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Myanmar:Im Sumpf der Politik

Ghandi, Nelson Mandela, Aung San Suu Kyi - manchmal müssen die Ikonen eines Freiheitskampfes plötzlich regieren. Das geht nicht immer gut, denn die Politik verlangt auch unschöne Kompromisse. In Myanmar kann man das derzeit gut sehen.

Ikonen glänzen. Dafür werden sie verehrt. Aber es ist doch auch so, dass die Makellosigkeit dieser Bilder leicht angreifbar ist. Jeder Kratzer sticht schnell ins Auge und ist auch nicht so leicht wieder zu reparieren. Politiker haben gemeinhin keinen Heiligenschein. Doch hat es in der Weltgeschichte immer auch Figuren gegeben, die man als Glücksfälle für die Menschheit bezeichnet. Weil sie eben doch größer waren als andere.

Manche verkörperten einen selbstlosen Freiheitskampf. Gandhi in Indien war so einer. Und auch Nelson Mandela in Südafrika. In diesen Tagen nun fällt das Bild einer Lady in Asien auf: Aung San Suu Kyi. Nach fünf Jahrzehnten der Militärherrschaft in Myanmar steht die 70-Jährige vor der Aufgabe, das Land in eine neue Ära zu führen. Berühmt ist sie geworden durch ihren gewaltlosen Widerstand gegen ein unmenschliches Regime. Im Land sehen viele in ihr eine Freiheitsikone und Nationalheilige. International kam sie zu Ehren als Trägerin des Friedensnobelpreises. In den Jahren des Hausarrestes wuchs die Bewunderung - und hat sich verselbstständigt. Sie leuchtete über allem, wie ein Lampion, der den Weg Richtung Freiheit wies.

Was ist, wenn Freiheitshelden plötzlich regieren sollen?

Doch was geschieht eigentlich, wenn diese großen Menschen hinabsteigen müssen in die Niederungen der Politik, wenn sie ankommen in Parlamentsausschüssen, Sitzungen und in einer Welt der politischen Intrige? Können sie dann ihr glänzendes Bild noch bewahren? Gandhi wurde zum Märtyrer, als ihn ein Radikaler niederschoss. Freiheitsheld Mandela regierte, aber nur fünf Jahre lang. Dann trat er ab, was schon wieder für sich ein Zeichen von Größe war auf einem Kontinent, wo Präsidenten stärker als anderswo dazu neigen, den Präsidentensessel mit einem Thron zu verwechseln, der eine Regentschaft auf Lebenszeit verheißt.

Weil Mandela nach einer Amtszeit ging, wurde er noch einmal gefeiert. Als Präsident wirkte er jedoch manchmal unentschlossen und im Kampf gegen die Armut eher hilflos. Danach aber wuchs er schnell wieder hinein in die Rolle des nationalen Übervaters, der über allem schwebte und sich mit der Mühsal der Alltagspolitik nicht mehr zu beschäftigen brauchte.

Und Aung San Suu Kyi? Ihr Ansehen hatte schon erste Kratzer bekommen, weil sie in den Augen vieler Menschenrechtler die Verfolgung der muslimischen Minderheit in Myanmar nicht ausreichend anprangerte. Sie schwieg dazu auch weitgehend im Wahlkampf, weil es nicht populär in Myanmar ist, Rechte für Muslime einzufordern, die sich starker Diskriminierung und auch brutaler Gewalt ausgesetzt sehen.

So hat Aung San Suu Kyis Bild als Ikone gelitten, weil das politische Kalkül, die Wahl mit möglichst vielen Stimmen zu gewinnen, ihr in diesen Tagen doch wichtiger erschien, als menschenrechtliche Prinzipien hochzuhalten. Wenn sie ihre politische Macht nun nutzt, um die Entrechteten im Land zu schützen und die gefährlichen Phobien gegen die muslimische Minderheit zu bekämpfen, könnte sie diese Kratzer wieder auspolieren. Einem Platz unter den Großen käme sie dann wieder näher.

Aber womöglich liegt vieles gar nicht in ihrer Hand. Denn als Politikerin muss sie sich nun mit Kräften im Land arrangieren, die die Bevölkerung jahrzehntelang brutal geknechtet haben. Das ist Realpolitik und wenig geeignet, eine Ikone zum glänzen zu bringen. Wenn es ihr gelingt, in Myanmar in den kommenden Jahren ein demokratisches System zu festigen, so wäre aber auch das schon eine Leistung, die größten Respekt abverlangt.

Vorerst muss Aung San Suu Kyi darauf achten, dass sie sich im Morast des alten Regimes nicht verliert, dass sie einen Weg findet, diesen Sumpf Schritt für Schritt trockenzulegen. Dass sie dabei ganz ohne Makel bleiben wird, ist unwahrscheinlich.

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