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Polizei-Einsatz gegen Flüchtlinge:Der 23-jährige Togoer? "Ein ganz ruhiger Typ"

Zuletzt zählte die Lea laut Stadtinfo 582 Bewohner, die Lage hat sich zahlmäßig beruhigt. Davon stammt nun ein großer Teil aus der Subsahara - aus Nigeria, Kamerun, Togo, Guinea. Die meisten sind allein reisende Männer. Ihre Aussicht auf Asyl ist minimal, sie sitzen monatelang in Ellwangen und hoffen auf einen positiven Bescheid und den Transfer in eine andere Unterkunft. Ohne Arbeit, meist ohne Familien, mit 130 Euro Taschengeld im Monat. Zwei bis drei Mal pro Woche kommen Polizisten und holen jemanden ab, immer mitten in der Nacht. Seit dem Vorfall mit dem Togoer kommen sie mit mehr Beamten und haben Hunde dabei. Es geht dann meist um die Rückführung nach Italien, wo viele ihr Asylverfahren absolvieren müssen, die Zustände in den Lagern aber schlimm sind. Oder um Abschiebung ins Heimatland. Berthold Weiß sagt: "Die Leute haben riesige Angst davor." Eine Frau aus Nigeria erzählt, dass viele ihrer Mitbewohner nachmittags schlafen und sich nachts in den Wäldern verstecken.

In einer umgebauten Lagerhalle bietet die Lea Kurse für ihre Bewohner an. Damit sie was zu tun haben und was Neues lernen. In einem Raum findet ein Erste-Hilfe-Kurs statt, im Zimmer daneben lehrt Mahmoud Qawasmi, ein Jordanier und Dozent für Deutsch als Fremdsprache. Heute geht es um bestimmte und unbestimmte Artikel vor dem Nomen und warum die Endung der Adjektive sich ändert. Hier "das blaue Haus", dort "ein blaues Haus". Feinheiten der deutschen Grammatik. Die Schüler kommen aus Afrika und Tschetschenien, sie notieren eifrig mit und sind offenbar ernsthaft gewillt, diese verflixten Endungen zu lernen. "Das neue Haus" - "ein neues Haus".

Die Flüchtlinge schwärmen davon, wie nett die Leute in der Lea seien und auch in der Stadt

Der Kurs heißt: "Erstorientierung und Wertevermittlung für Asylbewerber mit unklarer Bleibeperspektive". Womit das Dilemma benannt ist: Ob sie deutsche Artikel und Adjektive dauerhaft brauchen werden, weiß hier niemand. Lehrer Qawasmi sagt: "Ich habe mehrmals erlebt, dass heute einer hier sitzt und morgen weg ist." Zum Beispiel der 23-jährige Togoer, der die Aufregung Anfang Mai ausgelöst hat. "Ein ganz ruhiger Typ."

Der Frust steigt inzwischen bei vielen. Bei Flüchtlingen ob ihrer unklaren Lage. Bei den mehr als hundert Ehrenamtlichen, weil sich immer mehr fragen, ob das alles einen Sinn hat. Außerdem erzählen selbst liberal eingestellte Bürger von Freunden, die sich abends beim Spaziergang am Fluss Jagst oder in der Bahnhofsunterführung unwohl fühlen, wenn ihnen eine Gruppe schwarzer Männer begegnet. Manche beklagen sich über Flüchtlingsgruppen, die morgens Bier trinkend in der Innenstadt sitzen. Abgesehen von kleineren Diebstählen und zahlreichen lauten Telefonaten - wonach die Stadt das freie Wlan zeitweise abschaltete - gab es aber kaum ernsthafte Probleme. Oder gar schwere Straftaten.

Selbst Gunter Frick sagt, das subjektive Sicherheitsgefühl der Leute sei schlechter, als es die objektive Lage hergebe. Dabei haben sich Frick und seine Gemeinderatsfraktion der Freien Bürger positioniert: Die Lea soll bald geschlossen werden. Anfang 2020 läuft der Vertrag aus, dann soll Schluss sein. Ein Argument sei die Präsenz der Flüchtlinge in der Stadt, doch das sei nachrangig. Viel schlimmer: "Wir haben kein Vertrauen mehr in unsere Vertragspartner." Das Land Baden-Württemberg und der Ostalbkreis hätten ihre Versprechungen nicht eingehalten.

So sei Ellwangen als Gegenleistung eine Gesundheits- und Pflegeakademie in Aussicht gestellt worden. Oder gar die Außenstelle einer Hochschule. "Doch passiert ist gar nix", klagt Frick. Als zuletzt Landwirtschaftsminister Peter Hauk von der CDU erklärte, Ellwangen erhalte die Landesgartenschau, wenn der Lea-Vertrag verlängert werde, kochten die Emotionen hoch. Frick nennt das Vorgehen "perfide", sogar SPD-Mann Hieber spricht von einer "politischen Geisterfahrt". Der Minister musste zurückrudern, aber die Aussage hat die Stimmung in Ellwangen fast mehr verschlechtert als der große Polizeieinsatz Anfang Mai. Weil die Regierung in Stuttgart verspricht, dass sie dem Votum des Gemeinderats folgen werde, halten die Ortspolitiker viele Trümpfe in der Hand. So fordert Oberbürgermeister Hilsenbek etwa, das Polizeirevier Ellwangen solle dauerhaft mehr Personal erhalten.

Und die Flüchtlinge? Im Deutschkurs bei Lehrer Qawasmi schwärmen sie davon, wie nett die Leute in der Lea seien und auch in der Stadt. Sie fühlen sich hier wohl. Die Frau aus Nigeria sagt: "Wir wollen nur, dass wir in Deutschland bleiben dürfen. Das ist alles, worum wir bitten."

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