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Anschläge in Norwegen:"Nicht noch mehr Hass, sondern mehr Liebe"

Die erste schmerzhafte Woche nach den Anschlägen haben die Norweger gemeinsam durchstanden. Die erste Beisetzung eines der insgesamt 77 Opfer zeigt auf erschütternde Weise, wie brutal der Attentäter das liberale Zuwanderungsland ins Herz getroffen hat.

Bano Abobakar Rashid war 18 Jahre alt und hatte viele Träume. Juristin wollte sie werden und ein Mandat im norwegischen Parlament erobern. Bei der Kommunalwahl, die im September stattfinden soll, stand sie auf Platz elf der sozialdemokratischen Liste. Am 22. Juli hörte sie auf der Insel Utøya einer Rede ihres großen Vorbildes Gro Harlem Brundtland zu. Sie war bester Laune und diskutierte angeregt mit der Spitzenpolitikerin. Wenige Stunden später war sie tot, erschossen von einem rechtsradikalen Attentäter.

Die erst 18 Jahre alte Bano Abobakar Rashid war das erste Opfer der norwegischen Anschläge, das am Freitag beerdigt wurde.

(Foto: AFP)

Rashid, die einst mit ihren kurdischen Eltern als Flüchtling nach Norwegen gekommen war, wurde am Freitag als erstes Opfer der Terroranschläge in ihrer Heimatgemeinde Nesodden bestattet. Es war die erste von 77 Beerdigungen. Wie die Polizei mitteilte, ist die Suche nach weiteren Opfern der Anschläge von Utøya und Oslo nun abgeschlossen. Man habe alle Leichen identifiziert, sagte der Einsatzleiter der Osloer Polizei, Johan Fredriksen. Die endgültige Zahl der Opfer wurde um eines nach oben korrigiert.

Während Frediksen im Polizeihauptquartier vor die Presse trat, um über den Ermittlungsstand zu berichten, verhörten seine Kollegen im selben Gebäude den Attentäter Anders Behring Breivik. Es sei ein Routinegespräch, sagte Polizeistaatsanwalt Pål-Fredrik Hjort Kraby. Breivik werde das 50-seitige Protokoll der jüngsten Vernehmung vorgelesen. Mit neuen Untersuchungsergebnissen wollen die Ermittler ihn erst in der kommenden Woche konfrontieren.

Sie dürften viele Fragen haben. In norwegischen Medien kursieren immer neue Gerüchte über weitere Anschlagspläne und über mögliche Kontakte Breiviks zu Gesinnungsgenossen im Ausland. Breiviks Anwalt Geir Lippestad sagte der Zeitung Aftenposten, sein Mandant habe "mehrere Projekte unterschiedlicher Größe" geplant. Er habe diese dann nicht mehr ausführen können. Konkrete Ziele für Anschläge nannte Lippestad nicht.

Die Polizei wollte die Angaben nicht bestätigen. Man habe viele Orte nach Bomben durchsucht, aber nichts gefunden, sagte der Polizeistaatsanwalt. Auch ob Breivik im Verhör etwas über seine Kontakte ins Ausland erzählt habe, wollte Kraby nicht darlegen. Der Attentäter hatte in seinem im Internet veröffentlichten Manifest den Anschein erweckt, Teil eines Terrornetzwerkes zu sein. Auf Nachfrage bestätigte Kraby, dass in den Verhören zumindest nichts über Verbindungen nach Deutschland gesagt wurde. Der britische Rechtsradikale Paul Ray bestätigte einer Zeitung, er habe Online-Kontakt mit Breivik gehabt. Mit den Anschlägen habe er aber nichts zu tun. Kraby zufolge ist inzwischen eine eigene Ermittlungsgruppe damit beschäftigt, die Internetverbindungen des Verdächtigen zu untersuchen.

Die Sperren rund um das Osloer Regierungsviertel, in dem der Attentäter seine Bombe gezündet hatte, sollen in der kommenden Woche verschwinden, wie Einsatzleiter Fredriksen sagte. "Wir müssen abwarten, bis die Untersuchungen der Kriminaltechniker abgeschlossen sind." Danach sollen nur noch Gebäude abgesperrt sein, die einsturzgefährdet sind. Das Hochhaus, in dem Ministerpräsident Stoltenberg sein Büro hatte, ist am schwersten beschädigt. Der Täter hatte den Wagen mit dem Sprengsatz vor dem Eingang des Regierungssitzes abgestellt, direkt über einem unterirdischen Gang - ein glücklicher Zufall, denn der Gang konnte einen Teil der Druckwelle aufnehmen. Experte sagten in norwegischen Medien, andernfalls hätte das ganze Haus einstürzen können.

In Norwegen fanden am Freitag, eine Woche nach den Anschlägen, zahlreiche Gedenkfeiern statt. "Die Kugeln haben unsere Jugend, aber auch die gesamte Nation getroffen", sagte Ministerpräsident Jens Stoltenberg bei einer Veranstaltung der Arbeiterpartei. "Wir müssen mit dem 22. Juli leben, doch zusammen werden wir es schaffen." Vielerorts wurde bei den Gedenkveranstaltungen der Zusammenhalt mit muslimischen Einwanderern betont. Breivik hatte in seinem Manifest den Massenmord mit ausländerfeindlichen und antiislamischen Hetzschriften gerechtfertigt.

Vor der Kirche von Nesodden, in der sich Angehörige und Parteifreunde von Bano Abobakar Rashid verabschiedeten, versammelten sich Hunderte Menschen, die im Gotteshaus keinen Platz mehr gefunden hatten. Rashids muslimische Eltern hatten ausdrücklich eine Trauerfeier in einer christlichen Kirche gewünscht, an der sowohl ein Imam als auch ein Pfarrer teilnahmen. Die Mutter sagte bei der Trauerfeier: "Die Antwort ist nicht mehr Hass, sondern mehr Liebe." Außenminister Jonas Gahr Støre, der eine Ansprache in der Kirche hielt, sagte zu den Eltern: "Ihr seid ein Teil der großen norwegischen Familie. Wir legen die starken Arme unserer Gemeinschaft um euch." Regierungschef Stoltenberg besuchte am späteren Nachmittag eine Trauerfeier in einer Moschee.

Nach den Anschlägen in Norwegen

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