Süddeutsche Zeitung

Nach dem Nazi-Terror:Darum kehrten Juden nach Deutschland zurück

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Hunderttausende Juden waren während der NS-Zeit aus Deutschland geflohen. Doch warum gingen nach 1945 Tausende ins "Land der Täter" zurück? Historiker Michael Brenner über praktische Gründe und ambivalente Gefühle.

Von Barbara Galaktionow

SZ: Herr Brenner, Juden wurden in Nazi-Deutschland verfolgt, verschleppt, ermordet. Hunderttausende wurden in die Emigration getrieben. Warum kehrten trotzdem nach 1945 manche von ihnen in das Land ihrer Verfolger zurück?

Michael Brenner: Entscheidend dafür waren vor allem zwei Punkte: Wohin sie emigriert waren und was sie beruflich machten. Bei Menschen, die in die USA oder nach England gingen, zum Teil auch bei denen, die nach Palästina auswanderten, war das Rückkehrpotenzial geringer, als bei Menschen, die in eher exotische Gegenden emigrierten wie nach Südamerika, Ostafrika oder Shanghai. Da blieben die wenigsten.

Welche Berufsgruppen tendierten zur Rückkehr?

Es gab Berufe, in denen man sich leichter in der Emigration einrichten konnte als in anderen. Menschen, die sehr an die Sprache gebunden waren, wie zum Beispiel Schauspieler kehrten eher zurück. Auch Rechtsanwälte hatten häufig Probleme, in anderen Ländern Fuß zu fassen, wegen der Sprache, aber auch wegen des unterschiedlichen Rechtssystems. Zurück in Deutschland arbeiteten sie dann oftmals in Wiedergutmachungsangelegenheiten. Bei Wissenschaftlern war das recht unterschiedlich, auch weil sich einige Universitäten, wie die FU Berlin oder die Frankfurter Uni, sehr viel stärker darum bemühten, Emigranten zurückzuholen als andere.

Kamen manche aus Heimweh zurück?

Es gab natürlich auch diejenigen, die zurückkamen, weil sie sich in der neuen Heimat einfach nicht zurechtgefunden hatten, wirtschaftlich, aber auch mental. Kennen Sie Georg Kreisler?

Ja, den österreichische Kabarettisten und Chansonnier ...

Da gibt es ein sehr schönes Lied von ihm, das heißt "Ich fühl mich nicht zu Hause". In dem geht er zuerst überall hin, nach Amerika, nach Argentinien und nach Israel, immer fühlt er sich fremd. In der letzten Strophe kehrt er dann nach Österreich zurück, in sein "geliebtes Städtel". "Tiefgeduckt und missgetraut", wie es heißt, lebt er da. Der Umgang mit ihm sei "verpönt, man hat sich an mein Wegsein schon gewöhnt". Trotzdem fühlt er sich endlich zu Hause.

Zog es viele Menschen in die alte Heimat?

Das waren eigentlich erstaunlich wenige - im Verhältnis zu den Hunderttausenden, die emigriert waren. Aus dem gesamten deutschsprachigen Europa - also da sind auch Österreicher dabei oder Prager Juden - emigrierten um die 500 000 Menschen, etwa 90 Prozent davon waren Juden oder jüdischer Herkunft. Von diesen, die als rassisch Verfolgte galten, kamen insgesamt etwa 12 000 bis 15 000 Menschen zurück. Davon gingen - sehr vorsichtig geschätzt - etwa 5000 bis 10 000 nach Deutschland. Die Zahl der jüdischen Rückkehrer war zudem verhältnismäßig geringer als die der nicht jüdischen Emigranten.

In den 1950er Jahren gab es eine zweite Rückkehrwelle. Warum?

Das hatte mit den damals von der Adenauer-Regierung verabschiedeten Wiedergutmachungsgesetzen zu tun. Jeder jüdische Rückkehrer erhielt eine Soforthilfe von 6000 D-Mark. Zudem wurden aber auch Restitutionsverfahren festgelegt. Viele Menschen haben versucht, ihr rechtmäßiges Eigentum zurückzubekommen, das ihnen die Nazis geraubt hatten. Das war ein weiterer Grund, um nach Deutschland zurückzukommen. Doch es ging nicht nur um Finanzielles, die Wiedergutmachung durch die Bundesrepublik war auch von hoher symbolischer Bedeutung.

Eine offizielle Bitte an die Flüchtlinge zurückzukehren hat es von Seiten der Bundesrepublik oder der DDR aber nie gegeben?

Die Einzige, von der ich sicher weiß, war in Frankfurt am Main. Da hat Bürgermeister Walter Kolb 1947 in seiner Neujahrsansprache einen Aufruf zur Rückkehr angebracht. Auch in einigen kleineren Städten hat es solche Aufrufe gegeben, aber diese sind weitgehend unbemerkt verhallt.

Wandten sich die Remigranten an ihre Herkunftsorte?

Nicht immer, aber schon relativ häufig. Aber manche, gerade aus kleinen Orten, gingen auch gezielt nicht dorthin zurück, sondern in Großstädte wie Berlin, weil sie da anonymer leben konnten. Viele Kommunisten - von denen ja auch einige Juden waren - gingen in die Sowjetische Besatzungszone und spätere DDR, weil sie sich vor allem hier ein neues Deutschland versprachen. Da gab es ja einige bekannte Namen, zum Beispiel den Philosophen Ernst Bloch oder den Literaturwissenschaftler Hans Mayer. Wobei viele von ihnen später frustriert in den Westen flüchteten.

Gingen auch Menschen aus politischen Gründen in den Westen?

Es gab einige, die am Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitwirken wollten. Der Religionshistoriker Hans-Joachim Schoeps zum Beispiel kam, sobald er konnte, wieder aus Schweden zurück. Der war sehr konservativ, ja nationaldeutsch. Er wurde sehr bald Professor in Erlangen. Auch Karl Marx - also nicht der Philosoph, sondern der gleichnamige spätere Herausgeber der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung, ein Liberaler - kehrte aus Großbritannien zurück. Es gab in den 1950er und 1960er Jahren auch einige jüdische Bundestagsabgeordnete. Das waren auch Rückkehrer.

"Deutschland galt als blutbefleckte Erde"

Das gesellschaftliche Umfeld, auf das die Rückkehrer stießen, war extrem schwierig. Antisemitische Vorurteile verschwanden ja nicht mit dem Ende des "Dritten Reichs". Wie zeigte sich das?

Die allgemeine Stimmung war nicht so, dass man die Rückkehrer mit offenen Armen empfing. Wobei man sich oft politisch korrekt verhalten hat. US-Amerikaner, Briten und Franzosen waren ja da und man wusste, welches Verhalten erwünscht war. Doch unter der Oberfläche sah es oft anders aus. Es gibt dazu übrigens aus dem Jahr 1948 einen wirklich sehenswerten Film, für den der berühmte Fritz Kortner, der selber ein Rückkehrer war, das Drehbuch geschrieben und in dem er auch die Hauptrolle gespielt hat. Der Film heißt "Der Ruf". Es geht um einen jüdischen Professor, der nach Deutschland zurückkehrt. In dem Film wird der immer noch grassierende Antisemitismus der deutschen Gesellschaft sichtbar - und die Angst vor den Rückkehrern, die nun womöglich ihre alten Stellen zurückfordern (hier mehr zu dem Film in einem Beitrag Brenners für die Jüdische Allgemeine). Der Film war ein ziemlicher Flop. Es war halt zu früh, um die Deutschen mit diesem heiklen Thema zu konfrontieren.

Wie lebten denn die Rückkehrer? Das ist ja eine extrem schwierige Situation, wenn man an einen Ort zurückkehrt, an dem das eigene frühere Leben quasi nicht mehr existiert.

Das ist systematisch noch nicht erforscht, sondern nur im Rahmen von Lokalstudien. In vielen Orten gab es ja nur den einen Juden oder die einzelne Jüdin, die zurückkehrten. Die Menschen wussten: Da ist jetzt wieder der Friedmann oder die Levy. Und die Rückkehrer versuchten meist, kein großes Aufsehen machen. Die waren sich ja auch bewusst, wer Nazi gewesen war, wer in der SS. Das war von beiden Seiten ein sehr distanziertes Verhältnis.

Wurden rassisch oder politisch Verfolgte bei ihrer Rückkehr unterschiedlich behandelt?

Ich denke, der große Unterschied liegt darin, dass diejenigen, die aus politischen Gründen emigrieren mussten, bei ihrer Rückkehr noch viel mehr Netzwerke, familiäre und andere Bindungen an ihre alte Heimat hatten als Menschen, die wegen ihrer jüdischen Wurzeln verfolgt wurden. Wenn ein Kommunist fliehen musste, wurde ja im Allgemeinen nicht seine gesamte Familie ins Exil getrieben oder sogar umgebracht. Bei den Juden betraf die Verfolgung hingegen die gesamte Familie oder das jüdische Gemeindeumfeld. Die Juden, die zurückkehrten, kamen daher fast immer als Einzige aus ihrer Familie zurück - weil ihre Angehörigen im Exil blieben oder weil sie als Einzige überlebt hatten.

Auch von jüdischer Seite gab es ja Vorbehalte gegen eine Rückkehr nach Deutschland.

Deutscher Boden galt als blutbefleckte Erde. Für viele Überlebende war Deutschland tabu. Auch von Seiten der internationalen jüdischen Organisationen gab es massiven Widerstand. Der Jüdische Weltkongress und der Staat Israel sagten: Juden sollen nie wieder in Deutschland leben. Das zeigt sich übrigens manchmal auch an ganz unerwarteten Stellen. In der Bayerischen Staatsbibliothek in München werden gerade in einer Ausstellung hebräische und jiddische Bücher gezeigt, von denen übrigens viele nach dem Zweiten Weltkrieg in München erschienen sind. Da sind Aufschriften drin wie: "Nimm dieses Buch mit, egal wohin Du gehst, nur bring es heraus aus Deutschland!"

Wann hat sich das Bild von Deutschland als einem Staat, in dem Juden nicht leben sollten, gewandelt?

Erst in den späten 1970er Jahren, als die Deutschen anfingen, sich ihrer Verantwortung für die Judenverfolgung zu stellen. Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema begann mit der Fernsehserie "Holocaust". Ich erinnere mich selbst noch, da war ich in der Schule: Das hat Riesenwellen geschlagen, da hat jeder drüber gesprochen.

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