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Naher und Mittlerer Osten:Pessimist und Optimist

Saudischer Kronprinz bei Trump

US-Präsident Donald Trump mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman im Weißen Haus

(Foto: dpa)

Guido Steinberg und Ulrich Tilgner betrachten die großen Konflikte in der Region sehr unterschiedlich. Und kommen auch zu sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Rezension von René Wildangel

Ulrich Tilgner ist als Fernsehjournalist bekannt geworden, insbesondere seine Berichterstattung während der US-Invasion im Irak 2003 aus dem berühmt-berüchtigten Hotel Palestine für das ZDF dürfte vielen Zuschauern in Erinnerung geblieben sein. Dabei gehörte Tilgner weder zum Typ Kriegsreporter mit Safari-Weste noch zur Gattung Orientalismus-Erkläronkel. Er bemühte sich, hinter das Dickicht aus Falschinformationen und Klischees zu blicken, was im Wesentlichen auch für seine Bücher gilt.

Jetzt hat der Journalist im (Un-)Ruhestand ein neues Buch geschrieben, in dem er einen persönlich geprägten Blick auf die gesamte Region richtet: "Krieg im Orient - Das Scheitern des Westens". Noch ein Nahostbuch, das die verfehlte Politik der USA und die Versäumnisse Europas beschreibt? Tilgner macht bereits im Vorwort deutlich, dass es ihm um ein persönliches Anliegen geht.

Saudi-Arabiens Prinz Mohammad bin Salman und US-Präsident Donald Trump

Die USA haben sich nicht erst seit Donald Trump eher vom Nahen dem Fernen Osten zugewandt. Was Herrscher wie der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman (links) so treiben, interessiert in Washington nicht mehr so wie früher.

(Foto: Mandel Ngan/AFP)

Jahrzehntelang war er vor Ort Zeuge der von ihm beklagten Durchsetzung wirtschaftlicher und politischer Interessen mit militärischen Mitteln, der interessengeleiteten Kooperation mit Diktatoren und korrupten Regimen, der negativen Wirkung von Waffenexporten in die Region sowie der mangelnden Übernahme von Verantwortung für die Folgen, insbesondere in der Flüchtlingskrise.

Tilgner geht mit "dem Westen" - damit meint er vor allem die im Nahen Osten der letzten Jahre dominanten USA mit ihren fatalen Interventionen in Afghanistan und dem Irak - hart ins Gericht, bemüht sich aber um Sachlichkeit. Der Autor formuliert den Anspruch, nicht nur die schon vielfach beschriebenen Verfehlungen zu benennen, sondern die Krisen im Nahen Osten beispielhaft für die Vorzeichen einer viel diskutierten weltpolitischen Wende zu analysieren.

Weite Teile des Buches, in dem fast alle Konflikte der Region behandelt werden, bleiben aber hinter diesem Anspruch zurück. Die Darstellungen der Konflikte in Jemen, Libyen und Syrien und die Kapitel zum Terrorismus, zum Arabischen Frühling und zum iranisch-amerikanischen Gegensatz sind als knapper Überblick geeignet.

Aber die Absicht, über die "bloß beschreibende Ebene" hinauszugehen, wird selten eingelöst. Hier hätte der Leser stärker von Tilgners eigenen Erfahrungen profitieren können. Das gilt besonders auch für das Kapitel zu dem Land, bei dem Tilgner den größten Erfahrungsschatz zu bieten hat: dem Irak.

Es wird zu Verhandlungen kommen, meint Tilgner

Manchmal kommt er zu Prognosen, die anhand der knappen Analysen eher willkürlich wirken: So sieht er die Herrschaft des saudischen Königshauses "gefährdet" und weist auf wirtschaftspolitische Probleme hin, sagt aber zu wenig über die aktuelle politische Konstitution des Königreiches und die Rolle des umstrittenen Kronprinzen Mohammed bin Salman.

In Syrien kommt die Rolle Russlands und Irans in der Darstellung zu kurz, während die von Tilgner bereits antizipierte Wiederaufbaustrategie des Westens, mit der erneut Einfluss gewonnen werden solle, derzeit noch in weiter Ferne liegt. Verhandlungen zwischen Iran und den USA bezeichnet er auf lange Sicht als "wahrscheinlich". Eine derart optimistische Einschätzung bedarf einer gründlicheren Analyse als der bloßen Behauptung, dass "beide Seiten einen Krieg fürchten und ihn vermeiden wollen".

Das abschließende Kapitel zu den weltpolitischen Umbrüchen, die sich auch im Nahen Osten zeigen, dem Ende der US-Hegemonie, dem Aufstieg Chinas und den großen Fragen der Zeit wie Klimawandel, Erosion des Völkerrechts oder der Covid-19-Pandemie hätte besser als Einführung gedient, um damit die Perspektive für die anschließende Analyse der Regionalkonflikte zu öffnen. Auch Tilgners hoffnungsvoller Gedanke, dass "die Menschen im globalen Süden die Kraft aufbringen werden, auf den Trümmern der gescheiterten westlichen Politik für sich eine neue Zukunft aufbauen" könnten, hätte dann weiter ausgeführt werden können.

Guido Steinberg: Krieg am Golf. Wie der Machkampf zwischen Iran und Saudi-Arabien die Weltsicherheit bedroht. Droemer-Verlag, München 2020. 352 Seiten, 20 Euro. E-Book: 16,99 Euro.

Guido Steinberg, erfahrener Nahostkenner der Stiftung Wissenschaft und Politik, hat ein Buch mit dem sehr ähnlichen Titel "Krieg am Golf" geschrieben. Allerdings ist bereits der Titel präziser: Ihm geht es um den "Kernkonflikt" zwischen Saudi-Arabien und Iran, der zum Leitmotiv nahezu aller Akteure und Konflikte in der Region geworden ist. Damit hat er längst den Konflikt früherer Jahrzehnte, den israelisch-palästinensischen Konflikt, abgelöst. Ulrich Tilgner spart ihn aus demselben Grund komplett aus.

Steinberg macht aber auch deutlich, welche neuen Allianzen sich ergeben haben, die in den jüngsten Abkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Bahrain nur ihren Ausdruck fanden. Frühere Gestaltungsmächte wie Ägypten oder der Irak haben ihren Einfluss längst verloren, sie sind Teil der jeweiligen Allianzen mit Iran oder Saudi-Arabien geworden.

Im ersten Teil liefert Steinberg sehr ausführliche Analysen der jüngsten Geschichte und inneren Verfasstheit der beiden Hegemonialmächte. Die detaillierte Beschreibung ermöglicht das Verständnis der teils komplexen innenpolitischen Verwerfungen ebenso wie die Wahrnehmung sich verändernder regionaler Bedrohungsszenarien. Hilfreich sind auch die Passagen zu zentralen Persönlichkeiten wie Kronprinz Mohammed bin Salman oder dem Revolutionsführer Ali Chamenei sowie Institutionen wie Irans Revolutionsgarden.

Es wird zum Krieg kommen, meint Steinberg

Im zweiten Teil schildert Steinberg die Rolle Irans und Saudi-Arabiens in den Regionalkonflikten in Syrien, Jemen und Irak, die fakten- und kenntnisreich analysiert werden. Die erhellenden Binnensichten aus dem "Mikrokosmos Bahrain" seit dem Arabischen Frühling oder der zunehmend eigenständig agierenden Kontrahenten Katar und Vereinigte Arabische Emirate sind in dieser Detailkenntnis keineswegs zahlreich auf den Büchertischen deutscher Verlage zu finden.

Dass Steinbergs Buch ausgerechnet vom Droemer-Verlag verlegt wird, der sonst mit wenig Nahostexpertise, sondern mit Hamad Abdel-Samads reißerischen Bestsellern über "den Islam" aufwartet, überrascht. Herausgekommen ist ein fachlich hervorragendes und sehr gut lesbares Buch, das in insgesamt noch überschaubarem Umfang detailreich und präzise die aktuelle Lage der Region analysiert.

Ulrich Tilgner: Krieg im Orient - Das Scheitern des Westens. Rowohlt-Verlag, Berlin 2020. 272 Seiten, 22 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

Im letzten Teil widmet sich Steinberg den globalen Folgen der Spannungen am Golf. Nicht nur die fatale US-Intervention im Irak 2003, sondern auch die Instabilität infolge des Arabischen Frühling haben den saudisch-iranischen Gegensatz angeheizt. Als wichtigste geopolitische Verschiebung sieht auch Steinberg den bereits vor Trump eingeleiteten Rückzug der USA, deren Interessen sich stärker nach Asien verschieben.

Für den Nahen Osten sind das aus Sicht des Autors trotz der Fehler der USA in der Region schlechte Nachrichten, da das Ende des Schutzmachtstatus den Konflikt anheizen wird. Der iranische Anschlag auf zwei Ölanlagen der saudischen Aramco in Abqaiq und Churais im September 2019, der von den USA zunächst unbeantwortet blieb, war daher eine Zäsur.

So endet Steinberg im Kapitel "Der kommende Krieg zwischen Iran und Saudi-Arabien" sehr pessimistisch. Angesichts des gescheiterten Atomabkommens und eines Wettlaufs um Nuklearkapazitäten am Golf sieht Steinberg genügend Anlass für eine Eskalation. Vor allem aus Sicht der iranischen Führung wäre die nukleare Bewaffnung noch immer die wirksamste Rückversicherung gegen einen Regimewechsel von außen. Wenn dies nicht auf diplomatischem Wege verhindert werden kann, sei ein Krieg "kaum zu vermeiden".

Gerade weil Steinbergs Möglichkeit eines "Kriegs am Golf" kein utopisches Schreckensszenario ist, hätte man gern erfahren, welche Instrumente und Politikoptionen der Autor zur Vermeidung dieses Krieges empfiehlt. Der Ratschlag, dass Europa im Falle eines Militärschlages an der "Seite Washingtons und Tel Avis/Jerusalem" stehen sollte, mutet fatalistisch an. Es wäre wichtig, neu zu denken, wie deutsche und europäische Politik den düsteren Kriegsszenarien entgegenwirken kann.

René Wildangel ist Historiker und schreibt unter anderem zum Schwerpunkt Naher/Mittlerer Osten.

© SZ vom 02.11.2020
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