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Nachfolger:Neuer Kopf, alter Inhalt

FPÖ-Politiker Strache (re.) und Hofer im Wahlkampf 2016

(Foto: AFP)

Norbert Hofer soll die FPÖ aus der Krise führen, in der Ibiza-Affäre distanziert er sich von seinem Vorgänger Strache. Weltanschaulich aber waren sich beide immer einig.

Heinz-Christian Strache sagte im Juli 2017 neben vielen anderen Dingen, die nun Aufsehen erregen, ein paar Sätze, die auffällig vorausschauend wirken. "Ich habe meine Nachfolger aufgebaut. Bei mir ist es der Norbert Hofer oder du", sagte der damalige FPÖ-Parteichef seinem Vertrauten Johann Gudenus in einer Villa auf Ibiza. "Wenn mir jetzt etwas passieren würde, wäre es Hofer als Übergang."

Fast zwei Jahre später ist tatsächlich der Fall eingetreten, in dem die FPÖ einen Nachfolger für Strache braucht. Die von Süddeutscher Zeitung und Spiegel veröffentlichten Videoaufnahmen in einer vermeintlichen Oligarchen-Villa haben den österreichischen Vizekanzler zum Rücktritt von allen Ämtern gezwungen. Als er den Schritt am Samstag mit Tränen in den Augen in seinem Ministerium in der Wiener Innenstadt ankündigte, stand Verkehrsminister Norbert Hofer mit stoischer Miene an seiner Seite. Er ist jetzt die neue Nummer eins der FPÖ, der Mann, der die Partei aus ihrer schweren Krise führen soll.

In der Sitzung des FPÖ-Bundesparteipräsidiums am Sonntagabend ist Hofer einstimmig zum neuen Parteichef bestimmt worden. Bei der nächsten Sitzung des Bundesparteivorstandes, die nach der Europawahl stattfinden wird, solle diese Entscheidung formal bestätigt werden. Johann Gudenus gab unterdessen am Sonntagabend seinen Austritt aus der FPÖ bekannt - "mit sofortiger Wirkung". Ebenso werde er sein Nationalratsmandat niederlegen. Am Sonntag äußerte sich Hofer erstmals nach dem Rücktritt Straches in einem Facebook-Video. "Unentschuldbar" sei das Verhalten seines früheren Chefs auf Ibiza gewesen. Er werde nun alles tun, damit die FPÖ eine starke Partei bleibe.

Größere Bekanntheit erlangte der 48-jährige Hofer im Wahlkampf für das Bundespräsidentenamt 2016. Er unterlag dem Grünen Alexander Van der Bellen, allerdings nur knapp. Damals irritierte er mit der Aussage, als Staatsoberhaupt mit der zurückhaltenden Tradition brechen zu wollen, um aktiver in die Politik einzugreifen. "Sie werden sich noch wundern, was alles möglich ist", sagte Hofer. Seinen Gegenkandidaten, den heutigen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen, nannte er einen "grünen faschistischen Diktator".

Umfragen zufolge ist Hofer trotzdem vielen Menschen sympathischer als der bisherige FPÖ-Chef. Auch weil er meist ausgesucht höflich formuliert und so einen deutlichen Kontrast bildet zum aggressiveren Strache. Diesem hat Hofer viel zu verdanken. Strache war es, der den gelernten Flugingenieur zum Stellvertreter machte, ihm zum Posten des Dritten Nationalratspräsidenten verhalf und zuletzt das Amt des Verkehrsministers in der nun geplatzten Regierung von FPÖ und der ÖVP unter Kanzler Sebastian Kurz anvertraute. Was das Verhältnis der beiden angeht, so sind sich FPÖ-Kader und FPÖ-Gegner einig. Im Auftreten und hinsichtlich intellektueller Fähigkeiten gebe es zwar Unterschiede zwischen beden Männern. Weltanschaulich aber trenne sie nichts.

Viele Jahre fungierte Norbert Hofer als Vizeparteiobmann der FPÖ. Er galt als loyal, fleißig, zuverlässig, als einer, der stets darauf bedacht war, nicht vorzupreschen. Es war Hofer, der das aktuelle Parteiprogramm geprägt und noch fester rechtsaußen verankert hat. Unter seiner Ägide kehrte der unter dem früheren Parteichef Jörg Haider gestrichene Satz wieder zurück in das Manifest, wonach Österreich sich zur "deutschen Volks-, Sprach- und Kulturgemeinschaft" bekenne. Demnach hält die Partei Österreicher auch für Deutsche - sofern sie "deutsche Vorfahren" hätten, wie ein Parteimitglied aus Straches Heimatbezirk Wien einmal erklärte.

Hofers politische Verortung zeigt sich auch an seinem persönlichen Umfeld. Sein erklärter Lieblingsmaler Manfred Wiesinger trägt nicht nur den Künstlernamen "Odin". Der Hofer-Freund widmet sich auch allerlei Blut- und Bodenmotiven, droht Kabarettisten und betont, KZ-Häftlinge seien nicht "nur feine Menschen" gewesen. Vergangene Woche sollte er zum Kulturlandesrat in Oberösterreich aufsteigen, was am Samstag aber gestoppt wurde.

Hofer ist wie Strache Mitglied einer deutschnationalen Burschenschaft, er ließ sich 2011 von einem NPD-Politiker interviewen, und noch heute arbeitet in seinem Büro ein Mann, der früher aktiver Neonazi war. Die EU sieht er skeptisch. Er stimmte 1994 gegen einen EU-Beitritt Österreichs. Und nach dem Brexit-Votum der Briten 2016 schlug Hofer vor, seine Landsleute über einen Öxit abstimmen zu lassen.

Wien 18 05 2019 Knapp vor der EU Wahl steht Österreichs Vizekanzler Heinz Christian Strache FP

Das Ibiza-Video liefert reichlich Stoff für Empörung. Am Samstag demonstrierten Tausende vor dem Wiener Bundeskanzleramt.

(Foto: imago images)

In der Regierung blieb Hofer im Vergleich zu anderen FPÖ-Ministern eher zurückhaltend, auch wenn er die Abschaffung der Rundfunkgebühren forderte, weil seine Teilnahme an einer Konferenz in den ORF-Nachrichten nicht vorkam. Ansonsten machte Hofer oft Sachpolitik. Im Team Kurz sprach man schon wenige Monate nach Regierungsantritt von einem "Kraftzentrum", das Hofer neben Strache und dem FPÖ-Parteistrategen Herbert Kickl darstelle. Doch während Kickl als Innenminister teilweise irrwitzig anmutende Politik machte, blieb Hofer ruhig. Wenn neue Stellen in seinem Ministerium zu besetzen waren, sollen Medienberichten zufolge aber häufig Männer den Vorzug bekommen, die ebenfalls Mitglied in deutschnationalen Burschenschaften sind.

Nun also ist Hofers Zeit gekommen. Aus seiner Sicht vermutlich zur Unzeit. Denn die Partei ist nach dem Rücktritt Straches, welcher der FPÖ 14 Jahre lang unumstritten vorstand, am Boden. Strache hat die Partei auf sich ausgerichtet, das sagte er auch ganz klar, wie auf den Aufnahmen zu hören ist. Er werde der FPÖ auch die nächsten zwanzig Jahre vorstehen, fügte er hinzu. Sein Verhalten gegenüber einer vermeintlich russischen Oligarchen-Nichte hat diese Pläne zunichtegemacht.

Die FPÖ wird Zeit brauchen, bis sie sich auf diesen plötzlichen Wechsel an der Spitze eingestellt hat. Die Situation erinnert an das Jahr 2002. Damals waren die Vorzeichen zwar andere, dennoch sind Parallelen erkennbar. In jenem Jahr zerbrach die erste Auflage einer ÖVP-FPÖ-Koalition an einer FPÖ-internen Revolte. Der 2008 verstorbene Jörg Haider war noch Parteichef, er wollte der FPÖ eine Kurskorrektur aufzwingen. Mehrere ranghohe FPÖ-Minister verließen daraufhin die Partei.

So wie jetzt Kurz nutzte damals ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel die Gunst der Stunde, warf die FPÖ aus der Regierung und setzte Neuwahlen an. Haider gründete mit einem Teil der FPÖ eine neue Partei. Die FPÖ stürzte ab und konnte sich erst unter Strache erholen. Er baute die damals in Umfragen bei drei Prozent stehende FPÖ wieder zu einem großen innenpolitischen Player auf. Nun scheint sich zumindest der erste Teil des Dramas zu wiederholen, nur mit Norbert Hofer in einer der Hauptrollen.