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Beirut:Verletzte bei Sturm auf Regierungssitz

Ausschreitungen bei der Trauerfeier für den libanesischen Geheimdienstchef: Hunderte aufgebrachte Demonstranten haben versucht, das Regierungsgebäude in Beirut zu erstürmen. Sie forderten den Rücktritt von Ministerpräsident Mikati, der als enger Verbündeter Syriens gilt. Die Polizei reagierte mit dem Einsatz von Tränengas und Warnschüssen. Mehrere Menschen wurden verletzt.

Im Libanon ist es nach der Trauerkundgebung für die Opfer des Anschlags vom Freitag zu Straßenschlachten zwischen der Polizei und Demonstranten gekommen. Mehrere Menschen wurden am Sonntag in der Hauptstadt Beirut verletzt, als Oppositionsanhänger nach Angaben von Augenzeugen Zugangssperren durchbrachen und versuchten, den Sitz der pro-syrischen Regierung zu stürmen. Die Polizei fuhr Panzer auf und setzte Tränengas ein, um die Angreifer zu stoppen. Zudem waren Schüsse zu hören. Über die Zahl der Verletzten gab es zunächst keine Angaben.

Zuvor hatten Tausende Menschen bei der Beisetzung des Chefs des Polizei-Geheimdienstes Wissam al-Hassan auf dem Märtyrerplatz in Beirut den Rücktritt von Ministerpräsident Nadschib Mikati gefordert. Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm, der Platz wurde für Fahrzeuge gesperrt, die Menschen vor der Trauerfeier durchsucht. Zudem errichtete die Polizei zahlreiche Straßensperren.

Viele der Trauernden schwenkten die libanesische Flagge, viele beschuldigen Syrien, hinter dem Anschlag vom Freitag zu stecken, dem neben al-Hassan sieben weitere Menschen zum Opfer gefallen waren. Die versammelten Demonstranten hatten libanesische Fahnen dabei und riefen: "Wir wollen den Rücktritt dieser syrischen Regierung." Derzeit ist im Libanon ein pro-syrisches Bündnis an der Macht - dominiert von der schiitischen Hisbollah.

Geheimdienstchef hatte gegen pro-syrischen Minister ermittelt

Al-Hassan hatte Ermittlungen gegen den früheren Informationsminister Michel Samaha geleitet, einen der engsten Verbündeten Syriens in der libanesischen Regierung. Samaha war Anfang August verhaftet worden und wurde wegen der Planung von Terroranschlägen angeklagt. Nach Angaben aus Polizeikreisen hat Samaha zugegeben, persönlich Sprengstoff von Syrien über die Grenze in den Libanon transportiert zu haben. Neben ihm wurde auch der syrische Geheimdienstchef Ali Mamluk in Abwesenheit angeklagt.

Die Regierung in Beirut zog am Samstag öffentlich eine Verbindung zum Bürgerkrieg im benachbarten Syrien. Der Angriff vom Freitag stehe in Zusammenhang mit den jüngsten Ermittlungen al-Hassans, sagte Ministerpräsident Nadschib Mikati nach einer Sondersitzung seines Kabinetts. In ganz Beirut waren schon vor der Beerdigung große Plakate zu sehen, auf denen Al Hassan als "Märtyrer der Souveränität und Unabhängigkeit" gewürdigt wurde.

Seine letzte Ruhestätte sollte er neben dem ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri finden, der im Jahr 2005 gleichfalls mit einer Bombe getötet wurde. Wie bei al-Hassan wurde auch bei Hariri über eine Beteiligung Syriens an dem Attentat spekuliert.

Regierungschef Mikati erklärte, er habe nach dem tödlichen Anschlag seinen Rücktritt angeboten. Präsident Michel Suleiman habe ihn aber gebeten, die Bevölkerung nicht noch mehr zu verunsichern.

Frankreich hält syrische Beteiligung für wahrscheinlich

Der Aufruhr in Beirut nährte die Sorge, dass im Libanon wieder Gewalt und Chaos ausbrechen könnten. Die Autobombe bei dem Anschlag auf al-Hassan war im von Christen bewohnten Viertel Achrafieh gezündet worden und hatte Dutzende Menschen verletzt, darunter auch Kinder.

Am Samstag war es bei dem von der Regierung ausgerufenen Tag der Staatstrauer in zahlreichen Orten zu Protesten und Krawallen gekommen. Demonstranten hatten in der Hauptstadt Absperrungen errichtet und Autoreifen verbrannt. Hunderte sunnitische Demonstranten marschierten durch die Innenstadt und warfen Syrien vor, hinter dem Attentat zu stecken.

Dutzende anti-syrische Demonstranten errichteten Zelte in der Nähe des Kabinettssitzes in Beiruts Innenstadt. Sie kündigten an, solange bleiben zu wollen, bis die von der schiitischen Hisbollah-Miliz dominierte Regierung von Ministerpräsident Mikati zurücktrete.

Die syrische Regierung verurteilte das Attentat unterdessen scharf. Es sei ein "feiger terroristischer Angriff" gewesen, sagte der syrische Informationsminister Omran al Subi. Auch die Hisbollah erklärte, sie sei schockiert über das "furchtbare terroristische Verbrechen" und rief die Behörden auf, die Täter zu fassen.

Frankreich hält dagegen eine Verwicklung der syrischen Regierung in den Anschlag für wahrscheinlich. Außenminister Laurent Fabius sagte am Sonntag im Rundfunksender Europe-1, eine Rolle Syriens sei zu vermuten. Alles deute darauf hin, "dass es eine Ausweitung der syrischen Tragödie ist".

© Süddeutsche.de/afp/dapd/dpa/mahu/olkl
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