Nachfolge für Sahra Wagenknecht:Caren Lay will Fraktionschefin der Linken werden

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Nachfolge für Sahra Wagenknecht: Caren Lay will Sahra Wagenknecht an der Fraktionsspitze beerben.

Caren Lay will Sahra Wagenknecht an der Fraktionsspitze beerben.

(Foto: Anja Müller)

"Ich möchte die Fraktion aus der Mitte heraus führen", schreibt Lay in ihrer Bewerbung um das Amt. Am 12. November wird die Fraktionsspitze neu gewählt.

Von Boris Herrmann, Berlin

Acht Wochen lagen zwischen den Wahlniederlagen in Sachsen und Brandenburg und dem Triumph von Thüringen. Acht Wochen, in denen sie sich bei der Linken fest vorgenommen haben, keine öffentlichen Personaldebatten zu führen. Mit Blick auf die ausgeprägte Streitkultur dieser Partei lässt sich nun bilanzieren: Es ist ein kleines Wunder geschehen. Sie haben tatsächlich acht Wochen durchgehalten.

Andererseits sind jetzt auch schon fast acht Monate vergangen, seit Sahra Wagenknecht ihren Rücktritt von der Spitze der Bundestagsfraktion ankündigte, am Sonntag saß sie aber immer noch als Fraktionsvorsitzende bei Anne Will. An Wagenknecht liegt es nicht, dass aus dem Vollzug ihres Rückzugs bislang nichts wurde. Auch in der Parteispitze und der Fraktion dürften die meisten erleichtert sein, wenn es endlich vorbei ist. Wagenknecht mag weiterhin die beste Talkshow-Option der Linken sein, aber die Streitereien und Intrigen rund um sie herum haben auf allen Seiten Kraft gekostet. Es gibt nur einen Grund, weshalb sich die Partei seit März ein solches Führungsvakuum leistet: weil sich alle gut genug kennen, um zu ahnen, dass die Besetzung der Planstelle an der Seite von Fraktionschef Dietmar Bartsch nicht geräuschlos ablaufen dürfte - und es keine gute Idee gewesen wäre, damit den Wahlkämpfer Bodo Ramelow zu stören.

Aber nun ist die selbstverordnete Schonzeit vorbei. Am Dienstag hat die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Caren Lay, 46, ihre Kolleginnen und Kollegen in der Fraktion darüber informiert, dass sie sich um die Nachfolge Wagenknechts bewirbt. "Ich möchte die Fraktion aus der Mitte heraus führen", heißt es in ihrem Bewerbungsschreiben, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Die Wahl findet am 12. November statt. Wer vorhat, gegen Lay anzutreten, muss sich nach dem achtmonatigen Schneckenrennen plötzlich beeilen. Dietmar Bartsch, 61, der die Fraktion seit März de facto alleine führt, wird ebenfalls wieder kandidieren. Ihm wird nachgesagt, dass er an seiner Solorolle Gefallen gefunden habe. Ihm sei aber auch deutlich signalisiert worden, dass er wieder eine Frau an seine Seite gestellt bekomme.

Caren Lay wurde in Rheinland-Pfalz geboren, wuchs in der Eifel auf, machte als Erste in ihrer Familie Abitur, studierte Soziologie in Frankfurt am Main, lehrte an der FU Berlin, tanzte gerne im Berghain, schrieb Reden für die frühere Bundesministerin der Grünen, Renate Künast, und trat 2004 in die PDS ein. Über den Umweg des Sächsischen Landtags gelangte sie 2009 in den Bundestag. Ihr Wahlkreis liegt in Bautzen. Sie ist weder Wessi noch Ossi, sondern Wossi.

Sie gilt auch innerhalb der komplexen Machtarithmetik der Linken als Brückenbauerin, sie war schon Parteivize und Fraktionsvize, Parlamentarische Geschäftsführerin und Bundesgeschäftsführerin. Mit Lay verbinden viele führende Linke die Hoffnung auf ein Ende des Rosenkriegs zwischen der Fraktionsspitze und dem Parteivorstand um Katja Kipping und Bernd Riexinger. Was die Außendarstellung betrifft, strebt Lay einen Neuanfang an. Das kann nur bedeuten, dass sie sich um die sogenannten Sachthemen kümmern will.

Es dürfte ihrer Kandidatur nicht abträglich sein, dass sie das derzeit prominenteste linke Sachthema seit Jahren maßgeblich vorangetrieben hat: den Mietendeckel. Seit 2016 ist sie die wohnungspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag. Als Fraktionsvorsitzende will sie die Mietenfrage über Berlin hinaus zu einem Markenkern der Linken machen. Unter anderem soll es so gelingen, die Fraktion "wieder nach vorne, in die Offensive zu bringen", wie Lay schreibt.

Jetzt muss sie nur noch gewählt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass es zu einer Kampfabstimmung kommt, die diesen Namen auch verdient. Die Fraktion wurde zuletzt bestimmt vom sogenannten Hufeisen, einem Zweckbündnis zwischen Bartschs Reformer-Lager und dem linken Wagenknecht-Flügel. Bei einer Doppelspitze Bartsch/Lay wäre die treue Anhängerschaft, die Sahra Wagenknecht immer noch hat, in der ersten Reihe gar nicht mehr repräsentiert.

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