jüngsten Raketenangriff Israels Selbstverteidigungsrecht und unterschrieb ein Dekret, wonach die USA die Golanhöhen als Israels Staatsgebiet anerkennen. Israel hatte die Golanhöhen 1967 von Syrien erobert und 1981 annektiert - was bisher international nicht anerkannt wurde.

Für Netanjahu war Trumps Erklärung vor den Parlamentswahlen am 9. April willkommene Unterstützung, die er gern nach Israel mitnahm. Dort ist er mit heftiger Kritik konfrontiert. Opposition und rechte Parteien warfen Netanjahu vor, zu milde auf den Beschuss Tel Avivs reagiert zu haben. Danach hatte die israelische Armee etwa hundert Ziele im Gazastreifen bombardiert - vor allem leer stehende Anlagen.

Auch Benny Gantz vom blau-weißen Bündnis, der in Umfragen knapp vor Netanjahu liegt, warf dem Premier nach dem jüngsten Raketeneinschlag eine zu lasche Reaktion vor. Gantz, ebenfalls in Washington, reagierte auf den Beschuss rascher als Netanjahu. Der Ex-Generalstabschef präsentierte sich auch vor dem proisraelischen Lobbyistenforum der Aipac als Politiker, der bereit sei, das Land notfalls in eine militärische Auseinandersetzung mit der Hamas zu führen.

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