Mythos Jassir Arafat Nationalheiliger ohne Nation

Jassir Arafat hat den Palästinensern ein schwieriges Erbe hinterlassen. An seinem Status als quasi Nationalheiliger ändert das nichts.

(Foto: dpa)

Der zehnte Todestag von Jassir Arafat ist Anlass für zahlreiche Jubelveranstaltungen. Wie kein anderer symbolisiert der frühere Palästinenserführer den Kampf gegen Israel - und für einen eigenen Staat. Dabei hinterließ Arafat seinem Volk ein großes Chaos.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Lyrik-Lesungen hat es gegeben, Filmvorführungen sowie die Verleihung eines Kulturpreises in seinem Namen, und zum Gedenktag sollen nun auch die ersten Auserwählten das endlich fertiggestellte Museum besuchen dürfen: Ramallah rüstet sich seit Monatsbeginn für den zehnten Todestag von Jassir Arafat.

Mit Pauken und Paraden werden die Feierlichkeiten an diesem Dienstag ihren Höhepunkt erreichen, bei einer Zeremonie pünktlich um 11 Uhr am 11.11., so viel Zahlensymbolik soll schon sein. Auch eine Dekade nach seinem Hinscheiden in einem Pariser Krankenhaus ist Arafat allgegenwärtig bei den Palästinensern. Hell und grell überstrahlt er die Nachfolger - und wirft dabei einen enorm langen Schatten.

Zum Mythos verklärt hatte er sich selbst ja schon zu Lebzeiten. Von Kopf bis Fuß, genauer gesagt von der markanten Keffijeh bis zur Pistole im Halfter symbolisierte er den Kampf der Palästinenser für den eigenen Staat. Sein Weg führte von der Gewalt zum Friedensnobelpreis und wieder zurück zur Gewalt.

Jassir Arafat

Sein Leben in Bildern

Nie kam er an, immer schien der Weg das Ziel zu sein, selbst wenn es ein furchtbarer Irrweg war wie die zweite Intifada, die er am Ende umringt von israelischen Panzern als Gefangener in der Mukata, seinem Präsidentensitz in Ramallah, erlebte.

Was Jassir Arafat seinem Volk hinterließ, war ein großes Chaos. Davon hat es sich bis heute nicht erholt. Zehn Jahre nach Arafats Tod ist der eigene Staat für die Palästinenser immer noch nicht in Sicht, dafür aber sind die eigenen Reihen zerrissen von internen Kämpfen.

Die Politik der Palästinenser ist mindestens zweigeteilt in die in Ramallah regierende Fatah und die Hamas im Gazastreifen. Und dass diese Teilung trotz aller Bemühungen um eine Einheitsregierung längst nicht überwunden ist, zeigt sich gerade jetzt wieder.

Eigentlich hätte - zum ersten Mal seit 2007 - auch in Gaza eine Arafat-Huldigungsfeier stattfinden sollen. Doch dann explodierten am Freitag Bomben vor den Häusern und unter den Autos von einem Dutzend Fatah-Funktionären sowie am geplanten Veranstaltungsort. Am Sonntag sagte die Hamas, die jegliche Urheberschaft abstreitet, die Zeremonie ab. Begründung: Die Sicherheit könne nicht garantiert werden.

Genau dieses Unklare, Undurchsichtige, Doppelbödige gehört auch zum Erbe des Jassir Arafat. Zur Ablenkung vom trostlosen politischen Alltag taugen bis heute überdies all die Verschwörungstheorien, die sich um seinen Tod ranken. Zuletzt wurde die Öffentlichkeit in Atem gehalten durch eine mögliche Vergiftung mit dem radioaktiven Material Polonium-210.

Sogar die Grabstätte war deshalb vor zwei Jahren geöffnet worden. Drei verschiedene Forensik-Institute in der Schweiz, in Frankreich und Russland untersuchten die dabei genommenen Proben - und legten so diametral unterschiedliche Ergebnisse vor, dass ohne jeglichen Beweis nun auf ewig weiterspekuliert werden darf.

Abbas, Gefangener des Systems Arafat

So haben die Palästinenser immerhin schon einen Nationalheiligen bekommen, bevor sie zur Nation geworden sind. Auch Mahmud Abbas, Arafats Nachfolger im Präsidentenamt, webt fleißig mit am Teppich der Heldenverehrung, unter den dann bequem alle negativen Erscheinungen von internen Zwisten bis zu Korruption gekehrt werden können.

Arafat sei ein "Friedens-Liebhaber" und eine "Quelle des Optimismus" gewesen, verkündete Abbas auf einer der vielen Jubelveranstaltungen dieser Tage. Dabei müsste er es eigentlich besser wissen, weil er erstens vor Arafats Tod schon mit ihm in einen Kurskonflikt geraten und 2003 als Premier zurückgetreten war. Und weil er zweitens bis heute ein Gefangener des Systems Arafat ist.

Dabei hat Abbas durchaus einen anderen Weg eingeschlagen als sein Vorgänger. Er hat der Gewalt abgeschworen, ist eine enge Sicherheitskooperation mit Israel eingegangen und hat sich verhandlungsbereit gezeigt. Doch weil ihn die Regierung in Jerusalem seit der Machtübernahme von Benjamin Netanjahu 2009 konsequent abblockt, steht er vor seinem Volk mit leeren Händen da.

Arafat mag der Wille oder auch der Mut gefehlt haben zum weitreichenden Kompromiss. Abbas fehlt dazu schlicht die Kraft. Seine Rhetorik ist deutlich martialischer geworden in der jüngsten Auseinandersetzung um Jerusalem, und auch er bedient nun das Volk lieber mit einer Vision als mit einem konkreten Plan. Am Montag hat er angekündigt, dass Arafats letzter Wille wahr wird und seine sterblichen Überreste von Ramallah nach Jerusalem überführt würden. Wann? "Sehr bald."