Nach dem Brexit:Viele Deutsch-Briten lassen sich jetzt noch schnell einbürgern

Barfuß Einbürgerung

Josephine Barfuß auf einer Einbürgerungsfeier des Bremer Rathauses am 8. Mai 2017, zusammen mit ihrem Sohn Jan Eric.

(Foto: Privat)

Sie wollen dem Brexit zuvorkommen - danach müssten sie sich vielleicht für einen Pass entscheiden. Doch auch Wut und Enttäuschung spielen bei der Entscheidung eine Rolle.

Von Matthias Drobinski und Julia Ley

Die Wartezeit war kurz, der Test einfach, die Einbürgerungsfeier schön - Josephine Barfuß ist zufrieden mit den Behörden, die nun die Behörden ihres Landes sind. Seit 2001 lebt die gebürtige Britin in Bremen, ihr Mann ist Deutscher, sie bildet angehende Englischlehrer aus.

Die Frage nach ihrer Staatsbürgerschaft war ihr vor einem Jahr noch sehr egal, sie fühlte sich Großbritannien verbunden und hätte es "ein bisschen als Verrat gesehen, Deutsche zu werden", sagt sie. Seit jenem 23. Juni 2016, an dem die Briten für den Brexit stimmten, ist das anders. Zum ersten Mal im Leben hatte sie gewählt - und wurde "wahnsinnig enttäuscht". Die Liebe zur alten Heimat bekam einen Knacks. Seit März ist sie Deutsche, immerhin, ohne den britischen Pass abzugeben.

In Bayern haben sich die Anträge mehr als verdreifacht

Josephine Barfuß ist Teil eines Trends. Während das Land über die doppelte Staatsbürgerschaft für Deutschtürken streitet, steigt seit der Brexit-Entscheidung die Zahl der Briten, die Deutsche werden wollen; als EU-Bürger dürfen sie dann problemlos ihren alten Pass behalten.

2015 wurden in Bayern 86 Briten Deutsche, 2016 waren es 313. In Hamburg gab es im gleichen Jahr 280 entsprechende Anträge, 206 davon wurden nach dem 23. Juni gestellt; bis Mitte Mai 2017 sind weitere 180 dazugekommen. Im ganzen Jahr 2015 wollten lediglich 52 Briten auch Deutsche werden. Städte wie Bremen, Hannover oder Göttingen melden einen vergleichbaren Anstieg.

Die Entscheidungen fallen zum einen aus Zorn und Enttäuschung: "Wenn Großbritannien so doof ist, sich so zu entscheiden, braucht man sich nicht zu wundern", sagt die Übersetzerin und Englisch-Tutorin Maria Madan-Conrad - auch Josephine Barfuß gibt zu, dass sie schon "selbst schuld" gedacht hat, "das ist gemein, aber so fühlt man sich eben", sagt sie.

Zum anderen hat die Entscheidung praktische Gründe. Niemand weiß, was die Austrittsverhandlungen für die Briten bringen, die in der EU leben. Josephine Barfuß ist in Bremen verbeamtet, obwohl sie ihre Ausbildung in England gemacht hat - geht das noch, wenn Großbritannien nicht mehr in der EU ist? Höchstwahrscheinlich ja, sagt sie, aber niemand habe ihr das garantieren können, so, wie viele ihrer Freunde gerade rätselten, wie das wird mit Rentenversicherung, Krankenkasse oder der Ferientour durch Europa. Der deutsche Pass macht dem Rätselraten ein Ende. Maria Madan-Conrads Schwester lebt in Frankreich - warum soll sie nach dem Brexit Zeit und Nerven bei der Passkontrolle lassen, wenn es auch anders geht?

Was sind sie nun, die neuen Deutschbriten? Europäer? Das ist Josephine Barfuß und Maria Madan-Conrad zu abstrakt. Deutsche? Schon eher, sagt Josephine Barfuß, Mann und Kinder sprechen deutsch, und sollte sie sich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden müssen, würde sie den deutschen Pass behalten.

Eher weniger, sagt dagegen Maria Madan-Conrad. Ihre Eltern würden inzwischen deutsche Charakterzüge an ihr erkennen: Deutsche reden direkter und laufen schneller. "Aber ich selber sehe mich als Britin", sagt sie.

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