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Nach dem Westgate-Anschlag:Somalis fürchten Vergeltung

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"Little Mogadishu": So nennen die Menschen in Nairobi das Viertel Eastleigh, in dem vorrangig Somalis leben.

(Foto: AFP)

Nach dem Terroranschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum geht unter Somaliern in Kenia die Angst um: Üben Polizei und Zivilbevölkerung jetzt Vergeltung? Gewalt gegen die somalische Minderheit gab es schon häufiger. Racheakte würden der Terrorgruppe Al-Shabaab direkt in die Hände spielen.

Kenia trauert um die Opfer des Westgate-Terroranschlags und hat mit der Suche nach den Tätern begonnen. Unterdessen haben Unbekannte an der nordöstlichen Grenze des Landes zu Somalia zwei weitere Anschläge mit insgesamt drei Toten verübt.

In keinem der Fälle ist klar, wer die Täter waren. Das einzige Indiz: Twitter-Nachrichten, in denen sich die somalische Terrorgruppe Al-Shabaab zu dem Anschlag in Nairobi bekennt. Kenianische Geheimdienste machen die Al-Shabaab auch für die Anschläge im Grenzgebiet verantwortlich.

Mit unberechenbaren Folgen: In Kenia wächst der Druck auf die somalische Minderheit. Aus Nairobi berichten Somalis, dass die kenianische Polizei sie stärker als sonst kontrolliert. Noch während der Geiselnahme haben Polizisten in der Hauptstadt Somalis festgenommen, einer von ihnen soll sogar angeschossen worden sein.

Minderheit unter Terrorverdacht

Etwa eine Million Somalis leben aktuell in Kenia, einige sind gebürtige Kenianer, andere kamen als Flüchtlinge aus ihrer Heimat, wo seit Jahrzehnten Krieg und Gewalt herrschen. Eastleigh, das mehrheitlich von Somalis bewohnte Viertel in Nairobi, nennen die Bewohner der Hauptstadt "Little Mogadishu". Dort sind die Straßen unbefestigt, voller Müll und Abwasserpfützen. Trotzdem gilt Eastleigh als Handelszentrum und die Somalis als begabte Unternehmer.

Seit aber die Kämpfer der Al-Shabaab damit begonnen haben, auch Anschläge in den Nachbarländern Somalias zu verüben, ist es für Somalis gefährlich geworden. Polizisten, aber auch ganz normale Bürger greifen somalische Kenianer und Flüchtlinge immer wieder an. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat die kenianischen Behörden schon vor Westgate hart dafür kritisiert, Somalis pauschal unter Terrorverdacht zu stellen. HRW berichtet von brutalen Übergriffen der Sicherheitskräfte auf Angehörige der somalischen Minderheit.

Einer der schlimmsten Vorfälle ereignete sich im November 2012: Bei einer Bombenexplosion in Eastleigh starben neun Menschen. Danach brachen in dem Viertel gewaltsame Tumulte aus, Jugendgangs griffen Somalis an und plünderten ihre Läden. Auch die Polizei beteiligte sich, misshandelte die Menschen im Viertel und nahm Hunderte willkürlich fest. Laut HRW haben Polizisten und Soldaten Somalis im Gefängnis gefoltert und vergewaltigt.

Menschen zweiter Klasse

Der kenianische Staat misstraut der somalischen Bevölkerung schon lange - und umgekehrt. In den 1960ern kämpften somalische Separatisten in den so genannten shifta wars gegen die Zentralregierung in Nairobi. Sie wollten den Nordosten Kenias mit Somalia vereinen. Die kenianische Führung reagierte mit massiver Gewalt an somalischen Zivilisten und nicht-somalischen Muslimen. In den 80ern schlug die Regierung einen somalischen Aufstand nieder, der sich gegen die politische Ausgrenzung von Somalis richtete.

In den somalischen Vierteln und Flüchtlingscamps geht deswegen jetzt die Angst um: Wird die Regierung abermals Gewalt anwenden? Das schließt auch Markus Höhne nicht aus, Somalia-Experte am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle an der Saale. "Auch in den vergangenen Jahren hat die Polizei Terroranschläge in Kenia vorschnell somalischen Extremisten zugeordnet", sagt Höhne. "Dadurch hat sich die ohnehin schon schwierige Lage der Minderheit weiter verschlechtert." Sie würde pauschal für die Verbrechen der Al-Shabaab verantwortlich gemacht.

Experte Höhne vermutet, dass die Westgate-Terroristen diese Dynamik genau im Blick hatten. "Wenn die kenianische Regierung jetzt Pogrome gegenüber der somalischen Bevölkerung zuließe, würde sich der Leidensdruck dieser Menschen erhöhen." Dann wäre es ein Leichtes für die Al-Shabaab, in Kenia neue Kämpfer zu rekrutieren, so Höhne. Die Regierung unter dem neuen Präsidenten Uhuru Kenyatta müsse deshalb alles tun, um vermeintliche Racheakte an der somalischen Bevölkerung zu verhindern.

Geteilter Schmerz

In einer Rede nach dem Ende des Geiseldramas hat Präsident Kenyatta die Kenianer bereits zu Eintracht und Toleranz aufgerufen. Die Bevölkerung müsse eine "diverse, tolerante Gesellschaft" bilden. Während des Geiseldramas in der Westgate Mall haben Somalis aus Eastleigh den Soldaten und medizinischen Hilfskräften Wasser und Essen gebracht. Auch unter den Blutspendern sollen viele Somalis gewesen sein. "Ich verurteile den Anschlag und hoffe, dass die Menschen in Kenia wissen, dass wir gegen diese Ideologie sind und den Schmerz mit ihnen teilen", sagte der Somali Abdirizak Nur Ibrahim der BBC.

Somalia-Experte Höhne hält es für unwahrscheinlich, dass die Regierung Gewalt an Somalis zulassen wird. Dafür stünde Präsident Kenyatta unter zu starkem internationalem Druck. "Gegen Kenyatta läuft aktuell ein Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof", sagt Höhne. "So jemand kann schlechte Publicity im Moment gar nicht gebrauchen."

Al-Shabaab hat jedoch weitere Terroranschläge in Kenia angekündigt. Und der neue Präsident des Landes muss zeigen, ob er in der Lage ist, ihre Taktik zu durchkreuzen.