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Verbrechen des Gaddafi-Regimes:Ungesühnte Schüsse aus der Botschaft

Eine junge Polizistin wird 1984 mitten in London erschossen, vermutlich von Mitarbeitern der libyschen Botschaft im Auftrag Gaddafis. Ihre Mörder werden nie gefasst. Nach dem Aufstand in Libyen sehen britische Behörden ihre Chance, den Tod von Yvonne Fletcher doch noch aufzuklären.

Yvonne Fletcher ist 25 Jahre alt, als sie die tödlichen Schüsse treffen. Etwa siebzig Menschen demonstrieren am 17. April 1984 vor der libyschen Botschaft am St. James's Square in London gegen den Alleinherrscher Muammar al-Gaddafi. Großbritannien gilt damals als Hochburg Gaddafi-feindlicher Gegenrevolutionäre. "Mörder" und "Nieder mit Gaddafi" schreien die Vermummten. Dann öffnet sich ein Fenster im ersten Stock der Botschaft und ein Unbekannter feuert mit einer Maschinenpistole in die Menge.

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Britische Behörden hoffen, mit Hilfe der libyschen Übergangsregierung doch noch aufklären zu können, wer die junge Polizeibeamtin Yvonne Fletcher 1984 erschossen hat.

(Foto: dpa)

Schwer verletzt sinkt die Polizeibeamtin Fletcher zu Boden. Ein Bauchschuss. Schnell bringen Rettungskräfte die junge Frau ins Westminster Hospital. Wenige Stunden später stirbt Fletcher. Die Zeit schreibt damals, die Schüsse seien nicht zufällig gefallen, ein amerikanischer Spionagesatellit habe eine Anweisung aus Tripolis empfangen, in der es hieß, der angekündigten Anti-Gaddafi-Demonstration solle "mit Aktion und nicht mit Passivität" begegnet werden.

Wer die tödlichen Schüsse aus dem Botschaftsfenster abgefeuert hat, ist bis heute nicht geklärt. Drei Namen tauchen immer wieder auf: Ameri, al-Baghdadi und Matouk. Alle drei Verdächtigen waren damals in der Botschaft, genossen als Mitarbeiter im diplomatischen Dienst aber Immunität und konnten unbehelligt das Land Richtung Libyen verlassen. Jetzt, wo Gaddafis System zusammenbricht und der Übergangsrat schrittweise die politische Macht übernimmt, sehen die Briten ihre Chance, die Tat von damals doch noch aufzuklären.

Die libysche Übergangsregierung äußert sich zurückhaltend

Derzeit ist die britische Regierung mit den Oppositionellen im Gespräch, ob mögliche Verdächtige von 1984 nach Großbritannien ausgeliefert werden können. Premierminister David Cameron äußert sich in der britischen Presse zuversichtlich: "Ich bin mir sicher, dass die neuen libyschen Autoritäten uns bei der Arbeit unterstützen werden."

"Der Übergangsrat hat bisher noch keine Entscheidung getroffen", bremst Salwa Dagheli, ein Mitglied der provisorischen Regierung, diese Erwartungen. Vor einer Woche sagt ein weiteres Mitglied dem Guardian, die libysche Regierung werde neue Versuche, den Mord von Fletcher vor Gericht zu bringen, blockieren. Auch Oliver Miles, der 1984 britischer Botschafter in Libyen war, hält es für "unwahrscheinlich", dass die Libyer den Verdächtigen ausliefern werden, schreibt der Telegraph.

Das ist bemerkenswert, weil gerade die Briten gemeinsam mit den Franzosen in den vergangenen Monaten die Rebellen im Zuge des Nato-Einsatzes entscheidend unterstützt haben. Die Aufständischen begründen ihre Haltung damit, dass es Gaddafi gewesen sei, der Libyer an das Ausland ausgeliefert habe und man ihm nicht gleichtun wolle, zitiert die Time den Justizminister der Übergangsregierung.

Ein Verdächtiger soll tot sein - zwei verschwunden

Derweil behaupten libysche Rebellen in dieser Woche, einen der drei Verdächtigen, nämlich Abdulqadir al-Baghdadi, tot in einem Vorort von Tripolis gefunden zu haben. Ihm sei in den Kopf geschossen worden, sagt Usama el-Abed aus der Führungsriege der neuen Stadtverwaltung von Tripolis dem Guardian. Er soll im April 1984 eine Schlüsselrolle bei den Todesschüssen auf Fletcher gespielt haben, schreibt der Telegraph und beruft sich auf einen Bericht der Staatsanwaltschaft.

Genau das wird auch Matouk Mohammed Matouk, dem zweiten Verdächtigen, unterstellt. Matouk soll nach Angaben des Guardian noch am Leben sein. Ali Tarhouni, der stellvertretende Chef der libyschen Übergangsregierung, behauptet zu wissen, wo sich Matouk aufhalte. Aus dem näheren Umfeld von Matouks Familie heiße es, dass er in Tripolis unter Hausarrest gestanden habe, wie der Telegraph berichtet. Tarhouni streitet das aber ab. In dessen Haus in den Vororten von Tripolis habe es keine Spur von ihm gegeben und Nachbarn hätten behauptet, er sei in der Woche zuvor fortgegangen. Ein anderer Zeuge sagt, er sei kurz zuvor zu den Rebellen übergelaufen.

Matouk und al-Baghdadi werden zwar als mutmaßliche Drahtzieher gesucht, geschossen haben soll aber der Libyer Abdulmagid Salah Ameri. Zeugen wollen ihn dabei beobachtet haben. Er ist aber seit 1984 nicht mehr gesehen worden. Man geht davon aus, dass er wahrscheinlich nicht mehr am Leben sei, schreibt der Telegraph unter Berufung auf Erkenntnisse der britischen Staatsanwaltschaft.

Fletchers Mutter: "Jetzt ist die beste Gelegenheit"

Der Tod der jungen Polizistin hat die Briten nie ganz losgelassen. Auch lange Zeit nach der Tat berichten britische Zeitungen immer wieder über den Fall. Vor einigen Tagen richtete die 78-jährige Mutter des Opfers einen Appell an die Verantwortlichen: "Jetzt ist die beste Gelegenheit, den Mörder meiner Tochter zu finden. Auch nach all den Jahren hoffe ich sehr, dass jemand vor Gericht gestellt wird", sagt Queenie Fletcher.

Premierminister David Cameron verspricht zu handeln. So bestätigt das Foreign Office, dass Londoner Polizisten vielleicht nach Libyen zurückkehren werden, wenn die Lage sicherer ist, um ihre Ermittlungen im Fall "Fletcher" wieder aufzunehmen. Meldungen, dass ein Team von sechs SAS-Mitarbeitern und einem MI6-Offizier schon in Libyen sei, um Verdächtige aufzuspüren, seien nicht bestätigt worden, schreibt der Guardian. Bereits 2007 seien Mitarbeiter von Scotland Yard nach Tripolis geflogen, um Befragungen durchzuführen. Die Ermittlungen konnten sie damals allerdings nicht abschließen.

© sueddeutsche.de/mcs/lala

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