bedeckt München

Nahostkonflikt:Verloren im Besatzungs-Labyrinth

MIDEAST-CONFLICT-WESTBANK-AGRICULTURE

Ein palästinensischer Jugendlicher spricht nahe des Dorfes Awarta mit israelischen Soldaten. Er will zu einem Feld, das sich hinter dem Sicherheitszaun befindet.

(Foto: AFP)

Der Israeli Nir Baram blickt in seinem Buch hinter den Meinungszaun und versucht, die Palästinenser zu verstehen.

Buchkritik von Thorsten Schmitz

Dass man bei der Beschäftigung mit dem Nahost-Konflikt eigentlich immer nur Fehler machen kann, zeigt schon das Buchcover. "Im Land der Verzweiflung" steht über Wellensittichen in Vogelkäfigen und einem Palästinenser, der zu viel Zeit zu haben scheint.

Und etwas ungenau: "Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete." Nir Baram ist zwar Israeli, aber ein jüdischer. Das ist das Besondere an seinen Besuchen in den besetzten Gebieten, denn jüdische Israelis dürfen nicht in Palästinenserstädte und -dörfer reisen.

Nir Baram: Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Hanser-Verlag München 2016, 304 Seiten, 22,90 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

Nir Baram ist fast 40 Jahre alt. Er kennt nichts anderes als Kriege, Intifadas, Selbstmordattentate und Messerattacken. Er ist groß geworden mit Medien, die - bis auf wenige Ausnahmen wie Amira Hass von der Zeitung Haaretz - stets nur eine Sicht auf den Dauerkonflikt vermitteln. Auch das hat Nir Baram neugierig gemacht, einmal hinter den (Meinungs-)Zaun zu blicken. Wer sind unsere Nachbarn: Feinde? Freunde? Eigentlich eine reizvolle Idee.

Die meisten Israelis kennen den wahnwitzigen Alltag im Westjordanland vom Militärdienst. Sie stehen an Grenzkontrollpunkten, nehmen Terroristen fest, sie werden von bewaffneten Palästinensern mit Messern angegriffen und von Siedlern in Hebron bespuckt, wenn sie es Palästinensern ermöglichen, dort in der Altstadt einzukaufen. Nach ihrem Dienst wollen Soldatinnen wie Soldaten die Armeezeit so schnell wie möglich so gründlich wie möglich vergessen. Sie fliegen nach Goa und geben sich dem Drogenrausch hin oder sie ziehen gleich ganz weg, zum Beispiel nach Berlin. Nir Baram lebt in Tel Aviv. Noch.

Es sind Reisen in nahezu empathiefreie Zonen

Auf seinen Reisen durchs Westjordanland hat Baram PLO-Funktionäre getroffen, die wenig überraschend das Rückkehrrecht fordern, und ehemalige Häftlinge, die interessanterweise dieselbe Vorstellung von der Zukunft haben wie Premierminister Benjamin Netanjahu, der zum Entsetzen Europas und der US-Regierung nicht mehr die Zwei-Staaten-Lösung verfolgt. Diese Palästinenser träumen von zwei Staaten in einem, in dem sich Palästinenser und Israelis frei bewegen könnten.

Baram klappert die üblichen Statisten im Nahost-Drama ab. Also: Jüdische Siedler, deren Weltsicht unbegreiflich bleibt, und Palästinenser, die einen eigenen Staat fordern, aber nie verraten, wie dieser denn aussehen soll. Hätten Frauen und Homosexuelle dort Rechte? Welcher Bildungsplan gälte? Und wie würde die Wirtschaft angekurbelt? Baram schreibt, er habe sich in das "Labyrinth des Besatzungsapparats" begeben.

Leider ist er mit seinem Buch darin verloren gegangen.

Auf mehr als 300 Seiten liefert der Autor und Journalist ermüdende Stereotype wie jenes Argument von Jugendlichen in einem Wüsten-Kibbuz, das Erdnüsse für den Export nach Italien anbaut: dass es für Palästinenser "doch noch 21 andere arabische Staaten gibt, warum gehen sie nicht dort hin?"

Palästinensische Betende auf dem Tempelberg erklären ihm, dass es sie stört, wenn Juden die heilige Stätte besuchen. Ach ja? Von jüdischen Siedlerfrauen möchte er erfahren, ob diese für nach Geschlechtern getrennten Schulunterricht seien. Die Antwort kann man sich denken.

Viel zu selten verlässt Baram den Pfad der Langeweile und berichtet Spannendes. Dass sich manche Palästinenser zum Beispiel absichtlich von israelischen Soldaten festnehmen lassen, weil sie nach israelischer Haft von der Palästinensischen Autonomiebehörde Entschädigungszahlungen erhalten.

Gespräche fast nur mit Extremisten

Der große Fehler, den viele Journalisten und Schriftsteller wie Nir Baram machen, wenn sie über den Nahost-Konflikt berichten: Sie stellen Juden wie Palästinensern Fragen. Es sind eigentlich immer dieselben Fragen, heraus kommen daher auch eigentlich immer dieselben Antworten.

Die große Kunst, um im Nahost-Konflikt nicht unterzugehen im Strudel der Meinungen, Forderungen, Beschuldigungen und des Rechthabens, ist das Beobachten. Dazu gehört auch, dass man Stille und Schweigen aushält - und dass man mehr investiert als Visiten von ein paar Stunden in einer Palästinenserstadt oder in einer jüdischen Siedlung. Baram aber eilt von Ort zu Ort, von Interviewtermin zum nächsten.

Dabei degradiert er sich selbst zum bloßen Meinungsfänger. Seine Ausflüge bleiben seltsam blass. Das mag auch an der schlechten Übersetzung aus dem Hebräischen liegen, die von einem technischen Duktus getragen ist. Manche Sätze lesen sich wie Gesetzesvorlagen. Seltsam auch dies: Im Klappentext wird Barams Geburtsjahr mit 1977 angegeben. Er ist aber ein Jahr zuvor geboren worden.

Es sind, irgendwie, auch unvollständige Ausflüge. Eindrücke, Beschreibungen, Stimmen aus dem Gazastreifen fehlen. Es gibt das Fatah-dominierte Westjordanland und den von der Hamas regierten Gazastreifen. Dort, am deprimierendsten Ort der Welt, war Baram nicht. Eine Hochsicherheitsgrenze zwischen Gazastreifen und Israels Süden macht es unmöglich, den Gazastreifen einfach zu besuchen. Jüdische Israelis dürfen das schon gar nicht.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch bietet der Verlag hier an.

Baram hat fast nur mit Extremisten geredet, das heißt: Mit Menschen, die extreme Ansichten hegen und das Gegenüber in ihrer Weltsicht ausgeblendet haben. Es sind Reisen in nahezu empathiefreie Zonen. Sein Buch schafft kaum Raum für positive Gedanken. Am Ende schreibt er selbst: "Eine Teilung scheint heute komplizierter denn je zu sein." Siedler und Palästinenser im Westjordanland seien unentwirrbar.

Auch Baram hält heute die klassische Zwei-Staaten-Lösung - zwei Länder, zwei Grenzen - für obsolet. Er wünscht eine Konföderation, in der Juden und Nicht-Juden "in allen Belangen gleichgestellt sein" sollen. Klingt gut. Klingt aber auch utopisch weit weg, solange Menschen auf der Strandpromenade von Tel Aviv von Palästinensern erstochen werden, nur weil sie Juden sind.

© SZ vom 18.04.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite