Am Sonntag schossen Armee und Polizei erneut auf Protestierende in Myanmar, vier Menschen wurden dabei laut Frontier Myanmar in Yangon mindestens getötet. In Mandalay sollen es sieben sein, mindestens 18 im ganzen Land. Die UN spricht vom "tödlichsten Tag seit dem Beginn der Proteste".
Die Bilder aus dem Land zeigen, wie willkürlich in die Menschenmenge geschossen wird, wer nicht verletzt wurde, floh in Panik. Es soll zu regelrechten Jagdszenen auf Demonstranten gekommen sein. Anwohner sammelten Schuhe und Smartphones der Flüchtenden ein, um sie ihnen später wiederzugeben. Die kurzen Filme und vielen Fotos gelangen über die Kanäle des "Civil Disobedience Movement" (CDM) ins Ausland, und auch über die sogenannte "Milk Tea Alliance", die an diesem Sonntag in einigen asiatischen Ländern zum solidarischen Protest gegen den Putsch in Myanmar aufgerufen hatte.
Die "Milk Tea Alliance" eint ein gemeinsamer Feind: China als großer Verbündeter der Herrschenden. Dass hartes Vorgehen gegen Protestierende und Opposition international nicht stärker verurteilt wird, hat mit Pekings steigendem Einfluss in der gesamten Region zu tun, sonst würden die USA, die UN und die EU vermutlich weniger zahnlos auf den Putsch in Myanmar reagieren.
Wobei die USA am Sonntag nach dem brutalen Einsatz gegen Demonstranten neue Sanktionen ankündigten. "Wir bereiten zusätzliche Aktionen vor, um denjenigen, die für diesen jüngsten Ausbruch von Gewalt und den jüngsten Putsch verantwortlich sind, weitere Strafen aufzuerlegen, sagte US-Sicherheitsberater Jake Sullivan der Nachrichtenagentur Reuters zufolge. Details sollten im Laufe der Woche folgen. Auch der Außenbeauftragte der Europäischen Union, Josep Borrell, kündigte an, die EU werde bald mit Maßnahmen auf die jüngsten Entwicklungen in Myanmar reagieren.
Zur Milk Tea Alliance gehören neben Thailand, Hongkong und Taiwan mittlerweile auch Aktivisten aus Indien. Nachdem Sydney immer wieder eine Untersuchung des Covid-19-Ausbruchs in China forderte und Peking mit massiven Handelsboykotten reagierte, wurden Aktivisten aus Australien in die Bewegung aufgenommen.
Myanmar ist der neueste Zugang. Die Netizens dieser Länder, die kulturell und gesellschaftlich höchst unterschiedlich sind, setzen sich in erster Linie für Demokratie ein. Und sie gehen gegen chinesische Einflussnahme vor, vor allem im Internet, mit Aufklärung, Gegenattacken in sozialen Medien, klugen Hacks.
Bilder mit Kuss zwischen den Generälen
Während das Militär in Myanmar mit zunehmender Brutalität gegen die Protestierenden vorging, demonstrierten am Sonntag nach Aufruf der Milk Tea Alliance auch in Bangkok viele vorwiegend junge Menschen, die sich am frühen Nachmittag am Siegesdenkmal einfanden und dann zum Sitz des 1. Infanterie-Regiments liefen, der Leibwache des Königs. Viele der thailändischen Frauen und Männer zeigten den Drei-Finger-Gruß und trugen die Fahnen Myanmars. Die Demonstranten hefteten Flyer an Wände und Säulen, auf denen man Prayut Chan-Ocha, den ehemaligen General der Streitkräfte, beim Kuss sieht - mit General Min Aung Hlaing, dem Chef der Junta, die sich in Myanmar vor vier Wochen an die Macht putschte.
Der Hintergrund: Vergangene Woche hatte die thailändische Regierung als erste weltweit einen Vertreter der Junta empfangen. Der neue, vom Militär ernannte Außenminister Myanmars, Wunna Maung Lwin, traf am Donnerstag in Bangkok mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten und Außenminister Don Pramudwinai sowie der indonesischen Außenministerin Retno Marsudi zusammen.
Indonesien ist das größte Land im Asean-Bund. "Die Minister sind übereingekommen, dass Myanmar ein wichtiges Mitglied der Asean-Familie ist und dass Asean eine Plattform für konstruktiven Dialog zwischen Myanmar und den anderen Asean-Mitgliedsstaaten sein sollte - in Übereinkunft mit den Zielen und Prinzipien, die von den Asean-Mitgliedern aufgesetzt wurden und zum Wohl das Volkes von Myanmar" - so kompliziert formulierte es das thailändische Außenministerium im Anschluss.
Die anhaltenden Proteste zeigen allerdings, dass das Volk von Myanmar sich nicht von den Asean-Staaten diktieren lassen will, wie und unter wem es leben soll, ebenso wenig wie von China. In dem Asean-Verbund stimmen sich neben Thailand und Indonesien auch Brunei, Kambodscha, Laos, Malaysia, die Philippinen, Singapur und Vietnam als Mitglieder ab. Sehr unterschiedliche Länder mit ebenso verschiedenen Interessen und Regierungsformen. Die Generäle in Myanmar möchten womöglich bis zur angekündigten Neuwahl in einem Jahr eine Kulissen-Demokratie einrichten, wie sie in Thailand funktioniert. Dort wurde 2014 geputscht, aber General Prayut Chan-Ocha transformierte zum Staatsmann und ließ sich 2019 in einer allerdings nicht sehr freien Wahl bestätigen.
Die militärnahe Partei in Myanmar wurde bei den Wahlen im November 2020 hingegen schwer gedemütigt und das Ergebnis an diesem Wochenende für ungültig erklärt. Ein etwas seltsamer Akt, nachdem die Soldaten schon seit Wochen brutal gegen Hunderttausende Bürgerinnen und Bürger des Landes vorgehen, die die Wahl für rechtmäßig halten.
Nun sieht es so aus, als würde der Mut und die Wut, mit der die Menschen in Myanmar weiterhin jeden Tag auf die Straße gehen, obwohl sie mit Gewalt und ihrem Tod rechnen müssen, in andere Länder überspringen. Am Sonntagabend kam es in Bangkok zu Zusammenstößen zwischen der Einsatzpolizei und den Milk-Tea-Alliance-Demonstranten. Nach den heftigen Protesten im vergangenen Sommer und Herbst war es in Bangkok zuletzt etwas ruhiger geworden. Der Einfluss der Armee im Alltag ist aber auch dort nach wie vor groß. In Thailand ist das Militär an zahlreichen Unternehmen, Immobilien, Fernsehanstalten, Flughäfen und Golf-Anlagen beteiligt, die Thai Military Bank, kurz TMB, gehört ihr ganz.
Während sich also die Herrschenden aus Myanmar und Thailand in Bangkok zu einem klassischen Erfahrungsaustausch getroffen haben, vernetzt sich die sogenannte Generation Z in einigen asiatischen Ländern, um klugen Protest zu initiieren. Auch das "Civil Disobedience Movement" (CDM), die Verweigerungsbewegung, die versucht, Myanmar unregierbar zu machen, koordiniert sich trotz Internet-Sperren weiterhin als Netzwerk. Die Krankenhäuser, die sich dem CDM ebenfalls angeschlossen haben, gaben bereits am Samstag bekannt, dass sie am Sonntag einen Notdienst für Demonstranten einrichten würden, die von Polizei oder Armee attackiert werden sollten. Sie bekamen traurigerweise viel zu tun.
