Meinung am Mittag: SPD Als Frau an der Spitze hatte Nahles es doppelt schwer

Andrea Nahles war die erste Frau an der Spitze der SPD.

(Foto: dpa)

Der Umgang mit Andrea Nahles offenbart, wie schwer es Frauen als Chefinnen immer noch haben. Die SPD, die für Gerechtigkeit sorgen will, hat beim Umgang mit ihrer Parteichefin versagt.

Kommentar von Cerstin Gammelin, Berlin

Olaf Scholz ist bisher nicht als Kämpfer für Gendergerechtigkeit aufgefallen. Umso bemerkenswerter ist sein Befund, dass seine SPD beim Umgang mit Andrea Nahles als Parteichefin einen "ziemlichen frauenfeindlichen Anteil" offenbart habe. Der Vizekanzler bemängelt, dass bei Frauen in Führungspositionen Verhaltensweisen kritisiert werden, die bei männlichen Chefs überhaupt nicht erwähnt würden. Selbst wenn man abzieht, dass Scholz mit seiner Kritik noch einmal - freilich zu spät - seiner langjährigen Vertrauten Nahles öffentlich beigesprungen ist, bleibt zu konstatieren: Es ist nach wie vor nicht selbstverständlich, dass Frauen große Organisationen führen. Dieser Befund ist erschreckend.

Im Umgang der SPD mit Nahles offenbart sich ein grundsätzliches Problem, von dem man hätte annehmen können, dass es im Laufe der Jahre kleiner geworden ist. Weibliche Chefs haben es doppelt schwer. Sie werden von Männer attackiert, die sich selbst für den besseren Vorgesetzten halten. Aber auch von den Geschlechtsgenossinnen bekommen sie nicht immer Unterstützung. Am Putsch gegen Nahles waren nicht nur männliche Heckenschützen beteiligt, sondern auch weibliche. Die Partei, die dafür sorgen will, dass es in Deutschland und Europa gerecht und solidarisch zugeht, hat beim Umgang mit ihrer Parteichefin versagt. Und noch dazu offenbart, dass der Mief des vergangenen Jahrhunderts sie noch immer durchzieht.

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Der "notwendige Rückhalt" fehlt: Andrea Nahles gibt nach den verheerenden Ergebnissen bei der Europawahl und in Bremen ihre Spitzenämter ab. Die Nachfolge ist offen.

Das ist nicht nur ein Problem der SPD, sondern ein generelles. Frauen in Machtpositionen sind keine Selbstverständlichkeit; sie werden noch immer schonungsloser als Männer infrage gestellt. Die traditionsreiche, ebenfalls mehr als 100 Jahre alte New York Times wagte ähnlich spät wie die alte Tante SPD, eine Frau an die Spitze zu befördern. Die erste Chefredakteurin Jill Abramson, eine gestandene Journalistin, blieb zwar etwas länger als die erste SPD-Parteivorsitzende, aber auch keine drei Jahre. Weil das Arbeitsklima unter ihr so schwierig geworden sei, musste sie vorzeitig gehen. Man kann das auch andersherum sehen: Abramson führte die Zeitung so, wie ihre männlichen Kollegen es vorher getan hatten, dominant, wenig kommunikativ. Doch diese Art des Bestimmens, die man bei einem Mann als normal angesehen hatte, wurde ihr zum Vorwurf gemacht: Die Maßstäbe, die an ihren Führungsstil angelegt worden sind, waren höher. Sexismus in Führungsetagen ist bis heute nicht überwunden.

Frauen müssen noch immer mit dem Widerspruch leben, dass sie gern weiblich wirken dürfen, aber bitte männliche Führungsqualität zeigen sollen. Wer zu viel Weiblichkeit zeigt, läuft Gefahr, darauf reduziert zu werden. Die dänische Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt wurde zu "Gucci-Helle", weil sie modisch gekleidet war. Wenn sie bei Gipfeltreffen aus dem Auto stieg, verweilte die Kamera auf ihren Beinen, man diskutierte oft über ihre Strümpfe und irgendwann über einen Flirt mit Barack Obama.

Wie weit Sexismus reicht, haben in Deutschland alle Frauen an der Spitze der Volksparteien erfahren: Nahles musste sich abschätzige Bemerkungen gefallen lassen, weil sie eben mal im Bundestag ein Lied anstimmte. Sie wurde für ihre Kleidung kritisiert und für ihre Neigung, gelegentlich ins Prollige zu gleiten. Wann ist jemals einem Mann sein ewig schwarzer Anzug oder ein derber Witz so grundsätzlich angekreidet worden? In der CDU sieht es übrigens kaum besser aus. Annegret Kramp-Karrenbauer hat ihre Kleidung umgestellt, statt Kleidern trägt sie Jackett, um souveräner zu wirken. Ihre Faschingswitze haben ihr Spott und Häme eingetragen.

Eine Merkel macht noch keine Moderne

Vor diesem Hintergrund wird einmal mehr deutlich, welch unglaubliche Leistung Angela Merkel hingelegt hat. Das Mädchen aus dem Osten mit der "Topf-Frisur". Eine Chefin, deren Frau-Sein öffentlich infrage gestellt wurde, die nur Mutti sein sollte. Welcher Kanzler hat sich jemals anhören müssen, ob das zusammengeht: ein Mann zu sein und eine Regierung zu führen.

Merkel hat diese Bemerkungen alle ausgesessen; sie hat sie hingenommen, um im Kanzleramt zu bleiben. Sie hat einen hohen persönlichen Preis dafür bezahlt, über 14 Jahre an der Macht zu bleiben. Nahles war dazu nicht bereit. Man kann ihr daraus keinen Vorwurf machen. Der komplette Rückzug einer so leidenschaftlichen Politikerin wie Nahles aus allen Funktionen führt nachdrücklich vor Augen, dass in Deutschland noch viel zu tun ist, um die verkrusteten Strukturen des Patriarchats aufzubrechen. Eine Merkel macht noch keine Moderne.

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Sie war laut und provokant und nicht immer bequem. Nur wenige haben die SPD so verkörpert wie Andrea Nahles. Aber nur wenige standen zuletzt noch hinter ihr. Und doch scheint sie es noch im Abgang gut zu meinen mit ihrer Partei.   Von Nico Fried