NachrufMensch, Mensch

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Er war Büroleiter von Genscher, BND-Chef, Justiz- und Außenminister und Vizekanzler: Zum Tode von Klaus Kinkel, einem der wenigen Spitzenbeamten, die es auch zum Spitzenpolitiker gebracht haben.

Von Heribert Prantl

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Regina Schmeken

"Die Welt war damals nicht in Ordnung", sagte er später über die Neunziger, "aber sie schien es zu sein."

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Kinkel in den Neunzigern: als Außenminister mit Jassir Arafat, dem Palästinenserführer...

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und beim FDP-Parteitag 1993.

Er sah so unglaublich gesund aus, noch mit 80; so sportlich, so zupackend, so energisch. Den alten Herrn "rüstig" zu nennen, wäre eine Beleidigung gewesen. Er war nicht rüstig, er war ein Ausbund an Aktivität, er strahlte noch lange nach seinem Ausscheiden aus der Politik eine Energie aus, wie sie viele Politiker zu ihren aktiven Zeiten nicht haben. Er war Tennisspieler und er rannte mit seinem Labrador um die Wette. Er lief vor nichts davon, er war zufrieden mit sich und dem, was er geschafft hatte in seinem Leben: Chef des Bundesnachrichtendienstes, Justizminister, Außenminister, Vizekanzler. Er war ein Schwabe, man hörte es sehr, und er war stolz darauf - geboren in Metzingen, übrigens am selben Dezembertag im Jahr 1936, dem 17., an dem in Buenos Aires Papst Franziskus geboren wurde.

Wenn er davon sprach, was "der Kinkel" so tat und tut (er redete von sich gern in der dritten Person), dann gab er einem einen herzhaften Puffer in die Seite und rief: "Mensch, Mensch, Kerle, das waren Zeiten!" So war er auch als Minister gewesen: herrlich zupackend, unglaublich jovial und herzlich zugewandt. Nur an seine paar Jahre als FDP-Chef, von 1993 bis 1995, an die erinnerte er sich nicht so gerne. Da stand "der Kinkel" auf verlorenem Posten in seiner Partei, die ein gewaltiger Intrigantenstadel war. Da biss er nicht auf Granit, sondern auf Heuchelei. Und damit kam der geradlinige Kinkel nicht zurecht. Bei den Attacken aus der Partei schob er zwar anfangs noch kampfeslustig das Kinn vor, wie er es gern tat, wenn er in den Ärmel-aufkrempeln-und-zupacken-Modus ging. Aber all den Finten war er nicht gewachsen; da hätte er von Helmut Kohl lernen müssen, mit dem ihn innige Freundschaft verband.

Klaus Kinkel war einer der wenigen Spitzenbeamten in Deutschland, die in der Politik ganz nach oben gekommen sind. Hans-Dietrich Genscher, seinerzeit Bundesinnenminister, entdeckte 1970 den damals 33-jährigen Juristen Kinkel (der ursprünglich wie sein Vater Mediziner hatte werden wollen), stellte ihn zunächst als persönlichen Referenten ein, ernannte ihn 1974 zum Leiter des Ministerbüros, nahm ihn ins Auswärtige Amt mit, als er dort Minister wurde, machte ihn zum Chef des Planungsstabes, was er bis 1978 blieb. Anschließend ging's weiter bergauf: 1979 wurde Kinkel als erster Zivilist nach den Generälen Gehlen und Wessel Chef des Bundesnachrichtendienstes in Pullach, er brachte wieder Ruhe in die Behörde, die durch Pannen und zwielichtige Aktionen in Misskredit geraten war.

Zum Tod von Klaus Kinkel
:Vom Beamten zum Spitzenpolitiker

Klaus Kinkel gehörte zu den prägenden Figuren der Bundespolitik. Der FDP-Politiker war unter anderem Außenminister, BND-Präsident und Vizekanzler. Seine Karriere in Bildern.

Von Bernadette Mittermeier

1982 nach Bonn zurückgekehrt, machte er sich dort unentbehrlich: Sein Amtszimmer als Justizstaatssekretär baute er aus zur Schaltstelle für den Betrieb der damals neuen CDU/CSU-FDP-Koalition. Er trat immer dann in Aktion, wenn es dort zu krachen begann: manchmal vorsichtig, manchmal hemdsärmelig, zumeist so, als platze er schier vor Kraft. Er galt als Verkörperung des politischen Könners. Die Sensibilität sah man ihm nicht unbedingt an, aber er hatte sie: Bei den letzten Hungerstreiks der inhaftierten RAF-Terroristen wurde er in die Gefängnisse geschickt und entwickelte eine neue Linie im Umgang mit ausstiegswilligen Terroristen.

1991 wurde er Justizminister (was er als Staatssekretär unter dem kränklichen Amtsinhaber Engelhard eigentlich schon war); seine Nachfolgerin aus der eigenen Partei, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, sagte am Dienstag: "Sein Verdienst um die deutsche Einheit, als er in einem kaum vorstellbaren Kraftakt das DDR-Recht in den Einigungsvertrag überführte, kann gar nicht genug gewürdigt werden."

Der FDP trat er übrigens erst bei, kurz bevor er Minister wurde. Während eines Interviews in dieser Zeit, in seinem Justizministerzimmer, ging er auf eine Frage hin zehn Meter weiter zu seinem Schreibtisch, kramte in der Schublade, holte das FDP-Programm heraus: "Sie verstehen, da muss ich erst mal nachlesen." Er fremdelte ein wenig mit der Partei, deren Vorsitzender er dann 1993 werden sollte. Die Freidemokraten, die ihn am Anfang als Heilsbringer feierten, wussten zwar von Anfang an, dass Kinkel nicht der Mann war, liberale Programme zu entwickeln. Sein Programm bestand in etwas anderem: in der Kampfansage an das Intrigantentum. Neuer Stil, neuer Umgang miteinander, Ehrlichkeit, Vertrauen, Zusammenhalten - das waren seine wichtigsten Wörter. Aber er kam nicht recht an damit, hier setzte er sich nicht durch. Christian Lindner, der heutige FDP-Vorsitzende, fand am Dienstag diese Worte: "Klaus Kinkel verstand sich nie als Parteipolitiker, sondern im besten Sinne des Wortes als Staatsdiener."

Den Diplomaten war er zu rabauzig. Aber der Eindruck täuschte

Nach dem überraschenden Rücktritt Genschers als Außenminister im Jahr 1992 wurde dessen einstiger Meisterschüler Kinkel der Nachfolger. Er versuchte, seinen Lehrer bei der globalen Omnipräsenz noch zu überbieten, pflegte aber nicht die vorsichtige Diplomatensprache Genschers, sondern ein schnörkelloses, direktes Deutsch. Mit China versuchte er die "Politik der ausgestreckten Hand", er kreierte den "kritischen Dialog" nicht nur mit diesem Land, sondern auch mit Staaten wie China und Iran, den Menschenrechtsorganisationen aber als viel zu unkritisch kritisierten. "Die Welt war damals nicht in Ordnung", sagte er später. "Aber sie schien es zu sein." Einmal wurde der Außenminister Kinkel von der SZ gefragt, wie viel Blut denn an der Hand eines Diktators kleben dürfe, auf dass er sie ihm noch schüttle. "Das kommt darauf an", entgegnete er ehrlich. Gelegentlich sehnte sich Kinkel, der als Außenminister ein wenig im Schatten Kohls stand, zurück ins Justizministerium, das einen so begeisterungsfähigen Wühler wie ihn nicht mehr erlebt hat. 2002 zog er sich aus der Politik zurück, wurde Gründungsvorsitzender der Telekom-Stiftung und lenkte sie elf Jahre lang.

Den Berufsdiplomaten war er ein wenig zu rabauzig. Aber dieses Rabauzige täuschte; Kinkel war eben nicht gelackt und poliert, und nicht nur ungestüm und hemdsärmelig, sondern auch liebenswürdig und empfindsam. In der Türkei forderte er unverblümt die Respektierung der Menschenrechte und auch in der Innenpolitik konnte er sehr deutlich werden: "Stoiber geht mir auf den Geist", sagte er über die Nörgelei Edmund Stoibers gegen Europa.

Über Politik äußerte er sich in seinen letzten Jahren öffentlich kaum noch, weil er kein "Weltklugscheißer" sein wollte. Aber im kleinen Kreis konnte er schön dozieren und persiflieren. Nach kurzer Krankheit ist Klaus Kinkel am Montag in Sankt Augustin bei Bonn im Alter von 82 Jahren gestorben.

© SZ vom 06.03.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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