Nachtkritik zur RBB-Debatte Nicht die Realität soll zählen - sondern das Gefühlte

Als es für die vier anderen um die Integration der Flüchtlinge geht, will Pazderski davon nichts wissen. Er wiederholt mehrmals, dass man "diese Leute" nur darauf vorbereiten solle, wieder in die Heimat zurückzukehren. Selbst wenn der Krieg in Syrien noch lange dauern sollte.

Es geht um die innere Sicherheit und der Moderator will von ihm wissen, warum die AfD nie erwähne, dass die überwiegende Mehrheit der Migranten friedlich im Land lebt. Nur ein kleiner Prozentsatz werde kriminell, 98 Prozent seien gesetzestreu. Pazderski bestreitet die Zahl nicht, aber sie interessiert ihn auch nicht. Er sagt: "Das, was man fühlt, ist auch Realität."

Das ist der Moment, in dem man sich eine Auszeit wünscht - einen Augenblick der Besinnung, in dem Verblüffung und Irritation ihren Raum finden können, und auch das Entsetzen. Denn im Grunde steckt darin das Ende aller rationalen Politik: Nicht die Realität soll zählen - sondern das Gefühlte. Es gehe darum, wie der Bürger empfinde, ergänzt der AfD-Mann.

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Für einen Moment gelingt es Müller, den besonnenen Chef zu geben

Er hätte sagen können, dass man Sorgen und Ängste der Bürger ernst nehmen muss. Und gewiss auch, dass der kleine Anteil an Kriminellen schlimm genug ist. Dass dies vielen schon reiche. Aber dieser Satz, mit dem Gestus eines weisen Mannes gesprochen, offenbart eine Haltung, der man mit Argumenten und Fakten nicht begegnen kann. Da macht sich einer immun gegen die Wirklichkeit und will damit Politik machen.

Michael Müller zeigt die entsprechende Reaktion. Man dürfe nicht Angsträume schaffen, indem man sie selbst herbeirede, hält er Pazderski entgegen. Es ist einer der seltenen Momente, in denen es Müller gelingt, die Rolle des besonnenen Regierungschefs einzunehmen, die er in diesem Wahlkampf beanspruchen möchte. So gern würde er in einer Liga über den anderen spielen. Oft fällt ihm das schwer, er lässt sich ins politische Klein-Klein ziehen.

Seine Regierungsbilanz eignet sich aber auch nur bedingt dazu, von einer höheren Warte den Amtsbonus auszuspielen. Ob es um die Schlangen vor Bürgerämtern geht, die Betreuung von Flüchtlingen, die Sanierung von Schulen oder fehlende Wohnungen in Berlin: Müller kann nur kleine Fortschritte anbieten, und das Versprechen, dass alles besser werden soll.