Nach dem Guttenberg-Rücktritt:Das Atemholen der Union

Guttenbergs Rücktritt kommt spät, aber er bringt wieder Ruhe in die Union, die drei Landtagswahlen vor sich hat. Der theaterreife Abgang wird in die Geschichte der Rücktrittserklärungen eingehen, Guttenberg strickt damit weiter an seiner Legende - und auch schon an seinem Comeback.

Heribert Prantl

Krise? Fiasko? Katastrophe? Nein, nicht. Nicht mehr. Für die CDU ist dieser Rücktritt eine Erleichterung. Die tägliche Nachrichtenfolter ist vorbei. Die täglichen Meldungen über noch mehr Plagiate sind nicht mehr so interessant. Die täglichen Enthüllungen über Karl-Theodor zu Guttenbergs Chuzpe verlieren an Relevanz. Und die täglichen Meldungen über ehemalige und regierende CDU-Ministerpräsidenten, die sich von ihm distanzieren, haben sich überlebt. Über all das breitet sich jetzt gnädig der Schleier des Rücktritts.

Kinderdienst: Karl-Theodor zu Guttenberg ist kein Verteidigungsminister mehr

Das wirkungsvolle Schlussbild eines Bühnenstücks: Die Rücktrittserklärung von Karl-Theodor zu Guttenberg.

(Foto: dapd)

Dieser Rücktritt kommt spät, aber mit einer gewissen Grandezza. Guttenberg hat versucht, seine jüngsten peinlichen Auftritte vergessen zu machen. Er tat dies mit einer Erklärung, die in die Geschichte der Rücktrittserklärungen eingehen wird - weil er schon darin begonnen hat, an seiner Legende und an seinem Comeback zu stricken. Er hat sich bedauert und gelobt, er hat sich bekannt und beschwert, er hat sich ans Herz gefasst, sich zum Opfer und zum Märtyrer seiner selbst gemacht. Sein Rücktritt, so lautet seine Erklärung, sei nicht nur Akt der Buße, sondern ein Opfergang für seine Soldaten, die nicht leiden sollen unter seinem Skandal. Der Rücktritt war wie das wirkungsvolle Schlussbild eines Bühnenstücks. Jetzt gehört die Bühne wieder Angela Merkel, ihrer Kabinettsumbildung und den Landtagswahlen.

Guttenberg gab erstens der Politik die Politik zurück; er beendete seine Selbstinzenierung mit der zartbitteren Inszenierung seines Abgangs. Er gab zweitens seiner Kanzlerin die Chance zu einer großen Kabinettsumbildung, die Merkel aber, weil sie vorsichtig ist und die Personaldecke dünn, nicht nutzen wird. Und Guttenberg gab drittens der CDU die Chance, sich vor den Landtagswahlen aus einer ins Negative kippenden Guttenbergomania zu befreien. Der Rücktritt kam so rechtzeitig vor den Wahlen, dass die Affäre nicht mehr die Sogkraft entfalten kann, die Union nach unten zu ziehen. Mit dem Rücktritt treten nun auch Guttenbergs Verfehlungen und Hochstapeleien zurück; sie treten in den Hintergrund - und in den Vordergrund tritt ein Bedauern vieler über einen Verlust eines jungen, rasend begabten Politikers. Das könnte sich für die Union in den nächsten Landtagswahlen positiv auswirken.

Guttenbergs Anhänger in der Union können nicht sagen, dass die CDU ihnen ihr Idol gemeuchelt hat. Und Guttenbergs Gegner können nicht daran vorbei, dass er letztlich doch zurückgetreten ist. Der Partei blieb die Zerreißprobe erspart. Das Kosten-Nutzen-Kalkül der Kanzlerin hatte sich im Lauf der vergangenen Tage verändert: Guttenbergs positives Gewicht war kleiner, sein negatives Gewicht größer geworden; das Interesse, ihn zu halten, nicht mehr so hoch. Womöglich ist der langfristige Schaden, den Angela Merkel bei der forschen Anfangs-Verteidigung Guttenbergs angerichtet hat, größer als der Schaden, den Guttenberg hinterlässt. Merkels Satz, sie habe keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter, sondern einen Verteidigungsminister eingestellt, wird künftig als Motto ihres machiavellistischen Regierungsstils gelten.

In zwei Wochen ist aus dem Gefeierten ein Gefallener geworden; aber gefällt hat er sich selbst, nicht zuletzt durch seine Gefallsucht. Die Dosis macht das Gift; das galt und gilt für Guttenberg in vielfacher Weise. Ob er nun die Kraft zu einer Zurückhaltung hat, zu einem Rückzug aus der Öffentlichkeit, den man in der Kirche "Bußschweigen" nennt? Ob er bei der nächsten Bundestagswahl als Geläuterter antritt? Klar ist nur: Die Kanzlerin wird das Amt des Verteidigungsministers in Kürze neu besetzen. "Das Haus" ist freilich nicht so gut bestellt, wie dies Guttenberg behauptet. Die Bundeswehrreform ist ein Torso; das Personal, mit dem sie durchgeführt werden soll, fehlt.

In dieser Situation wäre ein Thomas de Maizière, derzeit Innenminister, ein guter Verteidigungsminister. Er ist in einem Elternhaus groß geworden, in dem das Soldatische daheim war; sein Vater Ulrich war Generalinspekteur der Bundeswehr. Und: Thomas de Maizière gilt, in Theorie und Praxis, als großer Organisator. Das ist es, was die Bundeswehr jetzt brauchen könnte: einen, der Ruhe in die Truppe bringt; einen, der nicht glänzen, sondern akribisch arbeiten will. Die CSU müsste dann das Innenministerium besetzen - eine Ehre, die sie vor Jahrzehnten mit Herrmann Höcherl und Friedrich Zimmermann hatte. Aber die Personalnot von CDU und CSU steht einer solchen Rochade im Weg. Die ganz große Kabinettsumbildung würde ohnehin erst dann funktionieren, wenn Finanzminister Wolfgang Schäuble geht. Das käme der Kanzlerin jetzt sehr ungelegen. Guttenberg und Schäuble: Das war die spannende Paarung im Kabinett. Der Alte, der alle Höhen und Tiefen erlebt hat; der Junge, der bis vor kurzem nur Höhen kannte. Nun bleibt der Alte übrig, und er wird im Kabinett bleiben müssen - weil dem Kabinett sonst der Anker fehlt.

Aufstieg und Fall Guttenbergs: Für die Union war es wie ein großes Ein- und Ausatmen. Goethe hat beschrieben, wie es sich damit verhält. Er sprach von "zweierlei Gnaden: Die Luft einziehen, sich ihrer entladen; jenes bedrängt, dieses erfrischt; so wunderbar ist das Leben gemischt." Nun kann Angela Merkel mit dem Meister sagen: Danke Gott, wenn er dich presst, und dank' ihm, wenn er dich wieder entlässt.

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