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Nahles und Kramp-Karrenbauer:Eine Mehrheit rechnet nicht mit einer Erholung der Volksparteien

Trotzdem stehen beide vor ähnlichen Herausforderungen, die sie auch zu Konkurrentinnen machen. Die Volksparteien verlieren an Zuspruch, manche sagen sogar, sie kämpfen ums Überleben, auch wenn das derzeit vor allem die SPD zu betreffen scheint. Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung streut in die Diskussion immer wieder auch Ergebnisse einer Allensbach-Umfrage ein, die, sehr verkürzt, zu dem Befund führen, dass zwar vor allem unter älteren Bürgern der Ruf der Volksparteien nicht so schlecht ist. Eine große Mehrheit von fast 75 Prozent sorgt sich, dass mit schwächelnden Volksparteien eine Regierungsbildung immer schwerer werde. 65 Prozent fürchten, dass Parteien für eine Koalition immer mehr Kompromisse machen müssten. Fast ebenso viele sagen als Konsequenz voraus, dass größere Reformen dann kaum noch durchgesetzt werden könnten.

Der Glaube, dass die Volksparteien wieder ihre alte Machtposition einnehmen könnten, ist trotzdem nicht sehr ausgeprägt. Gefragt, ob die Zeit für Union und SPD vorbei sei oder ob die beiden noch einmal zu alter Stärke zurückkehren könnten, antworteten fast 54 Prozent der Befragten, sie rechneten nicht mehr mit einer solchen Erholung. Auch auf die Frage, ob es ihnen wichtig sei, bei Wahlen eine große Partei zu wählen, antworten heute knapp 56 Prozent, dass ihnen das mehr und mehr egal ist.

Was tun? Nahles wie Kramp-Karrenbauer räumen erst einmal den zugespitzten Titel des Diskussionsabends beiseite: Beide sind sich einig, dass eine Frau allein nicht die jeweilige Partei retten könne. Das sei ein "Gesamtkunstwerk", sagt Kramp-Karrenbauer. Sie glaubt aber, dass der Befund schwächelnder Volksparteien Ausdruck eines insgesamt schwindenden Vertrauens in die Politik sei. Man habe in den vergangenen Jahren unter dem Druck mannigfacher Krisen zu wenig die Zukunftsthemen bearbeitet, zu denen Kramp-Karrenbauer insbesondere den Ausgleich zwischen Umweltfragen und der Sicherung von Wohlstand und Arbeitsplätzen zählt.

Beide verteidigen das Prinzip der Volksparteien

Auch Nahles analysiert für die SPD, dass viele Leute enttäuscht seien über die Bewältigung der Globalisierungsfolgen. Wegweisend sei da die Bankenkrise gewesen, als die Menschen wahrgenommen hätten, dass die Banken "die Verbrecher" gewesen seien, die man dann auch noch habe retten müssen. Nun wolle man neue Antworten finden, wofür sie in der Partei auch eine Kommission gebildet habe. "Aber damit hätten wir schon vor fünf Jahren anfangen müssen."

Das Prinzip der Volksparteien verteidigen beide, gerade in Zeiten einer zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft. Es sei schwerer geworden, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu organisieren, auch weil die Anspruchshaltung vieler Leute größer geworden sei. "Wenn jeder nur noch sein Interesse verfolgt und glaubt, man könne einfach bestellen wie bei Amazon, dann funktioniert das nicht", so Nahles. Und Kramp-Karrenbauer sieht den großen Vorteil der Volkspartei noch immer darin, dass Kompromisse schon frühzeitig über unterschiedliche Interessen hinweg gefunden werden könnten.

Die Frage nach der Koalition spielt keine Rolle

Und was bedeutet das Engagement junger Leute, zum Beispiel in der "Fridays for Future"-Bewegung? Kramp-Karrenbauer sagt, man dürfe dieses Engagement nicht nur loben, sondern müsse auch Angebote machen, die Anliegen zu diskutieren. Nur dann nehme man die jungen Leute wirklich ernst. Ähnlich sieht das Nahles, die freilich zugleich darauf verweist, dass jüngere Parteimitglieder gerade in der SPD schon einiges Gewicht einbringen könnten. Ohne die Jusos und den Namen Kevin Kühnert zu nennen, erinnert die SPD-Vorsitzende daran, dass die Jungen in letzter Zeit "manchen Parteitag zum Wackeln" gebracht hätten.

Apropos Kühnert. Die Frage nach der Zukunft der Koalition spielt an diesem Abend praktisch keine Rolle. Nur einmal hört man von Nahles eine Anspielung auf die anhaltenden Spekulationen, die SPD könne das Bündnis vorzeitig beenden. Wer aussteigen wolle, so die SPD-Chefin, müsse auch wissen, "wo man einsteigen will". Auch dazu gibt es von Kramp-Karrenbauer keinen Widerspruch.

Politik Volksparteien Warum die Volksparteien zittern müssen

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Warum die Volksparteien zittern müssen

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