Süddeutsche Zeitung

Nach dem Tod Osama bin Ladens:Terrorist tot, Ideologie lebt

Lesezeit: 4 min

Osama bin Laden war längst tot, ehe er erschossen wurde. Zehn Jahre nach dem 11. September hat sich die Welt eine Agenda ohne den Bärtigen gegeben. Trotzdem wartet man auf eine politische Reaktion. Doch so wenig wie ein einzelner Mann zwei Kriege hätte auslösen dürfen, so wenig werden nach seinem Tod zwei Kriege urplötzlich verschwinden.

Stefan Kornelius

Osama bin Laden entwickelt im Tod eine ähnlich destruktive Wirkung wie in seinen schlimmsten Lebzeiten. Seine Erschießung war eine lange geplante und noch länger ersehnte Unternehmung - erstaunlich aber ist, dass die politische Wirkung dieser Todesnachricht von der US-Regierung offenbar nicht weiter durchdacht war.

So steht der Geist Bin Ladens, dessen Konturen längst verblasst waren, plötzlich wieder auf und zwingt die USA und die restliche westliche Welt zu einem schwierigen Bekenntnis: Wie eigentlich soll es nun weiter gehen in den gefährlichsten Krisenregionen? Wie verhält es sich mit all den Soldaten und Helfern in Afghanistan und Pakistan? Und vor allem: Wer wird Bin Ladens Platz einnehmen auf der Liste der größten Bedrohungen?

Osama bin Laden, so viel Ehrlichkeit muss sein, war schon längst tot, ehe er erschossen wurde. In der Phantasie des Westens war seine Bedeutung verblichen, seine operative Rolle bei al-Qaida war aller Erkenntnis nach gering, auch wenn man jetzt Computer mit neuen Terror-Plänen bei ihm gefunden hat. Selbst unter den Dschihadisten der Welt verdampfte der Mythos leise. Zehn Jahre nach dem 11. September hatte sich die Welt eine andere Tagesordnung gegeben, die Agenda des Bärtigen stand da nicht mehr drauf. So provozierte Osama bin Laden höchstens noch ein paar nostalgische Gefühle unter Religionskriegern, tatsächlich aber war er bestraft mit der Rolle des Vergessenen.

Jetzt, da er tot ist, entlädt sich eine Emotion, die seiner tatsächlichen Bedeutung in den vergangenen Jahren nicht mehr gerecht wird. Die Aufregung ist verständlich, und angesichts der gesammelten Scheußlichkeiten aus dem Leben des Mannes ist es sogar nachvollziehbar, wenn so etwas wie Freude über den Tod aufkommt - auch wenn es politisch unkorrekt ist, dies offen zu sagen. Massenmördern, fanatischen Ideologen und Diktatoren mit ihrem Menschenhass provozieren nun mal Gefühlsausbrüche bei all jenen, die noch einmal davon gekommen sind. Freude und Genugtuung sind zutiefst menschliche Regungen als Reaktion auf eine überstandene Bedrohung.

Erlösung von Gewalt

Mit der Aufwallung ist es nicht getan, die Menschen erwarten nun eine Dividende, sie wollen eine politische Fortsetzung, eine Entschädigung für all die Opfer, die sie über zehn Jahre erbracht haben. Nun muss sich doch was ändern in der Politik. Der Terror entfacht mit kleinen Mitteln großen Schrecken, jetzt weckt der Tod eines einzelnen Extremisten den Wunsch nach einer großen politische Reaktion.

Die Wahrheit aber ist: Bin Ladens Ende hat zunächst kaum eine praktische Folge. So wenig wie ein einzelner Mann zwei Kriege hätte auslösen dürfen, so wenig werden nach dem Tod des Mannes zwei Kriege urplötzlich verschwinden. So sehr der 11. September 2001 als historische Zäsur empfunden wurde, so wenig kann der 2. Mai 2011 die Geschichte ein weiteres Mal wenden. Auch wenn die gestresste Seele nach der Erlösung ruft - die Vorstellung ist skurril, dass plötzlich ein Wecker klingeln und der Albtraum beendet sein könnte.

Leider geschieht genau dies: In den USA sieht eine Mehrheit der Bürger den Krieg gegen den Terror an seinem Ende angekommen. Die Aufgabe des Landes in Afghanistan sei damit erfüllt. Republikaner wollen die Truppen nun noch schneller abziehen. Auch in Deutschland ist der Abzugswunsch groß.

Die Auseinandersetzung mit dem schwierigen Verbündeten Pakistan ist derart kompliziert geworden, dass gerade in den USA der Wunsch wächst, die unselige Verbindung aufzulösen. Rückblickend auf die Terrorjahre schreiben Analytiker bereits von einer verschenkten Dekade, einer historischen Verirrung, die den Westen in den islamischen Wirren gefesselt habe, wo doch die eigentliche Herausforderung in Ostasien lauere.

Vielleicht wird Barack Obama auch deswegen nun als außenpolitischer Stratege gefeiert, weil er scheinbar einen Ausweg aus dem verlorenen Jahrzehnt weist - als besitze er eine Geheimformel für den ewigen Frieden. Ganz so ist es natürlich nicht, wie die Panzer in Syrien, die immer noch aktiven Terrorzellen al-Qaidas oder die Reaktion der Taliban auf die Todesnachricht aus Abbottabad zeigen.

Osama bin Ladens Tod wird die großen politischen Verwerfungen dieser Tage nicht wirklich beeinflussen, wenn nicht ein paar kluge Schlüsse gezogen werden. Vor allem der US-Regierung sollte er Anlass geben, ihren Einfluss im islamischen Krisenbogen neu zu überdenken und sich zur Verantwortung zu bekennen, die das Land übernommen hat.

Die Taliban einbinden

Das gilt zunächst für Afghanistan. Die zaghaft positiven Nachrichten der letzten Monate verbieten es geradezu, jetzt über einen vorgezogenen Abzug der Isaf-Truppe zu reden. Auch wenn der innenpolitische Druck für Obama wachsen wird - Afghanistan braucht noch für einige Jahre die stützende Kraft der internationalen Gemeinschaft. Der Tod Bin Ladens wird es den Taliban leichter machen, die letzten Bindungen an al-Qaida zu kappen. Loyalitäten sind mit dem Tod erloschen. Die Taliban wollen in ihre Heimat Afghanistan zurückkehren, sie wollen den Abzug der fremden Mächte. Der Westen aber kann sich nur zurückziehen, wenn die Taliban glaubhaft Mäßigung versprechen und die Verantwortung für das Land teilen.

Über Afghanistan hinaus erlischt genauso wenig Amerikas Verantwortung für Pakistan, den für Instabilitäten anfälligsten Staat (neben dem Jemen, der aber eine geringere strategische Bedeutung hat). Auch wenn nun zwischen pakistanischer und amerikanischer Regierung die Worte fliegen wie die Messer, so lässt sich die wechselseitige Abhängigkeit nicht leugnen.

Amerikas wichtigste Verantwortung aber besteht nun gegenüber Israel. Der israelisch-palästinensische Konflikt liegt im Epizentrum der islamisch-westlichen Konfrontation, von der sich al-Qaida so wunderbar nähren konnte. Obama wird in den nächsten Tagen seine Erwartungen an Israel in einer Schlüsselrede formulieren - Erwartungen, die nach der revolutionären Erhebung in der Region nicht groß genug ausfallen können. Syrien erlebt gerade seinen Vormärz, Ägypten hat sich zu einer völligen Abkehr von seiner alten Außenpolitik entschlossen, selbst die Palästinenserfraktionen schließen ihren Frieden vor allem in Furcht vor der Unzufriedenheit, die sich in den eigenen Straßen ballt.

Der Tod Bin Ladens hat nur deswegen eine so große symbolische Kraft, weil gleichzeitig die große arabische Demokratiebewegung die Alternative zum fanatischen Islam und zur Diktatur zeigt.

Denn am Ende geht es nicht darum, den Anführer der al-Qaida zu töten, sondern ihre Ideologie zu besiegen. Der Westen mag Genugtuung über den Tod des Mannes empfinden. Eine wirklich bleibende Bedeutung gewinnt der 2.Mai nur, wenn dieser Tag zum Symbol wird für Aufbruch, innere Versöhnung und Friedfertigkeit der islamischen Welt.

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Quelle:
SZ vom 07.05.2011
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