Knapp eine Woche nach dem Putsch in Myanmar weiten sich die landesweiten Proteste gegen das Militär aus. In der Wirtschaftsmetropole und einstigen Hauptstadt Yangon (dem früheren Rangun) gingen am Sonntag an drei verschiedenen Orten Zehntausende Menschen auf die Straßen, wie das Nachrichtenportal Myanmar Now berichtete. Schon am Vortag hatten dort Tausende Menschen demonstriert. Mit harten Maßnahmen wie einer fast vollständigen Sperre des Internets hat das Militär bisher vergeblich versucht, den friedlichen Widerstand zu stoppen. Aus anderen Städten wurden ebenfalls Kundgebungen gemeldet.
Viele Protestierende hatten sich rote Bänder angesteckt oder trugen rote Luftballons bei sich. Rot ist die Farbe der "Nationalen Liga für Demokratie" (NLD) der am vergangenen Montag gestürzten De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi. In Sprechchören skandierten die Menschen: "Nieder mit der Militärdiktatur!" Viele zeigten den Drei-Finger-Gruß aus dem Hollywood-Blockbuster "Die Tribute von Panem". Im benachbarten Thailand ist diese Geste des Widerstands seit dem Putsch vom Mai 2014 verbreitet.
Nach Facebook hatten die myanmarischen Militärmachthaber am Samstag auch die Zugänge zu Twitter und Instagram blockieren lassen und die Sperre dann auf fast das gesamte Internet ausgeweitet. Die britische Organisation Netblocks, die weltweit Internetsperren dokumentiert, sprach von einem "landesweiten Internet-Blackout" in Myanmar. Das Datenvolumen sei am Samstag wegen Restriktionen und Stromsperren auf 16 Prozent des normalen Volumens gefallen.
Das Militär begründet die Sperre mit der "Verbreitung von Falschnachrichten"
Alle im Land aktiven Mobilfunkbetreiber seien von dem Ministerium für Transport und Kommunikation angewiesen worden, das mobile Internet temporär auszuschalten, teilte der norwegische Betreiber Telenor mit. Als Gründe für die Sperre habe die Regierung auf die "Verbreitung von Falschnachrichten" und "die Stabilität des Landes" verwiesen, so Telenor weiter. Das Unternehmen habe die Anweisung umgesetzt, um die Sicherheit der Mitarbeiter vor Ort nicht zu gefährden, sei jedoch zutiefst besorgt über die Einschränkungen. Medienberichten zufolge wurden die Sperren am Sonntag in Teilen wieder aufgehoben. Über die sozialen Netzwerke hatten Beschäftigte in Krankenhäusern und an Universitäten sowie Studierende zu Aktionen des zivilen Widerstands aufgerufen. Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter sowie Angestellte aus Behörden schlossen sich an.
Derweil wächst die Sorge, dass die Proteste gewaltsam niedergeschlagen werden könnten. Das Magazin Irrawaddy stellte ein Video ins Internet, wonach Polizisten am Sonntagmittag (Ortszeit) in der Stadt Myawaddy im Bundesstaat Karen an der Grenze zu Thailand Gummigeschosse in eine Menge von mehreren Hundert Demonstranten feuerten. Sechs Personen wurden demnach verhaftet.
Dutzende Menschen sind seit dem Putsch verhaftet worden
Der UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in Myanmar, Tom Andrews, appellierte an die internationale Gemeinschaft, der pro-demokratischen Bewegung zur Seite zu stehen: "Die mutige Bevölkerung in Myanmar soll wissen, dass sie nicht allein ist, wenn sie ihre fragile Demokratie verteidigt", erklärte Andrews am Sonntag. Den UN-Menschenrechtsrat forderte er auf, unverzüglich eine Sondersitzung einzuberufen. Demnach sind mehr als 160 Personen seit Beginn des Putsches verhaftet worden. Darunter sind vor allem Angehörige der gestürzten Regierung sowie Mitglieder von Bürgerrechtsorganisationen. Viele weitere Menschen sind laut Andrews untergetaucht. Zwischenzeitlich hatte es Gerüchte gegeben, Suu Kyi sei aus dem Hausarrest entlassen worden. Diese erwiesen sich jedoch als falsch.
Die Armee hatte den Putsch mit angeblichem Wahlbetrug begründet, ohne Beweise vorzulegen. Die Wahlen vom 8. November hatte Suu Kyis NLD klar gewonnen. Die Partei des Militärs war unterlegen. Schon in der Vergangenheit stand Myanmar (früher Birma) fast 50 Jahre unter Militärherrschaft. Erst 2011 hatte eine vorsichtige politische Öffnung begonnen.
