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Nach dem Putsch:Der militärische Machtapparat in Myanmar ist entfesselt

Nach dem Militärputsch in Myanmar

In der früheren Hauptstand Yangon stapelt ein Demonstrant Säcke auf einer Straße als Barrikade. Auch der bewaffnete Widerstand formiert sich im Land, es droht ein Bürgerkrieg.

(Foto: Theint Mon Soe/dpa)

Tag des Tötens am Tag der Streitkräfte: Während sich die Junta mit Gästen aus dem Ausland feiert, ermorden Soldaten überall im Land mehr als 100 Zivilisten, darunter einen fünfjährigen Jungen. Ein Bürgerkrieg wird immer wahrscheinlicher.

Von David Pfeifer, Bangkok

Samstag war der schlimmste Tag, seit sich das Militär in Myanmar am 1. Februar wieder an die Macht geputscht hat. Am "Tag der Streitkräfte" feierte sich die Armee selbst, indem sie Zivilisten erschoss. Früher hieß dieser Tag "Resistance Day", weil er den Anfang des Widerstands gegen die japanische Besatzung 1945 markierte, damals angeführt unter anderem vom Vater der nun inhaftieren De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi.

Die genauen Todeszahlen vom Samstag sind noch unbekannt, weil sich der friedliche Protest der Myanmarer auch in die kleineren Städte und Provinzen verteilt hat. Es ist davon auszugehen, dass mindestens 114 Menschen getötet wurden, berichtet das Nachrichtenportal Myanmar Now. Das vom Militär kontrollierte Staatsfernsehen hatte am Freitag als Warnung ausgegeben, dass Protestierenden "in den Kopf und in den Rücken" geschossen werde.

General Min Aung Hlaing, der Anführer der Junta, hielt eine Rede, in der er beteuerte, dass das Militär das Volk schützen wolle und nach Demokratie strebe. Während in der Hauptstadt Naypyidaw die Parade lief, stürmte die Tatmadaw, wie die Armee in Myanmar genannt wird, in vielen Städten ganze Viertel und Wohnhäuser. Die Soldaten erschossen nicht nur Demonstranten, sondern wen sie vorfanden. Das jüngste Opfer war ein Fünfjähriger in Mandalay.

Auf einem Video einer Überwachungskamera, das am Samstag über soziale Medien und Messenger-Dienste lief, und das auch der Süddeutschen Zeitung aus verschiedenen Quellen zugesandt wurde, sieht man Soldaten, die von der Ladefläche eines Pick-Up-Trucks auf drei junge Männer schießen, die ihnen auf einem Motorroller entgegenkommen. Sie treffen einen Mann und schleppen ihn weg. Er soll nun in einem Militär-Krankenhaus liegen.

China und Russland verhindern schärfere Sanktionen im UN-Sicherheitsrat

Die Vorkommnisse zeigen, dass der militärische Machtapparat derartig entfesselt wurde, dass nicht mehr nur das Volk kujoniert, sondern die Barbarei des Krieges zum Alltag für die Myanmarer wird. So wie man es aus dem Zweiten Weltkrieg oder dem Vietnamkrieg kannte, wo es zu völlig willkürlichen Akten der Brutalität kam. Nur sind die Opfer in diesem Fall die Bürgerinnen und Bürger des eigenen Landes, deren Schutz der oberste Befehlshaber proklamiert.

"Das ist nur das neueste Beispiel, wie entschlossen die militärischen Führer sind, sich herauszumorden aus dem landesweiten Widerstand gegen ihren Coup", sagte Ming Yu Hah, der Regionaldirektor von Amnesty International. "Diese schrecklichen Morde zeigen wieder einmal die dreiste Ignoranz der Generäle gegenüber den Maßnahmen, die bisher von der internationalen Gemeinschaft angewendet worden sind."

Nach dem Militärputsch in Myanmar

Das Militär wolle das Volk schützen, sagt General Min Aung Hlaing, Oberbefehlshaber der Streitkräfte von Myanmar. Doch seine Soldaten töten viele Menschen.

(Foto: -/dpa)

Dass sich die Weltgemeinschaft zu keinen harten Sanktionen gegen die Junta durchringen kann, wächst sich zu einem politischen Problem aus. Amnesty International versucht seit Wochen, bei der UN stärkere Sanktionen zu erwirken, scheitert aber am Veto von Staaten wie China und Russland. Vor allem Peking stärkt der Junta weiter den Rücken und ermahnt die Generäle höchstens, die Menschenrechte einzuhalten. "Der Preis für diese internationale Tatenlosigkeit ist, dass wir nur Tote zählen können" sagte Ming Yu Hah dazu. Mehr als 400 Myanmarer sind bei den friedlichen Protesten bislang gestorben.

Neben Gesandten aus China und Russland kamen Militär-Attachés aus Indien, Pakistan, Bangladesch, Vietnam, Thailand und Laos zu Besuch nach Naypyidaw am "Tag der Streitkräfte". Die Nachrichtenagentur Reuters meldete bereits am Freitag, dass Russlands stellvertretender Verteidigungsminister Alexander Fomin in Myanmars Hauptstadt mit General Min Aung Hlaing zusammengetroffen sei. Laut russischen Staatsmedien will Russlands Militär seine Verbindungen mit der Tatmadaw ausbauen, während fast alle westlichen Nationen die Morde an Hunderten von Zivilisten einhellig verurteilten.

Der UN-Sonderberichterstatter für Myanmar, Tom Andrews, bezeichnete das Vorgehen der Militärjunta als "Massenmord". Ein großer Teil der Weltgemeinschaft sieht bislang erschrocken, aber relativ tatenlos dabei zu, wie die myanmarische Zivilbevölkerung vom Militär verschleppt, eingeschüchtert und umgebracht wird.

Einige der umliegenden Regierungen sind dagegen anscheinend bereit, die Herrschaft der Junta anzuerkennen; darunter die Riesenstaaten China und Indien, deren Regierungen sich derzeit sonst bei wenig einig sind.

Nach dem Militärputsch in Myanmar

Am Tag der Streitkräfte feiern sich die Streitkräfte in der Hauptstadt Naypyidaw selbst. Im Rest des Landes werden auch Zivilisten umgebracht.

(Foto: -/dpa)

Währenddessen wächst die Verzweiflung auch im "Civil Disobedience Movement" (CDM), der Bewegung, die den friedlichen Protest und den Generalstreik in Myanmar koordiniert und am vergangenen Mittwoch zu einem "Silent Strike" aufgerufen hatte. Die Straßen von Yangon blieben daraufhin gespenstisch leer. Man wollte der Welt eigenen Angaben zufolge zeigen, dass man nicht ewig Zielscheiben für die schießwütigen Soldaten auf die Straße schicken kann.

Am Wochenende bat das CDM per Twitter um Entschuldigung bei denen, die den Protesten auf sozialen Medien folgen, weil man überschwemmt wurde mit Bildern und Clips von Ermordeten. Da diese Kanäle die einzigen sind, über die Informationen nach außen dringen können, werden die Posts immer verzweifelter und drastischer, parallel zu den Tötungsfeldzügen der Soldaten.

Im Norden des Landes wiederum formiert sich nun auch der bewaffnete Widerstand. Die "Ethnic Armed Forces", die bewaffneten ethnischen Truppen in der Provinz Kachin, dem sogenannten Kachin-Staat, hatten ihren Waffenstillstand mit der Tatmadaw bereits aufgekündigt.

Während in der Hauptstadt die Parade abgehalten wurde, nahm die "Karen National Union" (KNU) Tatmadaw-Soldaten fest und überrannte eine Militär-Basis, wobei zehn Soldaten getötet wurden. Die KNU, die auch Teile des Südostens kontrolliert, berichtete am Samstagabend, dass Kampfflieger der Tatmadaw daraufhin gegen 20 Uhr einen Angriff auf Day Pu Nom, ein Dorf an der Grenze zu Thailand, geflogen seien.

Seit Wochen schon suchen Myanmarer im Widerstand Schutz in Regionen, die von der KNU kontrolliert werden. Und wenn erst genügend von ihnen geflohen sind, um sich dem bewaffneten Widerstand anzuschließen, wird aus den friedlichen Protesten, denen die Weltgemeinschaft schon so lange zusieht, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Bürgerkrieg werden.

© SZ/reuters/saul
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