Nach dem Nazi-Terror:"Deutschland galt als blutbefleckte Erde"

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Das gesellschaftliche Umfeld, auf das die Rückkehrer stießen, war extrem schwierig. Antisemitische Vorurteile verschwanden ja nicht mit dem Ende des "Dritten Reichs". Wie zeigte sich das?

Die allgemeine Stimmung war nicht so, dass man die Rückkehrer mit offenen Armen empfing. Wobei man sich oft politisch korrekt verhalten hat. US-Amerikaner, Briten und Franzosen waren ja da und man wusste, welches Verhalten erwünscht war. Doch unter der Oberfläche sah es oft anders aus. Es gibt dazu übrigens aus dem Jahr 1948 einen wirklich sehenswerten Film, für den der berühmte Fritz Kortner, der selber ein Rückkehrer war, das Drehbuch geschrieben und in dem er auch die Hauptrolle gespielt hat. Der Film heißt "Der Ruf". Es geht um einen jüdischen Professor, der nach Deutschland zurückkehrt. In dem Film wird der immer noch grassierende Antisemitismus der deutschen Gesellschaft sichtbar - und die Angst vor den Rückkehrern, die nun womöglich ihre alten Stellen zurückfordern (hier mehr zu dem Film in einem Beitrag Brenners für die Jüdische Allgemeine). Der Film war ein ziemlicher Flop. Es war halt zu früh, um die Deutschen mit diesem heiklen Thema zu konfrontieren.

Wie lebten denn die Rückkehrer? Das ist ja eine extrem schwierige Situation, wenn man an einen Ort zurückkehrt, an dem das eigene frühere Leben quasi nicht mehr existiert.

Das ist systematisch noch nicht erforscht, sondern nur im Rahmen von Lokalstudien. In vielen Orten gab es ja nur den einen Juden oder die einzelne Jüdin, die zurückkehrten. Die Menschen wussten: Da ist jetzt wieder der Friedmann oder die Levy. Und die Rückkehrer versuchten meist, kein großes Aufsehen machen. Die waren sich ja auch bewusst, wer Nazi gewesen war, wer in der SS. Das war von beiden Seiten ein sehr distanziertes Verhältnis.

Wurden rassisch oder politisch Verfolgte bei ihrer Rückkehr unterschiedlich behandelt?

Ich denke, der große Unterschied liegt darin, dass diejenigen, die aus politischen Gründen emigrieren mussten, bei ihrer Rückkehr noch viel mehr Netzwerke, familiäre und andere Bindungen an ihre alte Heimat hatten als Menschen, die wegen ihrer jüdischen Wurzeln verfolgt wurden. Wenn ein Kommunist fliehen musste, wurde ja im Allgemeinen nicht seine gesamte Familie ins Exil getrieben oder sogar umgebracht. Bei den Juden betraf die Verfolgung hingegen die gesamte Familie oder das jüdische Gemeindeumfeld. Die Juden, die zurückkehrten, kamen daher fast immer als Einzige aus ihrer Familie zurück - weil ihre Angehörigen im Exil blieben oder weil sie als Einzige überlebt hatten.

Auch von jüdischer Seite gab es ja Vorbehalte gegen eine Rückkehr nach Deutschland.

Deutscher Boden galt als blutbefleckte Erde. Für viele Überlebende war Deutschland tabu. Auch von Seiten der internationalen jüdischen Organisationen gab es massiven Widerstand. Der Jüdische Weltkongress und der Staat Israel sagten: Juden sollen nie wieder in Deutschland leben. Das zeigt sich übrigens manchmal auch an ganz unerwarteten Stellen. In der Bayerischen Staatsbibliothek in München werden gerade in einer Ausstellung hebräische und jiddische Bücher gezeigt, von denen übrigens viele nach dem Zweiten Weltkrieg in München erschienen sind. Da sind Aufschriften drin wie: "Nimm dieses Buch mit, egal wohin Du gehst, nur bring es heraus aus Deutschland!"

Wann hat sich das Bild von Deutschland als einem Staat, in dem Juden nicht leben sollten, gewandelt?

Erst in den späten 1970er Jahren, als die Deutschen anfingen, sich ihrer Verantwortung für die Judenverfolgung zu stellen. Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema begann mit der Fernsehserie "Holocaust". Ich erinnere mich selbst noch, da war ich in der Schule: Das hat Riesenwellen geschlagen, da hat jeder drüber gesprochen.

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