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Mutmaßlicher Kriegsverbrecher: Zuflucht in Lazarevo:"Auch für 100 Millionen hätte ich Mladic nicht verraten"

Im Dorf, in dem er gefunden wurde, gilt Ratko Mladic als Held. Nicht einmal für viel Geld hätten sie den mutmaßlichen Kriegsverbrecher an die Polizei ausgeliefert, sagen Einwohner. Eine Bürgerinitiative will nun am liebsten den ganzen Ort nach ihm benennen - während der Cousin des "Schlächters von Srebrenica" so tut, als wäre nichts passiert.

Die Idylle wird gleich am Stadtrand von Belgrad sichtbar. Sobald man die einzige Brücke, die die Donau überquert, hinter sich gelassen hat, beginnt ein weites Feld. Sattgrüne Wiesen, Paprika-Plantagen und sorgfältig bestellte Äcker, auf denen Mais, Weizen, Sonnenblumen und Zuckerrüben wachsen, prägen das Landschaftsbild. Am Straßenrand verkaufen stämmige Bäuerinnen Kirschen und Äpfel, viele Traktoren sind unterwegs. Die nordserbische Provinz Vojvodina gilt als Kornkammer der Region. Die Ortstafeln verraten, dass das Gebiet multiethnisch ist. Zrenjanin, die erste größere Stadt, heißt auf Ungarisch Nagybecskerek, auf Deutsch Großbetschkerek, auf Slowakisch Zreñanin. Die Ortschaft ist allein wegen ihrer ethnischen Vielfalt eine Reise wert.

A general view of the house where General Ratko Mladic was arrested in the village of Lazarevo

In diesem Haus in dem Dorf Lazarevo wurde Ratko Mladic festgenommen. Es gehört Mladics Cousin Branko, einem Schweinebauern.

(Foto: REUTERS)

Doch an diesem Frühlingstag suchen Heerscharen von Journalisten, Schaulustige und empörte Nationalisten das Dorf Lazarevo. Hier wurde am Donnerstag der mutmaßliche Kriegsverbrecher Ratko Mladic festgenommen. Vor der Ortstafel machen Fernsehteams die ersten Bilder. In der Dorfkneipe sitzen behaarte, dickbäuchige Männer, auf den Tischen stehen Tassen mit der turska kafa, dem türkischen Kaffee. Daneben Gläser, die fleißige Kellner mit Zwetschgenschnaps füllen. Hier kennt jeder jeden, es ist alles überschaubar. Als Ausländer fällt man sofort auf. "Ihr seid bestimmt wegen des Karnevals um Mladic gekommen", sagt ein junger Mann.

Neben dem Restaurant steht ein Denkmal, das an Soldaten der Roten Armee erinnert, die 1944 gegen die örtlichen Donauschwaben gekämpft hatten. Als die jugoslawischen Kommunisten die Macht übernahmen, wurden die Deutschen vertrieben. In ihre Häuser zogen arme Bauern aus den bosnischen Bergen, Serben vor allem, unter ihnen Verwandte von Ratko Mladic.

Das Haus von Branko Mladic befindet sich an der Vuk-Karadzic-Straße, benannt nach dem großen serbischen Linguisten, der schon von Goethe gepriesen wurde. Dem "tüchtigen Mann" hätten die Serben das erste Wörterbuch und die erste Grammatik ihrer Sprache zu verdanken, schrieb der deutsche Dichterfürst. Davon haben die Männer und Frauen, die sich hier versammelt haben, gehört. "Wir sind eine geschichtsbewusste Nation", meint ein Rentner. Über die jüngste Geschichte und das Versteck von Mladic will er aber nicht sprechen. Er macht sich mit seinem Rad schnell aus dem Staub.

Rund um das Haus stehen leicht bewaffnete Polizisten. Am Donnerstag war es hier zu wüsten Szenen gekommen. Anhänger des mutmaßlichen Kriegsverbrechers blockierten die Straße, stellten einen Traktoranhänger vor den Eingang, um Fotografen und Kameraleuten die Sicht zu versperren, beschimpften die aus Belgrad angereisten Journalisten als Verräter.

Die Rangeleien gehen am Freitag weiter. Eine serbische Fernsehjournalistin wird während einer Liveschaltung beinahe überfahren, zwei fast zahnlose Frauen, die sich als Nachbarinnen der Familie Mladic vorstellen, versuchen, Beobachter zu vertreiben. Endlich, nach langem Zögern, ist die jüngere Frau bereit, etwas zu sagen. Sie nennt die Aktion eine Farce. Nie habe man Ratko Mladic gesehen, er habe hier nicht gelebt. "Ich vermute, die Polizei hat ihn anderswo geschnappt und hierhergebracht." Die Behörden hätten gewusst, dass hier Verwandte von Mladic leben, aber nie sei das Gelände durchsucht worden. Staatschef Boris Tadic sei ein Lakai des Westens, er habe alle serbischen Helden an das UN-Tribunal in Den Haag ausgeliefert.

Es gibt in Lazarevo jetzt eine Bürgerinitiative: Künftig soll die Ortschaft Mladicevo heißen. "Das werden die Mächtigen in Belgrad kaum zulassen", sagt die Frau. "Aber wenigstens eine Straße mit dem Namen von Mladic wäre in Ordnung." Plötzlich fährt ein Traktor aus dem Innenhof, am Steuer sitzt Branko Mladic, der zwei Schweine auf den Markt bringt. Er wurde nach der Festnahme seines berüchtigten Cousins stundenlang von der Polizei verhört und wieder freigelassen. Nun tut der Bauer so, als sei nichts passiert, ignoriert stoisch die Weltöffentlichkeit vor seinem Haus und geht seiner Arbeit nach. In einem nahen Kioskladen hat sich eine Männerrunde zusammengefunden. "Nie hätte ich ihn verraten, auch für 100 Millionen Euro nicht", sagt einer im Brustton der Überzeugung.

Keiner der Bewohner von Lazarevo will an diesem Tag seinen Namen preisgeben. In dem Dorf leben auch viele Familien, die sich nach dem Bosnien-Krieg hier niedergelassen haben. Sie sehen sich ausschließlich als Opfer, viele sehen General Mladic als Beschützer und nicht, wie das Haager Tribunal, als Schlächter von Srebrenica.

Zurück nach Belgrad. Die Menschen in der Hauptstadt Serbiens genießen den Frühlingstag, hinter dem früheren jugoslawischen Bundesparlament marschiert gerade eine Blaskapelle. In der Nacht auf Freitag gingen ein Dutzend Hooligans auf die Straße, um für Mladic zu demonstrieren. Doch die große Mehrheit der Serben blieb zu Hause. Mladic galt zuletzt nur noch als Hindernis für die EU-Integration des Landes. Es sind Randgruppen, die ihn verehren.

Die Presse überbietet sich mit Geschichten über die 16 Jahre währende Flucht Mladics. Die kroatische Zeitung Jutarnji list, die als erste die Festnahme des gesuchten Kriegsverbrechers vermeldete, schreibt, ein Vertrauensmann der Polizei habe Mladic anhand seines Fingerrings identifiziert, den er auch im Bosnien-Krieg trug. Das Belgrader Blatt Blic meldet, der Angeklagte habe eine Plastiktasche mit neuesten Medikamenten bei sich gehabt, die er ohne Konsultationen mit einem Arzt kaum hätte beziehen können. Weiter heißt es, Mladic sei in den vergangenen Jahren als Bauarbeiter in Zrenjanin tätig gewesen. Dies habe ein Student bestätigt, der mit dem heute 69-Jährigen gearbeitet haben soll. Eines der Bauprojekte sei sogar von der EU finanziert worden.

Solche Geschichten wird man in den nächsten Tagen immer wieder lesen und hören, doch im Vordergrund steht nur eine Frage: Was wussten die Behörden über den Aufenthaltsort? Kritiker in Belgrad werfen der Regierung vor, sie habe erst jetzt zugeschlagen, um als Belohnung den EU-Kandidatenstatus für Serbien zu erhalten. Staatschef Boris Tadic reagierte empört auf solche Beschuldigungen. In einem CNN-Interview sagte er, es sei eine Dummheit zu glauben, die Behörden hätten gewusst, wo sich Mladic verstecke.

Auf einem Bild, das die renommierte Zeitung Politika am Freitag veröffentlichte, sieht der frisch rasierte General abgemagert, entkräftet, gealtert aus. Bei seiner Festnahme war er offenbar bewaffnet mit zwei geladenen Revolvern. Er habe aber keinen Widerstand geleistet, sagten Regierungsvertreter. Zum Polizisten, der ihn als Erster aufspürte, sagte Mladic: "Alle Achtung! Ihr habt den gefunden, den ihr gesucht habt!" Am Freitag wünschte er sich Erdbeeren und ein Fernsehgerät in seine Zelle in einem Belgrader Gefängnis. Die serbischen Behörden hatten am Donnerstagabend die Vernehmung Mladics abgebrochen, angeblich wegen seines schlechten Gesundheitszustandes. Am Freitag entschied das serbische Spezialgericht für Kriegsverbrechen, dass Mladic an das UN-Gericht in Den Haag ausgeliefert werden könne. Sein Sohn Darko meinte dagegen, er sei in schlechter Verfassung, die Familie will russische Mediziner beiziehen. Doch solche Wünsche werden für den Schlächter von Srebrenica wohl nicht in Erfüllung gehen. Er dürfte bald im Flugzeug nach Den Haag sitzen.

Lazarevo

Maldics Unterschlupf