Nach Schüssen in Beaune Frankreich debattiert über sein Rassismusproblem

Nur äußerlich beschaulich: Im burgundischen Beaune feuerten Unbekannte aus einem Gewehr Salven auf Jugendliche in einem Park.

(Foto: Klaus W. Schmidt/imago)
  • Bei einer Schießerei in Beaune bei Burgund wurden Ende Juli sieben Jugendliche bei einer Schießerei verletzt. Jetzt wurden zwei Verdächtige gefasst.
  • Die Polizei vermutet einen rassistischen Hintergrund der Tat.
  • Aktivisten beklagen, dass Frankreichs Rassismusproblem "systematisch unterschätzt" würde.
Von Nadia Pantel, Paris

Beaune ist eine beschauliche Stadt im Burgund. Die Stadt ist bekannt für ihre Weine und die noch gut erhaltene Stadtmauer. Eine Schießerei mit sieben Verletzten in dem 21 000-Einwohner-Städtchen? Eigentlich undenkbar. Hier ist es "sehr ruhig", betont Bürgermeister Alain Suguenot. Dennoch wurden Ende Juli sieben Jugendliche am Stadtrand von Beaune mit einem Jagdgewehr attackiert. Bis heute liegt einer der Jugendlichen im Krankenhaus, Lunge und Bauch wurden von Blei durchlöchert. Das jüngste Opfer ist 16 Jahre alt, das älteste 20.

Am Freitagabend wurden die zwei mutmaßlichen Täter gefasst, seit Sonntag werden die Verdächtigen verhört. Die Ermittler vermuten einen rassistischen Hintergrund der Schießerei. Opfer und Zeugen hatten direkt nach der Tat berichtet, dass rassistische Beleidigungen gebrüllt wurden, bevor die ersten Schüsse fielen. In den Medien lief der Angriff jedoch zunächst als kleinere Meldung. Die Staatsanwaltschaft hatte davon gesprochen, dass es sich um eine Abrechnung unter verfeindeten Banden handeln könne. Ein rassistisches Motiv war jedoch nicht ausgeschlossen worden.

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Inzwischen ist sicher, dass die mutmaßlichen Täter ihre Opfer nicht kannten. Der Verein SOS Racisme beklagte vergangene Woche, dass den Jugendlichen in den Tagen nach dem Angriff keinerlei psychologische Unterstützung angeboten worden sei. Vorfälle, bei denen ethnische Minderheiten und Bewohner ärmerer Viertel Opfer rassistischer Angriffe werden, würden "systematisch unterschätzt".

Der Angriff hatte sich in dem Stadtteil Saint Jacques ereignet, wo viele Einwandererfamilien und Menschen mit geringem Einkommen leben. Bewohner des Viertels beklagten in lokalen Medien, dass die reflexartige Vermutung, es handele sich um einen Bandenkrieg, zur Stigmatisierung ihres Viertels beitrage, zudem würden die Opfer kriminalisiert. In einem Interview mit France Bleue sagte eine Zeugin des Angriffs: "Wir leben hier in Beaune, nicht in Chicago." In den Wohnungen sei es eng, es gebe keine Orte, an denen sich Jugendliche treffen könnten und so hätten sich während der Hitze viele Jugendliche auch nachts auf der Straße aufgehalten.

Der genaue Ablauf der Schießerei konnte inzwischen durch die Sichtung des Videomaterials von Überwachungskameras und Zeugenaussagen rekonstruiert werden. Gegen zwei Uhr morgens saß eine Gruppe Jugendlicher in einem öffentlichen Park neben einem Spielplatz, als ein Renault vorfuhr und auf dem Rasen parkte. Eines der späteren Opfer sagte aus, dass die Insassen des Wagens sofort mit rassistischen Pöbeleien begonnen hätten. Es sei zum Streit gekommen und der Fahrer des Renault habe daraufhin Gas gegeben und sei auf vier der Jugendlichen zugerast, die sich durch einen Sprung hinter eine Parkbank retten konnten.

Zwei Stunden später, um vier Uhr früh, seien die beiden Tatverdächtigen zurückgekehrt, diesmal in einem Mercedes. Aus dem fahrenden Auto heraus wurden mit einem Jagdgewehr vier Salven auf die Jugendlichen gefeuert. Fotos, die Freunde der Opfer im Krankenhaus machten, zeigen, wie Rücken und Beine der Angegriffenen von Wunden übersät sind.

Einer der Männer schoss während seiner Festnahme auf einen Polizisten

Die Tatverdächtigen sind zwei Männer, die wegen Diebstahls und Gewaltdelikten vorbestraft sind. Beide sind 31 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft von Dijon ermittelt gegen sie wegen versuchten Mordes und hebt den Umstand hervor, dass "die Tat aufgrund der angenommenen Zugehörigkeit zu einer sogenannten Rasse" motiviert sein könnte. Beide Männer streiten die Tat ab, geben jedoch zu, die Insassen des Renault gewesen zu sein, der in der Nacht zum 30. Juli auf die Jugendlichen zufuhr. Die Suche nach den Tätern hatte sich für die Polizei als besonders schwierig erwiesen, da die Männer jede Nacht in einem anderen Lager der sogenannten "gens du voyage" Zuflucht gefunden hatten. Die Täter wurden schließlich am Freitag im südfranzösischen Departement Bouches-du-Rhône festgenommen. Einer der Männer schoss während seiner Festnahme auf einen Polizisten und verletzte diesen am Bein.

Die Sammelbezeichnung "gens du voyage", die man mit "fahrendes Volk" übersetzen kann, wird in Frankreich für alle Menschen verwendet, die ohne festen Wohnsitz leben. Darunter fallen Sinti, Roma, Jenische, aber auch Schausteller und Erntehelfer. Die "gens du voyage" sind in Frankreich selbst immer wieder Anfeindungen ausgesetzt. Es ist gesetzlich festgeschrieben, dass jede französische Gemeinde, die mehr als 5000 Einwohner hat, einen Stellplatz für die Wohnwagen der "gens du voyage" zur Verfügung stellen muss. Nur gut die Hälfte der französischen Gemeinden kommt dieser Auflage nach.

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