Nach Amoklauf von Newtown Waffen-Hardliner verlieren prominente Fürsprecher

Für die mächtige US-Waffenlobby brechen womöglich schwere Zeiten an: Selbst namhafte Mitglieder sprechen sich nach dem Amoklauf von Newtown öffentlich für strengere Gesetze aus. Die liberalen Medien halten das Thema in den Schlagzeilen, während Fox News seiner Redaktion einen Maulkorb verpasst.

Von Matthias Kolb und Michael König

Bewegt sich Amerika doch? Nach dem Amoklauf von Newtown dürfen Befürworter schärferer Waffengesetze in den USA plötzlich hoffen. Washington diskutiert über eine neue Verordnung gegen Sturmgewehre wie jene Bushmaster, mit der Adam Lanza in der Sandy-Hook-Grundschule 26 Menschen tötete. Auch Magazine mit mehr als zehn Schuss könnten verboten werden.

Namhafte Politiker wie die demokratische Senatorin Dianne Feinstein sind dafür, in der Bevölkerung scheint Umfragen zufolge zumindest ein kleiner Sinneswandel stattzufinden. Im US-Wahlkampf hatte eine Verschärfung des Waffenrechts noch überhaupt keine Rolle gespielt.

Republikaner Joe Scarborough: Kehrtwende vor laufenden Kameras

(Foto: Screenhot: MSNBC)

Es scheint, als hätte Sandy Hook nicht nur viele Eltern aufgewühlt, inklusive eines äußerst emotionalen US-Präsidenten. Auch einige jener Politiker, die bislang strikt gegen strengere Waffengesetze waren, fassen Konsequenzen ins Auge. Einer von ihnen: Joe Scarborough, Republikaner, ehemaliger Kongressabgeordneter und Moderator der TV-Sendung Morning Joe auf MSNBC.

Scarborough als waffenpolitischen Hardliner zu bezeichnen, ist keine Übertreibung. Die mächtige Waffenlobby National Rifle Association (NRA) zeichnete ihn für seine sture Haltung mit Bestnoten aus. Noch vor fünf Monaten, nach dem Amoklauf von Aurora, hatte er die Standardargumente gegen Gun Control heruntergebetet, wie die New York Daily News berichten:

At the time he said it was "unfortunate" that activists on both sides of the issue were talking politics while the victims' families were in mourning. He also suggested that gun control advocates had lost the debate for good back in the 1990s, when conservative Democrats 'killed' gun control legislation pushed by former President Clinton. "I think this debate has been had," he concluded.

Nach dem Amoklauf von Newtown sah das plötzlich ganz anders aus. In einem zehnminütigen Monolog (hier in Wortlaut und Video) erklärte Scarborough seinen Zuschauern, warum er seine Meinung geändert habe. Der Hardliner wirkte plötzlich weich:

"From this day forward, nothing can ever be the same again. (...) Politicians can no longer be allowed to defend the status quo. They must instead be forced to defend our children. You know me. I am a conservative Republican who received the NRA's highest ratings over four terms in Congress. I saw this debate over guns as a powerful symbolic struggle between individual rights and government control. (...) Friday changed everything. It must change everything. It's time for Washington to stop trying to win endless wars overseas while we're losing the war at home."

Eine "giftige Brühe" aus gewaltverherrlichenden Filmen und der Zunahme mentaler Krankheiten sei die Grundlage für Bluttaten wie in Newtown, kritisierte Scarborough:

"And then add in military-styled weapons and high-capacity magazines to that equation, and tragedy can never be too far behind."

In seiner Sendung verbündete sich der Republikaner schließlich mit einem Waffennarren der politischen Gegenseite: Der demokratische Senator Joe Manchin aus West Virginia bekannte, ebenfalls Mitglied der mächtigen Waffenlobby NRA zu sein. Doch auch ihn habe Newtown verändert:

"We need to sit down and have a common sense discussion. And move in a reasonable way." Das Verbot von Hochkapazitäts-Magazinen mit mehr als zehn Schuss sei ein guter Anfang. Jäger dürften dabei nicht kriminalisiert werden. Er liebe die Jagd, "but I don't have more than three shots in a clip. Sometimes you get only one shot anyway to deer."

Der Meinungswandel der Hardliner lässt die liberalen Medien jubilieren. Schon sehen sie schwere Zeiten für die NRA aufziehen. Die Waffenlobby ist allerdings gut ausgestattet: Die Huffington Post beschreibt noch einmal, wo die Stärken der Organisation liegen (vier Millionen Mitglieder, hohe Wahlkampf-Budgets) und warum sie "the baddest force in Politics" sei:

"The group's great clout lies in the sheer number of people it can mobilize. The NRA boasts four million members, whom it spends a large piece of its budget engaging. Communicating with members constituted one-fourth of all NRA expenses ($57 million) in 2010, the most recent year for which tax filings were available. That is a far higher amount than the NRA spends on lobbying or campaign ads, underscoring the grassroots nature of the group. Members also are the biggest source of funds for the NRA, supplying $100 million out of a total of $227 million in revenue in 2010."

Das liberale Blog Mother Jones zeichnet 99 Gesetze nach, die unter dem Einfluss der NRA entstanden und das Tragen von Waffen erleichterten.

99 waffenfreundliche Gesetze, umgesetzt mit gütiger Hilfe der NRA: Ein Überblick des liberalen Blogs Mother Jones.

(Foto: Screenshot: motherjones.com)

Die NRA schweigt bislang zu dem Amoklauf von Newtown. Die Website Buzzfeed erkennt darin ein Verhaltensmuster, das die Lobbyorganisation auch bei vorangegangenen Bluttaten zeigte.

Zuschauer des konservativen und waffenfreundlichen TV-Senders Fox News bekommen von der Debatte um gun control übrigens wenig mit. Zwar hatte sich der Besitzer des Senders, Medienmogul Rupert Murdoch, per Twitter deutlich für schärfere Regeln ausgesprochen:

"Terrible news today. When will politicians find courage to ban automatic weapons?"

Das New York Magazine schreibt jedoch unter Berufung auf anonyme Quellen, bei Fox gelte die Chef-Anordnung, nicht über die Debatte zu berichten:

"'This network is not going there', Clark wrote one producer on Saturday night, according to a source with knowledge of the exchange. The directive created a rift inside the network."

Waffenindustrie in den USA

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