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Nachruf:Die Seele des SZ-Archivs Herbert Heß ist gestorben

Herbert Heß schrieb seinen ersten Artikel für die SZ 1947. Von 1955 bis zum Ruhestand 1994 leitete er das Archiv der „Süddeutschen Zeitung“. Das Foto stammt wohl aus dem Jahr 1957.

(Foto: H. Grimm)

Von Gernot Sittner

"Gibt es noch jemanden, der die Gründung der SZ miterlebt hat?", wollte eine Leserin wissen, als die SZ im vergangenen Jahr ihren 75. Geburtstag feierte. Herbert Heß war zwar nicht dabei, als die SZ Nr. 1 angedruckt wurde, aber die Redaktion an der Sendlinger Straße war schon damals sein Berufsziel gewesen, und zwei Jahre später hatte er es auch erreicht: Er begann als Volontär in der Nachrichtenredaktion. Er musste die Themen mit auswählen, die ins Blatt sollten, Artikel redigieren, Überschriften entwerfen, beim Umbruch helfen und auch selber recherchieren - das alles, ohne dass er mit seinen 19 Jahren in jenen Notzeiten vorher gründlich darauf vorbereitet worden wäre.

Aber er hat sich dabei offenbar nicht ungeschickt angestellt, denn bald darauf bekam er vom Chefredakteur das Angebot, für die SZ ein Textarchiv aufzubauen. Herbert Heß schlug ein - und hatte damit seine Lebensstellung angetreten. Er wurde zum Zeitungsarchivar aus Leidenschaft. Die Sammlung, die er mit den Jahren und mit seinem Team aufbaute, hat Generationen von Journalisten wertvolle Dienste geleistet. Bei manchen Fragen, die von der Redaktion an ihn herangetragen wurden, brauchte Herbert Heß gar nicht in Archivmappen zu recherchieren: Er war das wandelnde Gedächtnis der Süddeutschen Zeitung. Im Alter von 91 Jahren ist er nun im Münchenstift Schwabing gestorben.

© SZ vom 14.01.2021
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