Süddeutsche Zeitung

Nachfolge von Puigdemont:Kein Linker, kein Rechter, sondern vor allem Katalane

Noch bevor Quim Torra sich der Kandidatenkür gestellt hat, erregt er schon die Gemüter - und fordert in provokanter Weise die Führung in Madrid heraus.

Die Madrider Medien haben keine Zweifel: Quim Torra ist ein katalanischer Nationalist von der härtesten Sorte und außerdem fremdenfeindlich. Ausgerechnet dieser Mann soll die künftige Regierung in der aufmüpfigen Region in der Nordostecke des Landes führen. Er soll somit die Nachfolge des im Oktober abgesetzten Carles Puigdemont antreten, den die spanische Justiz als "Rebellen" hinter Gitter bringen will. Puigdemont wartet derzeit in Berlin auf die Entscheidung der deutschen Justiz über das spanische Auslieferungsbegehren.

Torra forderte nun in provokanter Weise die Führung in Madrid heraus. Er erklärte in einem Interview des katalanischen Senders TV3: "Ich werde den Aufbau einer Republik fortsetzen." Er sehe sich dem Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober verpflichtet. Damals hatten 90 Prozent für die Sezession von Spanien gestimmt, aber die Wahlbeteiligung lag bei ganzen 42 Prozent. Auch hatte das Verfassungsgericht in Madrid den Urnengang verboten. Doch Torra gab in dem Interview zu verstehen, dass er an dieser Linie festhalten möchte, obwohl die Mehrheit der 7,5 Millionen Einwohner der Region sie nicht unterstützt.

Als Beleg für Torras angeblichen katalanischen Chauvinismus haben die Madrider Medien einige Twitter-Sprüche aus den letzten Jahren ausführlich ausgebreitet, die er allerdings von seinem Konto gelöscht hat. "Wir leben seit 1714 unter spanischer Besatzung", hatte er da verkündet, eine Anspielung auf die Brandschatzung Barcelonas durch den spanischen König. "Die Spanier können nur plündern." Außerdem sei "Scham" aus dem spanischen Wortschatz getilgt.

Im persönlichen Umgang eher zurückhaltend

Seine Verteidiger weisen die Unterstellung zurück, Torra sei fremdenfeindlich. Vielmehr hätten sich seine Tweets auf historische Erfahrungen der Katalanen bezogen. Es sei zu beklagen, dass die Spanier ihre Untaten bis heute verdrängten. Eines dürfte sicher sein: Noch bevor Torra sich überhaupt der Kandidatenkür im Regionalparlament gestellt hat, erregt er schon die Gemüter.

Dabei ist der 55-jährige Jurist, der mit vollem Namen Joaquim Torra i Pla heißt, im persönlichen Umgang eher zurückhaltend. In der Landespolitik ist er ein Quereinsteiger, erstmals wurde er im vergangenen Dezember in das Regionalparlament gewählt, in dem die Separatisten über eine knappe Mehrheit verfügen. Katalonien steht seit der Proklamation der Unabhängigkeit durch Puigdemont im Oktober unter der Zwangsverwaltung Madrids. Vorsorglich hat der spanische Premierminister Mariano Rajoy ihn verwarnt: Falls Torra wie Puigdemont gegen die Verfassung verstoßen sollte, werde auch er sofort abgesetzt.

Torra war in den letzten Jahren Direktor des berühmten Born-Kulturzentrums in Barcelona und führte auch kurz die Kulturvereinigung Òmnium, beides Hochburgen der Separatisten. Er hat mehrere Essaybände über katalanische Kultur veröffentlicht und auch Prosa, darunter den Roman "Schweizer Messer" (2007). Ihm liegen zwei Jahrzehnte an Erfahrungen als Manager der Versicherungsgesellschaft Winterthur zugrunde, zwei Jahre hatte er in der Konzernzentrale in der Schweiz gearbeitet. In seinem Roman, der im Milieu der Versicherungsmanager spielt, scheint eine starke Kapitalismuskritik durch. Doch sagt Torra dazu selbst, er sei kein Linker. Auch kein Rechter. Sondern vor allem Katalane.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3976931
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/dit
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.