Großbritannien:Die Favoritin heißt jetzt Theresa May

Die britische Innenministerin sollte mit ihrer Kandidatur einen Premier Boris Johnson verhindern. Der tritt überraschend nicht an - aber jetzt kommt ihr Justizminister Gove in die Quere.

Von Thorsten Denkler

Für das englische Wort "nasty" finden sich viele deutsche Übersetzungen. Sie reichen von "gemein" bis "widerlich" und "ekelhaft" zu "boshaft", "scheußlich" und "hässlich". Wie auch immer, "nasty" ist das Wort, das zu Theresa May gehört, wie Jam auf den Bagel.

Mit dem Wort hat sie 2002 auf einem Parteitag der Konservativen den Zustand ihrer Partei umschrieben. Die Tories seien eine "nasty party". Das saß. Für den mutigen Satz wird sie heute noch bewundert. Es war ihre Antrittsrede als erste Frau im Amt des Generalsekretärs der Tories.

Nach der Rede wurde einiges besser in der Partei. In der Folge brachten die Tories mehr Frauen in die Spitze der Partei und ins Parlament. Die Partei öffnete sich, auch für soziale Themen. Erst 2010 aber gelang es den Konservativen, die Macht zurückzuerobern. Seitdem ist Theresa May, 59, als Innenministerin mit an Bord.

Jetzt will sie mehr. An diesem Morgen kündigte sie per Brief an die konservative Tageszeitung The Times ihre Kandidatur für das Amt der Premierministerin und Parteivorsitzenden an. Amtsinhaber David Cameron hatte nach dem Pro-Brexit-Entscheid seinen Rückzug angekündigt. Traditionell liegen beide Rollen in ein und derselben Hand.

May wäre nach Margret Thatcher die zweite Frau in diesem Amt. Vor allem sollte sie die Anti-Boris-Kandidatin sein. Diejenige, die einen Durchmarsch des ehemaligen Londoner Bürgermeisters Boris Johnson an die Spitze der Regierung verhindert.

Johnson hat im Brexit-Wahlkampf die Rolle des Wortführers der EU-Gegner eingenommen. Und mit seiner Härte auch gegenüber seinem Parteifreund David Cameron viele konservative Abgeordnete im Unterhaus vergrätzt. Johnson hat jetzt schon vorher aufgegeben. Er erklärte, nicht für den Parteivorsitz kandidieren zu wollen.

Nach seinem Rückzug ist May jetzt die Favoritin auf den Parteivorsitz. Und damit auf das Amt des Premiers.

EU-skeptische Remain-Befürworterin

May hatte sich im Brexit-Wahlkampf auf die Remain-Seite gestellt, also auf die Seite derer, die für einen Verbleib Großbritanniens in der EU eintreten. Allerdings wohl nur aus Loyalität zu Cameron. May gilt als gestandene EU-Skeptikerin. In die Debatten um das Referendum schaltete sie sich kaum ein.

Wie sehr sie mit Europa hadert, zeigte sie in einer Rede Ende April, als sie die Forderung nach einem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Menschenrechtskonvention befürwortete. Für sie sei die Konvention eine Art Sicherheitsrisiko, sagte sie da. Diese verhindere die Abschiebung von Terrorverdächtigen, binde die Hände des Parlamentes, trage nichts zum Wohlstand Großbritanniens bei. Und ändere auch nichts an der Haltung von Ländern wie Russland, wenn es um die Frage der Menschenrechte gehe.

Das alles schließt sich nicht aus. Die EU zu kritisieren oder sie rundweg abzulehnen, sind zwei verschiedene Paar Stiefel. Die Mehrheit der Tory-Abgeordneten müsste May mit dieser Position eigentlich hinter sich haben.

Mays härtester Konkurrent: Michael Gove

Es ist jetzt an den Abgeordneten, eine Vorentscheidung für die künftige Führung der Partei und des Landes zu treffen. Nur zwei der fünf Kandidaten werden den Parteimitgliedern für einen Entscheid vorgelegt.

Neben May bewerben sich noch Energie-Staatssekretärin Andrea Leadsom, Arbeitsminister Stephen Crabb und der frühere Verteidigungsminister Liam Fox. Ihnen allen wird nachgesagt, sie wollten mit ihrer Kandidatur vor allem Duftmarken setzen, um ihre Karriereabsichten zu unterstreichen.

Allerdings hat an diesem Donnerstag - wenige Stunden vor Auslaufen der Frist - überraschend auch Justizminister Michael Gove seine Kandidatur erklärt. Das ist der Mann, der die offizielle Leave-Kampagne geführt hat, aber stets im Schatten von Boris Johnson stand. Gove hatte immer verneint, Premierminister werden zu wollen. Auch mit dem koketten Hinweis auf fehlende Fähigkeiten. Ihm wird nachgesagt, er sei berühmt dafür, eher unpraktisch veranlagt zu sein, ungern zu fliegen und "intellektuelle Interessen" zu haben, "die an der Grenze zur Exzentrik liegen", schrieb mal der Guardian über ihn.

Jetzt tritt er doch an. Weil er nicht mehr glaubt, dass Johnson die nötigen Führungsqualitäten aufweist, wie er sagte. Er glaubt offenbar nicht, dass Johnson, einmal im Amt, den Brexit so überzeugt umsetzt, wie Gove es gerne hätte. Johnson hatte nach dem Referendum freimütig angekündigt, im EU-Binnenmarkt bleiben zu wollen. Gove will selbst das nicht. Nach Johnsons Rückzug dürfte er jetzt freie Hand haben im Lager der totalen EU-Gegner.

Ob die Kandidatur von Gove May hilft oder schadet, ist noch nicht klar. Am Ende werden definitiv nur zwei Kandidaten dem Parteivolk präsentiert. Nach Lage der Dinge sind das May und Gove.

Harte Haltung in der Migrationsfrage

May ist die Einzige im Rennen, die sich ihre Hände im Brexit-Wahlkampf nicht schmutzig gemacht hat. Dass sie den Job kann, hat sie als Innenministerin unter Beweis gestellt. Einem der härtesten Posten, den es in Großbritannien gibt. Seit den Londoner Anschlägen vom Juli 2005 ist Sicherheit ein immens wichtiges Thema auf der Insel. Damals hatten islamistische Attentäter 52 Menschen getötet und mehr als 700 verletzt.

Für ihre Performance wird May von linken Medien wie dem Guardian und der eher rechtslastigen Daily Mail gelobt. May sei "unerschütterlich", sie verfüge über "große Führungsqualitäten" und sei "niemandes Handlangerin". In einer BBC-Liste wurde sie mal als zweitmächtigste Frau Großbritanniens eingeordnet - direkt nach der Queen.

Darüber hinaus dürfte ihr helfen, dass sie in der Migrationsfrage immer eine harte Haltung eingenommen hat. 2014 etwa setzte sie ein Gesetz durch, das Wohnungsbesitzer davon abhalten sollte, Wohnungen an Menschen ohne Aufenthaltsstatus zu vermieten. Außerdem sollten illegale Einwanderer davon abgehalten werden, einen Führerschein zu machen oder ein Bankkonto zu eröffnen. 2012 legte sie ein Gesetz vor, das den Familiennachzug für Nicht-EU-Bürger massiv einschränkt.

Einwanderung aus der EU und die Angst davor, dass in größerem Umfang Flüchtlinge ins Land kommen könnten, haben den Wahlkampf zum EU-Referendum bestimmt. Auch wenn ein Brexit an der Situation kaum etwas ändert. Wollen die Briten Teil des Binnenmarktes bleiben, müssen sie dessen Regeln akzeptieren.

Mays Vorgeschichte ist wenig spektakulär. 1977 schloss sie ihr Geografie-Studium in Oxford mit einem Bachelor ab. Danach ging sie für einige Jahre zur Bank of England. Im Anschluss heuerte sie als Beraterin für die UKPA an, eine Organisation der britischen Banken, die für einen reibungslosen internationalen Geldtransfer zuständig ist. May ist verheiratet und hat keine Kinder.

Politisch begann ihre Karriere 1997 mit dem Gewinn des Wahlbezirks Maidenhead, der ihr einen Platz im Unterhaus sicherte. 2002 wurde sie für ein Jahr Generalsekretärin der Partei, 2010 Ministerin im Kabinett Cameron. Der hatte sie schon vor gut einem Jahr als mögliche Nachfolgerin im Blick. In einem BBC-Interview stellte Cameron May als mögliche künftige Premierministerin vor. Neben Finanzminister George Osborne und Boris Johnson. Beide sind jetzt raus aus dem Rennen.

Eine Freundin sagte mal über May, sie sei wie eine "sensible und anspruchsvolle große Schwester für eine Bande von kleinen Jungen". Demnächst könnte sie die Mutter der Nation werden. Oder, nein, könnte sie nicht. Der Titel ist der Queen vorbehalten.

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