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Nachfolge von Kim Jong II:Nordkorea fürchtet das politische Vakuum

Kim Jong Un soll das Abbild Kim Jong IIs sein. Der Erbe übernimmt jedoch ein anderes Land als sein Vater: Nordkoreas prekäre Stabilität könnte jederzeit brechen, und das wäre für die ganze Region gefährlich. Um die eigene Macht zu erhalten, wird die herrschende Klasse des Landes ihn als Staatschef akzeptieren müssen - doch das Gerangel um Einfluß hat bereits begonnen.

Für Kim Jong Il kam als Nachfolger nur einer in Frage: sein jüngster Sohn Kim Jong Un. Sein ältester Sohn Jong Nam hatte das Vertrauen des Vaters verspielt, weil er am Tokioter Flughafen Narita mit einem falschen Pass erwischt worden war. Vom mittleren heißt es, er sei "wie ein Mädchen". Der jüngste, Jong Un, dagegen sei "ein Abbild des Vaters". Voriges Jahr ließ Kim den Sohn zum General ernennen, seit Januar publiziert die Staatspropaganda Elogen. Den "großen Nachfolger" nennt die staatliche Nachrichtenagentur KCNA den jungen Kim. "Zehn Millionen Soldaten und das ganze Volk hat eine unbeschreibliche Trauer erfasst", berichtet KCNA. Aber jetzt sei "Glaube, Optimismus und ein Wille zum Sieg" gefragt. Unter der Führung von Jong Un sollen die Nordkoreaner "Trauer in Stärke und Mut umwandeln".

Nordkoreas Armee und das ganze Volk hätten dem Endzwanziger Kim Jong Un demnach ihre Gefolgschaft zugesichert. Schon kurz nach Kims Todesmeldung folgte die Ankündigung, "alle Kompetenzen" des Vaters würden auf den Sohn übertragen, dazu der Vorsitz der Beerdigungskommission. Letzteres ist ein untrügliches Indiz, dass man sich in Pjöngjang seit Samstagabend, als die koreanische Arbeiterpartei informiert wurde, geeinigt hatte, dem unerfahrenen Jüngling die Macht zu überlassen, wie es sein Vater wünschte.

Über Kim Jong Un ist wenig bekannt. Bis vor zwei Jahren gab es nicht einmal Bilder von ihm. Er besuchte inkognito eine Schule bei Bern in der Schweiz, soll Englisch, Deutsch, Schweizerdeutsch und Französisch sprechen, sei Basketball-Fan und höre Pop-Musik, erzählen ehemalige Klassenkameraden. Von 2002 bis 2007 studierte er an der Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang.

Fragile Weiterführung des Status quo

Die rasche Inthronisierung des Sohnes mag überraschen, zumal Nordkorea-Beobachter in Seoul meinen, die keineswegs homogene Elite in Pjöngjang wolle keine Fortsetzung der Kim-Dynastie. Größer jedoch als die Abneigung gegen die Familie dürfte in Pjöngjang die Angst vor einem politischen Vakuum sein, und noch größer die Furcht, in einem Machtgerangel zu unterliegen. So einigte man sich vorerst auf Kim Jong Un. Mit Unterstützung der Armee steht Jong Un für eine fragile Weiterführung des Status quo, aber das Gerangel um Einfluss hat schon begonnen. Wenn Nordkoreas Elite um Kim Jong Il trauert, dann auch, weil die rivalisierenden Gruppen der Elite fürchten, Privilegien zu verlieren.

Als Kim Jong Il 1994 die Macht vom verstorbenen Kim Il Sung übernahm, zementierte er den Status quo symbolisch, indem er seinen Vater zum "ewigen Staatspräsidenten" kürte. So gelang es ihm, die innenpolitischen Verhältnisse 17 Jahre lang zu erhalten - bis zu seinem Tod. Sollte Kim Jong Un den Trick übernehmen, wird Nordkorea künftig zwei tote Staatsoberhäupter haben.

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