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Nachbarschaftsstreit:Unter Gartenzwerg-Mördern

Stefan Raab singt Lied 'Maschendrahtzaun'

"Maschendrahtzaun": Der Komiker Stefan Raab machte aus einem Nachbarschaftsstreit ein TV-Ereignis.

(Foto: dpa)

Egoismus und Rücksichtslosigkeit - jeder dritte Deutsche war schon einmal in einen Zwist unter Nachbarn verwickelt.

Von Martin Zips

Aus ihrem Haus im sächsischen Vogtland ist die Sekretärin Regina Z. längst ausgezogen. Zuletzt soll sie einige Jahre glücklich in einem Berliner Plattenbau gelebt haben, nun wohnt sie in der Nähe ihrer Tochter. Ohne Maschendrahtzaun. Ohne Knallerbsenstrauch. Im Frieden mit sich und der Welt.

"Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt", wusste Friedrich Schillers Wilhelm Tell. Regina Z. aus Auerbach musste das leidvoll erfahren, als sich im Jahr 1999 der Strauch vom Grundstück ihres Nachbarn ganz bedrohlich ihrem Maschendrahtzaun näherte. Ausgerechnet vor einem Fernsehgericht machte Z. schließlich ihrem Ärger im breitesten Sächsisch Luft. TV-Komiker Stefan Raab bastelte daraus den Spaß-Song "Maschendrahtzaun". Je mehr Schaulustige nun am Maschendrahtzaun aufmarschierten, umso weniger dachte Z.s Nachbar daran, seinen Knallerbsenstrauch zu verpflanzen. Frau Z. fand lange keine Ruhe mehr.

"Früh und wertschätzend" solle der Mensch im nachbarschaftlichen Konflikt das Gespräch suchen, raten Mediatoren und Sozialpädagogen. Doch im Alltag geht es oft zu wie in Gogols "Geschichte vom großen Krakeel", wo sich zwei russische Iwans über Jahre hin wüst zerstreiten - bloß weil ein Tauschgeschäft nicht zustande kam. In Deutschland ist der Streit unter Nachbarn zermürbender Alltag. Jeder Dritte, so eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung, hat einen derartigen Konflikt schon erlebt. Meist ist Lärm der Auslöser, aber auch Missachtung von Gemeinschaftspflichten, Qualm, Dreck und Unfreundlichkeit kann sonst friedliche Menschen sehr gegeneinander aufbringen.

Zwei Drittel aller Streitfälle gehen offenbar von Männern zwischen 46 und 55 Jahren aus

So hatte Gerhard J., Anwohner eines vom Männerturnverein Vollbüttel genutzten Sportgeländes, die bei ihm im Garten gelandeten Bälle jahrzehntelang zwar klaglos zurückgeworfen. Aber irgendwann reichte es ihm, J. behielt die Bälle einfach. Versuche verdienter Vereinsmitglieder, wenigstens einige davon wieder zurückzubekommen, scheiterten. Die Lage entspannte sich erst, als der Männerturnverein Vollbüttel einen fünf Meter hohen und 62 Meter langen Fangzaun errichtete, um den geplagten J. vor weiterem Beschuss zu bewahren. Eine gute Entscheidung, auf die man durch ein freundliches Gespräch hinter dem Tornetz vielleicht schon früher hätte kommen können.

Spielt für solche Kontroversen auch das Alter der Beteiligten eine Rolle? Oder ihr Geschlecht? Eine Rechtsschutzversicherung will herausgefunden haben, dass 67 Prozent aller juristischen Streitfälle in Deutschland tatsächlich von Männern ausgehen, die zwischen 46 und 55 Jahre alt sind. Die Frage ist: Wurden sie zuvor von ihren Frauen aufgehetzt?

Neben Pöbel-Gartenzwergen mit Stinkefinger können es auch Tiere sein, die heftige Kontroversen auslösen. Jene sechs Bienenvölker einer Hobbyimkerin etwa, von denen sich jüngst das nordrhein-westfälische Rentnerehepaar P. bedroht fühlte. Zu Unrecht, wie jetzt ein Gericht in Siegburg entschied. Wer, wie die P.s, selbst Obstbäume und Blütenpflanzen bei sich im Garten stehen habe, der dürfe sich über den Besuch von Bienen nicht beschweren.

Anders bewerteten Juristen die Klage einer Nachbarin des Instituts für Neuro- und Verhaltensbiologie der Universität Münster über eine zehn Meter lange Meerschweinchen-Anlage an ihrer Grundstücksgrenze. Der Mindestabstand von drei Metern sei bei nachtaktiven Stinkern unbedingt einzuhalten, entschied das Gericht. Ein brandenburgischer Geflügelzüchter zeigte sich da deutlich früher kompromissbereit. Um seinen Nachbarn zu befrieden, tauschte er seine wunderschönen, aber viel zu lauten Antwerpener Bartzwerge in deutlich leisere Japanische Zwerghühner um. Dumm nur, dass sein Nachbar danach immer noch keine Ruhe fand.

Egal, ob sich im oberfränkischen Altkunstadt ein Anwohner von einem Schneemann mit Riesenpenis beleidigt fühlt oder sich ein Unternehmer in Zuffenhausen trotz Protests unbedingt einen Original-Starfighter aufs Dach setzen will - der nachbarschaftliche Dialog sollte möglichst früh gepflegt werden. Sonst treffen uneinsichtige Strauch-Pflanzer auf frustrierte Planschbecken-Zerstörer und verbitterte Trampolin-Schlitzer auf ausgelaugte Gartenzwerg-Mörder. Und Vorsicht: "Brennt des Nachbarn Wand, so bist du selber gefährdet." Das wusste bereits der römische Dichter Horaz.

Ein bisschen Sensibilität kann nicht schaden. Das zeigt auch der Fall von Britta V. aus Unna, die vor einigen Jahren viel zu spät Notiz davon nahm, dass ihr sprechender Papagei Max in der Nachbarschaft nicht nur Freunde hatte. Als ihre Familie an einem herrlichen Sommertag im Garten Kuchen aß, kippte das Tier plötzlich von der Stange. Der vom ewigen Gekrächze genervte Dorflehrer J. hatte es attackiert.

Berlin ist auch Deutschlands Kapitale der Streithansel

Heute sind es meist Hochdruckreiniger und Laubsauger, die die Mitwelt empören. Vor zwei Jahren führte der Gebrauch eines 84 Dezibel lauten Laubpusters in Eschweiler gar zu einer Massenschlägerei, bei der auch Mistgabeln und Golfschläger zum Einsatz kamen. Beim Münchner Haus- und Grundbesitzerverein fasste man die Entwicklung kürzlich so zusammen: Egoismus und Rücksichtslosigkeit auf der einen Seite. Ein größeres Ruhebedürfnis auf der anderen Seite. Da knallt es halt auch mal. Und schon eine Lücke im Gartenzaun kann böse Folgen haben. So eskalierte der Lattenstreit zwischen einer Gräfin und einem ehemaligen DDR-Politiker in der Uckermark einst auf eine Weise, die am Ende nur durch Wegzug zu lösen war. Der Politiker zog, ebenso wie Maschendrahtzaun-Frau Regina Z., nach Berlin. Eine gute Entscheidung? In der Hauptstadt, so die Studie einer Rechtsversicherung, kommen auf 100 Einwohner 30 Streitfälle. Das ist ein deutscher Spitzenwert.

© SZ vom 10.12.2016

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