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Nach Bluttat in London:"Terrorismus ist das, was die bösen Jungs tun"

Dass das Wort Terrorismus mittlerweile einen religiös und ethnisch motivierten Anstrich erhalten hat, veranschaulichen nicht zuletzt die Beispiele am Anfang dieses Textes. Während niemand die Ermordung des Museumswärters Johns als terroristischen Akt bezeichnete, schreiben die Nachrichtenseiten und -agenturen und sprechen die britischen Politiker im Fall der Londoner Täter von "Terroristen". Dabei scheint der Hinweis, es seien "islamistische Terroristen" gewesen, als begreiflich machendes Hilfsmittel zu fungieren. Die unerklärliche Tat, bei der ein Mann auf offener Straße zu Tode gehackt wurde, wird dadurch freilich nicht erklärt. Doch sie wird eindeutig gelabelt und wird durch die Erklärung zum Terrorakt verdammt. Eine Möglichkeit der Anfechtung gibt es nicht, was nicht nur daran liegt, dass der Täter kein Gehör findet. Es liegt auch daran, dass er gegen seine Verurteilung kaum argumentieren könnte. Die Definition von Terrorismus, nach der über ihn gerichtet wird, obliegt seinem Gegner.

Mit welchem Furor an dieser letztinstanzlichen Verurteilung festgehalten wird, bekommen jene zu spüren, die in Frage stellen, dass es sich bei der Tat in Woolwich wirklich um Terrorismus handelte, indem sie Handlungen des amerikanischen und des britischen Militärs in Afghanistan, Pakistan oder im Jemen ins Feld führen, die ja auch nicht als Terrorismus definiert würden, sehr wohl aber so definiert werden müssten. Glenn Greenwald etwa sah sich heftigen Angriffen von Andrew Sullivan, einem in den USA ansässigen Journalisten und Blogger, ausgesetzt. Und wehrte sich, indem er Sullivans Wut entlarvte:

He [Sullivan], and so many others, are deeply invested on a psychological and personal level in protecting the narrative that Islam is a uniquely violent force in the world, that Muslim extremists pose a threat that nobody else poses, and that the US, the West and its allies (including Israel) are morally superior and more civilized than their adversaries, and their violence is more noble and elevated.

Es geht bei der Vergabe des Terrorismus-Labels also um unangreifbare moralische Überlegenheit, die jeden anderen rhetorischen Angriff auf den Gegner schlägt - egal ob Mörder, Verbrecher oder Verwirrter. Wenn unser Gegner ein Terrorist ist und damit das Böse verkörpert, können wir ja nur die Guten sein. Brian Jenkins formulierte es in seinem vielbeachteten Werk "The Study of Terrorism: Definitional Problems" so: "Wer es schafft, seinem Gegner das Label 'Terrorist' anzuheften, hat es geschafft, andere von ihrem moralischen Standpunkt zu überzeugen. Terrorismus ist das, was die bösen Jungs tun."

Das sind in der Konsequenz sehr schlechte Nachrichten für jene, die sich eine klare, breit akzeptierte Terrorismus-Definition wünschen. Dem Begriff immanent ist sein politisches Instrumentalisierungspotenzial. Seine Definition ist absichtlich offengehalten, weil die handelnden Akteure, Staaten etwa, kein Interesse daran haben, sich selbst des Interpretationsspielraums des Begriffs zu berauben. Im Gegenteil: Das Wort Terror soll und darf jene Eigenschaft nicht verlieren, die für Regierungen in aller Welt so wichtig ist: die Möglichkeit der eigenen, situativen Interpretation, ein rhetorisches Hilfsmittel für die politische Agenda.

Ob die Tat in London also nun ein "Terrorakt" war oder nicht, hängt davon ab, ob ihre Bezeichnung als solche den handelnden Akteuren nützt.

© Süddeutsche.de//woja
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