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Nachruf auf Helmut Kohl:Die Namen der Schwarzgeld-Spender nimmt er mit ins Grab

Kohls Bühne wurde Europa und die Welt. Hand in Hand stand er am 22. September 1984 mit dem französischen Staatspräsidenten und Sozialisten François Mitterrand auf dem Soldatenfriedhof von Verdun, um der gemeinsamen Toten der beiden Weltkriege zu gedenken.

Das Bild ging um die Welt als Zeichen der Aussöhnung. Als er Jahre später am Gedenkakt für den verstorbenen Mitterrand in der Kathedrale Notre-Dame zu Paris teilnahm, lief ihm eine Träne über die Wange. Die Szene beschrieb Ulrich Wickert in der FAZ.

Freundschaft war Kohl wichtig. Die zu Mitterrand war eine besondere, die zum spanischen Ministerpräsidenten Felipe Gonzáles auch. Später sollte jene zu Michail Gorbatschow hinzukommen. Der letzte Staatschef der Sowjetunion hat mit seiner Perestroika den Fall der Mauer erst möglich gemacht. So wurde Kohl zum Kanzler der Einheit.

Gorbatschows Politik der Öffnung hat den Menschen der DDR den Mut gegeben, gegen den SED-Staat auf die Straße zu gehen. Kohl erkannte, dass es ein Zeitfenster für die deutsche Einheit gibt, er ahnte, dass es womöglich nicht allzu lange offen sein würde.

Ohne Rücksprache mit den vier Siegermächten USA, Frankreich, Großbritannien und Sowjetunion verkündete er am 28. November 1989 im Bonner Wasserwerk, 19 Tage nach dem Fall der Mauer, ein "Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas". Er hat damit klargemacht: Deutschland will die Einheit. Und zwar so schnell wie möglich.

Über das "Ob" gab es für ihn keine Verhandlungsbereitschaft mehr. Nur noch über das "Wie". Und selbst da warf er wirtschaftspolitische Grundsätze über Bord. Im Wahlkampf 1990 sezierte SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine die Unzulänglichkeiten von Kohls Plänen und prophezeite massive Steuererhöhungen. Kohl versprach das Gegenteil. Lafontaine sollte ökonomisch recht behalten. Kohl aber politisch.

Er setzte die Währungsunion durch, brachte den DDR-Bürgern die D-Mark - und gewann die Wahl. In den folgenden Jahren hatte Kohl vor allem mit der Vollendung der deutschen Einheit zu tun. Zugleich brachte er Europa voran. Der Beschluss zur Einführung des Euro im Mai 1998 war der Höhepunkt dieser Entwicklung.

Die Bundestagswahl wenige Monate später verlor er. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hatte sich aufgebraucht. Nach 16 Jahren hatten die Menschen genug von Kohl und wagten es, die erste rot-grüne Bundesregierung ins Amt und zum ersten Mal überhaupt eine bestehende Regierung regulär abzuwählen.

Kohl trat umgehend als Vorsitzender der CDU zurück. Nach seiner Kanzlerschaft erschütterte eine neue Spenden-Affäre das Land und die CDU. Kohl wollte die Namen der Spender von mehreren Millionen Mark nicht offenlegen, die in schwarzen Kassen entdeckt worden waren. Er stellte sich damit gegen das Parteiengesetz. Sein Ehrenwort war ihm auch hier wichtiger als der Ehrenvorsitz der Partei, den er 2000 niederlegte.

Die Strafzahlungen in Millionenhöhe, die die CDU an den Bundestag leisten musste, beglich Kohl nach einem privaten Spendenaufruf aus eigener Tasche. Danach war sein Ruf jahrelang ruiniert. Angela Merkel war es, die zwei Tage vor Weihnachten 1999 in einem denkwürdigen Aufsatz in der FAZ noch als Generalsekretärin ihre Partei aufgefordert hatte, sich vom übermächtigen Kohl zu lösen. Kohl habe "der Partei Schaden zugefügt", schrieb sie. Dass er "in einem rechtswidrigen Vorgang" sein Ehrenwort "über Recht und Gesetz" stelle, sei nicht akzeptabel. Merkel sprach aus, was viele in der CDU dachten.

Seltene Momente des öffentlichen Selbstzweifels

In den Jahren danach suchte sie allerdings nach und nach wieder Kontakt zu Kohl. Seine historischen Leistungen sollten nicht auf ewig von dem Spendenskandal überdeckt werden. Spätestens als Merkel aus eigener Kraft Kanzlerin wurde, war es ihr möglich, Kohl den Weg zurück in seine CDU zu ebnen. Nur fiel es Helmut Kohl von Jahr zu Jahr schwerer, sich einzubringen.

Nach einem schweren Sturz war er auf einen Rollstuhl angewiesen, sprach nur schwerfällig, kaum länger als zehn Minuten. Meistens ging es um Europa oder die deutsche Einheit. "Das gibt es kein zweites Mal in der Weltgeschichte", sagte er, als er im Mai 2013 von der bayerischen Staatsregierung für seine Verdienste um die deutsche Einheit geehrt wurde.

Aber er sagte auch dies: "Nicht alles, was wir uns vorgenommen haben, haben wir erreicht." Es war einer der seltenen Momente des öffentlich geäußerten Selbstzweifels.

Kohl starb am an diesem Freitagmorgen im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Ludwigshafen.

© SZ.de/odg/mane/kjan

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