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Myanmar:Mission voller Tabus

Christen sind in dem buddhistischen Land Myanmar nur eine kleine Minderheit. Um ihnen nicht zu schaden, wird Papst Franziskus bei seiner Reise dorthin eher leise auftreten. Das Wort "Rohingya", so riet ihm ein myanmarischer Kardinal, solle er meiden.

Christen wie diese Kachin-Frauen sind in Myanmar eine Minderheit.

(Foto: Thein Zaw/AP)

Noch nie ist ein Papst nach Myanmar gereist. Das überwiegend buddhistische Land wurde lange von einer Militärjunta beherrscht, bevor die Generäle eine begrenzte Demokratisierung zuließen und Myanmar schrittweise aus der Isolation führten. Christen bilden nur eine kleine Minderheit in diesem Land, das zwischen Indien und China liegt. Etwa vier Prozent der Einwohner des Vielvölkerstaates sind Protestanten, nur ein Prozent Katholiken. Für den Hirten aus Rom ist es also eine Reise an die Außengrenzen seiner Glaubensgemeinschaft. Szenen, in denen Hunderttausende Gläubige die Straßen säumen oder Millionen zur Papstmesse strömen, wird es bei dieser Reise nicht geben, weder in Myanmar noch auf der zweiten Station, im muslimisch geprägten Bangladesch.

Politisch ist der Besuch umso brisanter, er wird Aufmerksamkeit erzeugen. Schon am Dienstag trifft Franziskus die umstrittene Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Sie ist das Gesicht der Reformbewegung, die sich die Macht mit dem Militär teilen muss. Ihr Ruf hat schwer gelitten, seitdem die Gewalt gegen die muslimische Minderheit im Westen Myanmars eskalierte. Ihre einstigen Anhänger im Ausland sind frustriert, da sie den Eindruck haben, dass sich die regierende Staatsrätin zu wenig für die verfolgten Rohingya einsetze.

Papst Franziskus, der am Montagnachmittag in der Stadt Yangon erwartet wird, hat sich sehr deutlich für die diskriminierte und rechtlose Minderheit ausgesprochen. Er kritisierte die "Verfolgung unserer Rohingya-Brüder und -Schwestern". Doch das Thema ist in Myanmar extrem aufgeladen. Es beginnt schon damit, dass der myanmarische Kardinal Charles Bo ihm geraten hat, das Wort "Rohingya" in seinem Land zu meiden. Die Rohingya haben dort kaum Sympathien, sie werden von den meisten als illegale Zuwanderer betrachtet. Viele nennen sie deshalb "Bengalen", und das häufig mit einem verächtlichen Unterton.

Dass viele Muslime schon seit Generationen im Westen Myanmars leben und manche Familien sogar seit hunderten Jahren in der Gegend verwurzelt sind, ändert daran nichts. Ein Staatsbürgerrecht von 1982, das noch die Handschrift der Junta trägt, grenzt die meisten Muslime im Westen aus und verweigert ihnen Rechte. Dass sich Angehörige der Minderheit vermehrt seit den 50er-Jahren unter dem Namen Rohingya sammeln, interpretieren Historiker als Versuch, sich als ethnische Gruppe zu definieren, um sich auf diesem Wege zu behaupten. Der Staat assoziiert mit dem Wort Rohingya historisch vor allem separatistische Tendenzen. Zusammenstöße gab es zwischen Muslimen und Buddhisten immer wieder. Als eine selbst ernannte Heilsarmee der Rohingya, kurz Arsa, Polizeiposten attackierte, eskalierte die Gewalt. Mehr als 620 000 Rohingya flohen ins Nachbarland. Die Vereinten Nationen und die USA stufen die Vertreibungen als "ethnische Säuberungen" ein, während die Armee Myanmars vom legitimen Kampf gegen Extremisten spricht.

Wird Franziskus also den Konflikt und die Vertriebenen beim Namen nennen? Es ist eine der heikelsten Fragen der Reise, von der Sprecher Greg Burke sagt, sie werde "diplomatisch sehr interessant". Ein starkes Understatement, wenn man bedenkt, dass diese Krise inzwischen Dimensionen erreicht hat, mit denen zuvor kaum jemand gerechnet hatte. Einen Exodus wie diesen hat Myanmar nie erlebt. Und die lange geplante Papst-Reise fällt ausgerechnet in eine Phase größter Spannungen. Im Westen werden Sanktionen gegen Myanmar diskutiert, während Peking davor warnt, den Druck weiter zu erhöhen.

Der Papst ist für seine offenen Worte bekannt, doch heißt es aus dem Vatikan, dass er den Ratschlag des örtlichen Kardinals sehr ernst nehme. So rätseln nun viele, wie er sich äußern wird. Es ist eine schwierige Gratwanderung, ist er zurückhaltend, riskiert er seine Glaubwürdigkeit als Anwalt der Entrechteten. Geht er zu forsch vor, riskiert er Proteste in seinem Gastland, was der kleinen christlichen Gemeinde schwer schaden kann. Franziskus wird neben Suu Kyi mit buddhistischen Mönchen sprechen und zwei Messen in Yangon abhalten. Angeblich ist sogar ein Gespräch mit dem mächtigen Armeechef vorgesehen, bevor er Donnerstag nach Bangladesch weiterreist. Dort ist das Wort Rohingya nicht mehr tabu, im Gegenteil. Dhaka wünscht sich deutliche Worte, das Land ist auf Hilfe angewiesen, um das Flüchtlingschaos zu bewältigen. Geplant ist dort schließlich auch ein Gespräch mit Rohingya-Flüchtlingen, Franziskus soll sie in Dhaka treffen. Eine Reise in die Flüchtlingslager tritt er nicht an.

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